Der große Fischfang

Predigt beim Tauffest am 19.07.2026 zu Lk 5,1-11

Die große Menschenmenge drängte. Sie wollten unbedingt diesem Jesus zuhören. Diesem Wanderprediger, der freundlich war, kluge Sachen zu sagen hatte und wundersame Dinge vollbrachte. Doch es gab einfach nicht genug Platz dort am See Genezareth. Zwei Boote kamen Jesus da ganz gelegen, die direkt am Ufer lagen.

Ganz leer waren die Boote, denn die dazugehörigen Fischer waren an Land gegangen, um ihre Netze zu waschen. Also stieg Jesus in eines der Boote. Dieses gehörte einem Mann namens Simon. Und Jesus fragte ihn, ob er nicht ein Stück hinausfahren könnte. So musste das Volk nicht mehr so drängen. Und Jesus predigte, sprach von Gottes Reich und seiner Botschaft.
 
Irgendwann hörte er auf zu reden und wandte sich dann an Simon, den Bootsbesitzer.
„Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“
Simon schien verwirrt. Waren sie nicht schon die ganze Nacht unterwegs gewesen, ohne einen einzigen Fisch gefangen zu haben?
Trotzdem. Er will es versuchen.
„Auf dein Wort hin“, so spricht er, „will ich die Netze auswerfen.“
 
Und dann, als sie das taten, fingen sie doch tatsächlich eine so große Menge Fische, dass sogar ihre Netze zu reißen begannen. Schnell winkten sie den Freunden im anderen Boot zu, dass sie kommen und mithelfen sollten. Beide Boote waren am Ende so voll beladen, dass sie die Last kaum tragen konnten und beinahe zu sinken drohten.
Simon Petrus reagierte als Erster. Er fiel Jesus zu Füßen, machte sich also klein vor ihm und sagte:
„Herr, geh weg von mir! Ich bin ein Mensch voller Fehler.“
Simon Petrus hatte sich nämlich total über diesen Fang erschrocken. Nicht nur er, sondern allen Beteiligten ging es so.

Aber Jesus ermutigte Simon und sagte:
„Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du nicht mehr Fische fangen, sondern Menschen.“
Und das machten Simon Petrus und seine Freunde. Sie folgten Jesus nach.
 
Das war eine Geschichte aus dem Lukasevangelium. In dieser Geschichte hat Jesus nicht nur die Menge im Blick, sondern auch den Einzelnen. Denn aus all den vielen Menschen ist es Simon, der angesprochen wird. Ganz persönlich. In einer Begegnung, die zunächst zufällig wirkt, wird eine ganze Biografie umgeschrieben.

Ich bin immer wieder überrascht, wie Simon reagiert. Eigentlich würde ich Jubel erwarten. Stolz. Erleichterung. Vielleicht malt er sich schon aus, was er mit diesem Fang alles machen könnte. Das Boot müsste doch längst ausgebessert werden. Vielleicht braucht es ein neues Segel. Vielleicht könnte man sogar ein zweites Boot anschaffen.
 
Doch stattdessen erschrickt er. Er fällt auf die Knie und erkennt: Hier steht jemand vor ihm, der größer ist als alles, was er bisher erlebt hat. Die Begegnung mit Jesus verändert seinen Blick auf sich selbst, auf sein Leben und auf seine Zukunft.
 
Und Jesus? Er sagt nicht: „Gut gemacht, Simon. Du bist offenbar ein besonders begabter Mensch.“ Er lobt ihn nicht für seine Leistung. Er wartet auch nicht, bis Simon alles verstanden hat. Im Gegenteil.

Gerade als Simon seine Grenzen erkennt, gerade als er seine Fehler sieht und erschrickt, sagt Jesus: „Fürchte dich nicht.“
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Sätze dieser Geschichte.
Denn Petrus wird nicht berufen, weil er besonders stark ist. Er wird nicht berufen, weil er alles richtig macht. Er wird berufen, obwohl er sich selbst für unzulänglich hält.
Und genau deshalb passt diese Geschichte so gut zu einer Taufe.
 
Am Anfang der Geschichte steht die große Menschenmenge. Jesus predigt nicht nur für Einzelne. Seine Botschaft gilt vielen. Sein Blick ist weit. Das erinnert daran, dass Taufe immer auch bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu werden. Niemand glaubt allein. Wer getauft wird, wird hineingenommen in die Gemeinschaft der Christinnen und Christen.
Aber dabei bleibt es nicht.
Mitten in der Menge richtet Jesus seinen Blick auf Simon. Er kennt ihn. Er spricht ihn an. Er traut ihm etwas zu.
Und so ist es auch in der Taufe.
Gott sagt nicht nur: „Ihr Menschen seid mir wichtig.“
Er sagt: „Du bist mir wichtig.“
Du bist gemeint.
 
Mit deinem Namen. Mit deiner Geschichte. Mit allem, was einmal aus dir werden wird. Und mit allem, was heute noch unfertig ist.
Taufe bedeutet deshalb zuerst Gottes Ja zu einem Menschen. Ein Ja, das nicht verdient werden muss. Ein Ja, das nicht davon abhängt, ob jemand stark glaubt, alles versteht oder keine Fehler macht.
Vielleicht ist genau das die Hoffnung, die wir heute feiern.
 
Die eigentliche Überraschung dieser Geschichte sind nämlich nicht die vielen Fische.
Die eigentliche Überraschung ist, dass Petrus am Ende die Fische zurücklässt.
Was er gefunden hat, ist größer als das, wonach er in dieser Nacht gesucht hat.
Und vielleicht ist das die Hoffnung jeder Taufe:
 
Dass Gott Menschen immer wieder mehr schenken will, als sie gerade vor Augen haben.
Nicht unbedingt vollere Netze.
Aber einen Weg.
Eine Hoffnung.
Eine Gemeinschaft.
Und die Gewissheit, dass sie auf diesem Weg nicht allein sind.
Amen.

Pfarrerin Veronika Kurlberg