Beten ist viel mehr als nur Bitten

Predigt vom 25.5.2025 über Joh 16

Es ist nachösterliche Zeit. Jubeln, Singen Beten: Sie bilden einen Dreiklang in dieser Zeit. Denn mit der Auferstehung Jesu geht etwas Neues auf: Eine neue Schöpfung, eine neues Leben – und eine neue Beziehung zu Gott. Sie durchdringen unsere Lebenswirklichkeit. Aber sie verdrängen sie nicht.

Somit leben wir Christinnen und Christen in einem Spannungsfeld: Es wird bestimmt von dem, was jetzt schon ist, was aber noch nicht vollendet ist. Mit dieser Spannung müssen wir umgehen lernen – gegen alle Erkenntnis und alle Vernunft. Sie löst sich nicht auf – jedenfalls noch nicht. 
Umso mehr staune ich über diese Worte Jesu an seine Jünger. Diese Worte fragloser Gewissheit: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“
Diese Worte und diese Gewissheit widersprechen meiner und der Gebetserfahrung so vieler Menschen vor und nach mir. Nicht alle Bitten werden erhört. Leider. Ich denke dabei weniger an die Menschen, die vergeblich um einen Sechser im Lotto oder den Studienplatz an der favorisierten Uni beten, sondern an die Menschen, die sich in einer ernsthaften Notsituation an Gott wenden. Ich denke an die Menschen in den Gefängnissen und Konzentrationslagern und Schützengräben dieser Welt. An Menschen, die mit einer schweren Krankheit ringen, und an die, die sich um sie sorgen. Ich denke an die Menschen, die um ihre langjährige Ehe bangen, um ihr Auskommen, ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder. Ich denke an die Einsamen, Trauernden, Verzweifelten.
Wie viele existentielle Bitten im Laufe der Menschheitsgeschichte an Gottes Ohr gedrungen sind: klagend, flehend, stotternd und in stummen Seufzern? Und wie viele davon wurden erhört? Ich weiß es nicht. So viele Menschen beten ein Leben lang – und es geschieht vermeintlich nichts. 
Es gibt aber auch Beispiele, wo Menschen erleben, dass ihnen gegeben wird, worum sie gebetet haben. Auch die Bibel erzählt davon. Warum ist das so? Handelt Gott willkürlich? Haben die Menschen, die nicht erhört werden, nicht richtig gebetet? Oder meint Jesus gar etwas anderes, wenn er darauf beharrt: „Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei“?
Die Antwort darauf ist nicht leicht. Und ich vermag ihr gewiss nur in Ansätzen gerecht zu werden. Was ich aber mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, ist, dass die Jünger in der damaligen Situation (am Vorabend vor der Gefangennahme Jesu) auch nicht verstehen, worum es Jesus in seiner Rede geht. Sie spüren eine große Traurigkeit und Angst, weil sie merken, dass Jesus im Begriff ist, sich von ihnen zu verabschieden und sie zu verlassen. Sie fürchten sich ohne seinen Schutz vor dem Leben und der Zukunft.
Jesus kann sich gut in sie hineinversetzen (und ich denke, etwas von ihrer Angst steckt auch in ihm, wenn er freimütig zu ihnen spricht: „In der Welt habt ihr Angst“: Aber dann schließt er mit diesem unverbrüchlichen Vertrauen: „[S]eid getrost“, ich habe die Welt überwunden.“
Diese Spannung von Schon-Jetzt und Noch-Nicht. Für den Verfasser der dritten Generation nach Jesu Tod ist sie gesetzt. Und sie durchzieht das jüngste der vier Evangelien als durchgängiges Erzählprinzip. Der Autor sieht sich nicht mehr in der Rolle eines Zeitzeugen und Chronisten. Vielmehr reflektiert er die Lebensgeschichte Jesu aus der nachösterlichen Perspektive – aus der Perspektive des auferstandenen und verherrlichten Jesu. Sein Wahrheitsanspruch legitimiert sich aus der durch den Geist erwirkten „Erinnerung“. An dieser Perspektive möchte der Verfasser seine Leser*innen teilhaben lassen. Darum sind sie den Protagonisten der Geschichte immer einen Schritt voraus. Sie und wir profitieren von dem Wissen über die Auferstehung Jesu und seiner Geistesgegenwart in der Welt. Wir stehen bereits im Glanz der Ewigkeit, der in die dunkle Welt dringt und sie durchdringt.
Aber an dieser Gewissheit (unserem Schon-Jetzt) festzuhalten, ist für uns nicht leicht. Wir stecken, wie die Jünger damals, noch immer in einer Welt, die uns ängstigt. Wir sind, wie alle Geschöpfe, verletzlich und sterblich – und mit der uns anvertrauten Freiheit überfordert. Wir suchen Schutz und Rat und Hilfe bei einem unsichtbaren Gott, der sich in Christus den Menschen genaht hat und dann doch wieder zurückgekehrt ist zum himmlischen Vater.
Und wir warten seit bald 2.000 Jahren auf seine Wiederkunft. Je länger wir warten, umso schwerer wird es, an dieser Gewissheit festzuhalten. Was uns bis dahin bleibt, ist ein Bild: ein starkes Bild, das eine große emotionale Bindung aufbaut. Es ist das Bild von Gott Vater. 
