Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du

Auslegung zur Haltestelle Christuskirche am 21.6.2026

Unser Bibeltext für heute Abend steht am Anfang des letzten Kapitels im Hebräerbrief. Der Briefschreiber kommt so langsam zum Schluss, und er tut das - wie in vielen anderen neutestamentlichen Briefen - mit Ermahnungen an die Gemeinde, bevor er dann ganz am Ende zu den Grüßen und Segenswünschen kommt.

Frau die eine Tanzpose macht
1 Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe!
2 Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht - so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, weil auch ihr Gefangene seid; denkt an die Misshandelten, weil auch ihr Verletzliche seid.
(Hebräer 13, 1-3)
 
Das erinnert mich gleich an das Gebot der Nächstenliebe aus dem 3. Buch Mose, Kapitel 19, und auch an das - weniger bekannte und sehr ähnlich klingende - Gebot der Fremdenliebe aus dem gleichen Kapitel. “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” und “Wie ein Einheimischer soll euch der Fremde gelten, der bei euch lebt. Und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde gewesen im Land Ägypten.” An beiden Stellen könnte der Text statt “wie dich selbst” auch mit “er ist wie du” übersetzt werden.
 
Dieses 19. Kapitel im 3. Buch Mose beginnt mit dem Satz “Ihr sollt heilig sein, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.”, und der ganze Rest des Kapitels besteht aus einer leicht chaotischen Aufzählung von Regeln, wie dieses Heiligsein im einzelnen geht. Regeln für das religiöse Leben - wie man richtig Opfer darbringt und dass man den Schabbat halten und keine anderen Götter anbeten soll - stehen mitten zwischen Regeln für das alltägliche Leben - nicht stehlen, nicht betrügen, Mitmenschen nicht ausbeuten und unterdrücken, keine Rache üben, Fremde und Arme unterstützen, und vieles mehr. Und dazwischen stehen diese beiden Gebote der Nächsten- und Fremdenliebe.
 
Schon die jüdische und dann auch die christliche Tradition haben diese “Liebe” nicht als ein Gefühl, sondern als ein Handeln ausgelegt: sie bedeutet nicht, jemanden ganz großartig zu finden, sondern ihm tatkräftig zu helfen. Und der “Nächste” ist auch nicht unbedingt jemand, den ich gern habe oder der mir besonders nahe steht. Im Gegenteil, der Satz unmittelbar davor sagt, du sollst nicht Rache üben und deinen Mitmenschen nichts nachtragen - sondern deine Nächsten lieben, wie dich selbst, weil sie sind wie du. Der “Nächste” kann also jemand sein, mit dem ich gerade konfrontiert werde, obwohl mir das vielleicht gar nicht so lieb ist.

Der Briefschreiber greift dieses Thema der Nächsten- und Fremdenliebe mit seinen Ermahnungen auf: Liebt weiter die, die euch vertraut sind - aber vergesst nicht die zu lieben, die euch fremd sind. Manche, so schreibt er, haben dadurch schon Engel beherbergt - wohl dadurch, dass sie Fremde als Gäste aufgenommen haben.
 
Engel sind in der Bibel Boten Gottes. Sie haben uns Menschen etwas mitzuteilen, wie der Engel in der Weihnachtsgeschichte: Fürchtet euch nicht, euch ist der Heiland geboren. Wer Fremde aufnimmt - überhaupt, wer sich fremden Menschen zuwendet - der kann etwas Neues erfahren, dem wird etwas mitgeteilt. Manchmal auch etwas, das man nicht gern hören möchte. Unsere Gemeindemitglieder, die im Cafe Talk mitarbeiten, könnten bestimmt davon erzählen.
 
Denkt an die Gefangenen, denn ihr seid auch gefangen. Wie jetzt? Ich sitze doch gar nicht im Gefängnis? Das stimmt, aber wir lassen unsere Freiheit oft genug durch andere Dinge als Gefängnisgitter einschränken. Was hält mich gefangen?
 
Denkt an die Misshandelten, denn ihr seid auch verletzlich. Ja, da ist was dran. Wir alle sind verletzlich, wir alle werden manchmal verletzt, und ich fürchte, wir alle verletzen auch manchmal andere, oft ohne es zu wollen. Das gehört zu den Dingen, die wir Menschen alle gemeinsam haben.
 
Auch der Schreiber dieses Briefes scheint an dieses “die Nächsten - und die Fremden - sind wie du” gedacht zu haben, als er diese Worte schrieb.
 
Dabei ist das manchmal eine Zumutung. Mörder oder Gewaltverbrecher oder Neonazis sind wie ich? Das ist schwer zu ertragen. Aber es stimmt: Das sind Menschen, und ich bin auch ein Mensch. Ich muss und ich will ihre Taten und Einstellungen nicht gutheißen, aber ich darf ihnen ihre Menschlichkeit nicht absprechen, so schwer das manchmal ist. Wenn wir aufhören, andere Menschen als Menschen zu sehen, dann ist der Weg nicht mehr weit zu einer unmenschlichen Gesellschaft. Oder zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
 
Gleichzeitig kann das “sie sind wie du” aber auch eine Beziehung herstellen, wo allem Anschein nach erstmal keine ist. Was habe ich denn gemeinsam mit Flüchtlingen aus einem Kriegsgebiet? Mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben? Mit Drogenabhängigen auf der Straße? Mit ausgebeuteten Fabrikarbeiterinnen am anderen Ende der Welt? Scheinbar wenig, aber: Das sind Menschen, und ich bin auch ein Mensch. Auch wenn es mir schwerfällt, mir ihre Situation auch nur vorzustellen, unser Menschsein verbindet uns.
 
Nächstenliebe bedeutet nicht nur Liebe für die, die mir sympathisch sind oder mit denen ich besonders viel gemeinsam habe. Die kann ich natürlich auch lieben, aber meine Nächsten sind auch die, mit denen mich außer dem Menschsein wenig verbindet.

Liebe deinen Nächsten, er ist wie du. Das hat etwas Entwaffnendes. Es heißt: Begegne dem anderen so, wie du es brauchst, dass man dir begegnet. Aufmerksam, respektvoll, ohne ein fertiges Bild. Lass ihn leben. Hilf ihm leben. Nimm ihn ernst. Schüttel ihn auch mal, wenn’s sein muss, damit er merkt, wo er etwas angerichtet hat.
 
Liebe deinen Nächsten - er ist wie du - auch wenn er ganz anders ist als du. 
 
Amen
 
Ansprechperson

Martin Bienwald

Ehrenamtlicher

Martin Bienwald macht mit bei der "Haltestelle Christuskirche". Er singt im Gospelchor und tanzt beim Israelischen Tanz. Im Liturgieausschuss denkt und plant er mit.