In seiner Abschiedsrede zementiert Jesus dieses Bild und lenkt den Blick seiner Jünger (und auch unseren Blick) weg von der sichtbaren Gestalt Jesu hin zu dem einen unsichtbaren Gott und seiner Liebe zu den Menschen: „Denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ 
Ich verstehe diese Worte so: Löst euch von meiner Gestalt, wendet euch an den Vater. Er wird immer bei euch sein, auch wenn ich mich jetzt von euch verabschiede. Und seid nicht traurig, wir bleiben verbunden in dieser Liebe, die von Gott ausgeht. Denn meine Liebe hat ihren Ursprung in Gott, sie fließt durch mich hindurch, sichtbar und unsichtbar, verbindet euch untereinander und wieder mit dem Vater.
Damit diese Verbindung nicht abreißt, legt Jesus seinen Jüngern das Beten „in seinem Namen“ nahe. „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben“ (Jh 16, 23 a).
Der Hinweis „in meinem Namen“ strahlt in zwei Richtungen aus: Er erinnert uns an den einen Menschensohn, der Gott über alles und die Menschen mehr als sich selbst geliebt hat und daran, dass wir (wie Jesus selbst) Kinder Gottes sind. 
Folglich bedeutet Beten viel mehr als nur Bitten. Beten bedeutet in Beziehung sein mit dem himmlischen Vater. Ihm kann und darf mich mit der Freiheit eines Kindes anvertrauen. Vor ihm kann und darf ich alle meine Bedürfnisse und Anliegen aussprechen. Gott wird mir zwar nicht jeden Wunsch erfüllen wollen und auch nicht jedes Leid ersparen können – das wollen und können Eltern im realen Leben auch nicht. Aber Gott, unser himmlischer Vater, hört zu. Er interessiert sich für mich und mein Leben. Ich bin ihm nicht egal. Und er will für mich da sein. An guten und schlechten Tagen.
Mir ist dieses In-Beziehung-Sein eine große Hilfe, gerade dann, wenn das Leben herausfordernd wird und ich an meine Grenzen komme. Und ich bemerke, dass ich heute, in letzten Drittel meines Lebens, anders bete als früher. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich?!
Was ich damit meine, versuche ich Ihnen über ein Wortspiel zu beschreiben, das aber nur in unserer deutschen Sprache funktioniert. Das Wort Gebet geht ja ursprünglich auf die Verben beten und bitten zurück. Wenn man aber die erste Silbe betont statt der zweiten: also nicht zum Gebet auffordert, sondern die Gemeinde auffordert: Gebet!? Dann verbindet es sich plötzlich mit dem Verb geben und seinen Konnotationen: abgeben, aufgeben, nachgeben, mitgeben, preisgeben, übergeben, zugeben, vergeben. Vielleicht legen Sie gedanklich gerade noch ein paar weitere dazu …
Diese Verben beschreiben ziemlich treffend, was Beten für mich – heute – bedeutet. 
Abgeben: Wenn ich bete, gebe ich meine eigene Verantwortung ab, da wo ich an meine Grenzen stoße.
Aufgeben: Wenn ich bete, dann gebe ich zwar meine Hoffnung nicht auf, dass sich etwas ändern könnte, aber ich gebe auf, mir immer wieder etwas vorzumachen.
Nachgeben: Wenn ich bete, dann beharre ich nicht mehr auf meinen Wünschen, weil ich darauf vertraue, dass Gottes Wille besser ist als all mein Wünschen.
Mitgeben: Wenn ich bete, will ich Gott nicht nur das Schlechte anvertrauen, sondern auch Gutes mitgeben: meine Freude, meine Dankbarkeit, meine tief empfundene Liebe. 
Preisgeben: Wenn ich bete, gebe ich auch meine Geheimnisse, meine Schwachstellen preis. Gott kennt sie eh, aber mir werden sie manchmal erst im Gebet bewusst.
Übergeben: Wenn ich bete, dann übergebe ich Gott all meine Sorgen um die Menschen, die ich liebe. Und ich vertraue sie seiner schützenden Hand an.
Zugeben: Wenn ich bete, dann denke ich immer wieder über mein Verhalten nach. Ich gestehe vor Gott meine Fehler ein. Das fällt mir im Beten viel leichter, weil ich spüre, dass Gott mir diese auch zugesteht.
Vergeben: Das schönste Wort habe ich mir für den Schluss aufgehoben – vergeben! Wenn ich bete, merke ich, dass ich viel leichter anderen vergeben kann, weil ich selbst jeden Morgen und jeden Abend aus Gottes reicher Gnade lebe.
Beten ist kein Garant dafür, dass existentielle Notlagen beendet werden, aber beten hilft in existentiellen Notlagen, Kraft zu schöpfen, Geborgenheit zu finden, zuversichtlich zu bleiben. Und, wie Jesus es seinen Jüngern verspricht, Frieden zu haben.
Liebe Gemeinde,
es ist nachösterliche Zeit. Jubeln, Singen Beten: Sie bilden einen Dreiklang in dieser Zeit. Denn mit der Auferstehung Jesu geht etwas Neues auf: Eine neue Schöpfung, eine neues Leben – und eine neue Beziehung zu Gott. Sie durchdringen unsere Lebenswirklichkeit. Aber sie verdrängen sie nicht. Noch nicht.
Amen
 
Ansprechperson

Parvin Niroomand

Ältestenkreis

Parvin Niroomand ist Kirchenälteste und Prädikantin. Sie wohnt in der Weststadt.
 



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