Schon mal was verloren? Also nicht nur so was wie: „Portemonnaie vergessen“. Sondern richtig verloren? Wo der Puls hochgeht. Wo du im Kopf alles rückwärts abläufst: „Wo war ich heute? Was hatte ich an? Wer war dabei?“
mittendrin
Predigt vom 29.5.2025 über 1. Könige 8,27
Hier ist unser kleines Fundbüro. [Du ziehst Dinge raus: ein Schal, ein Kuscheltier, eine Trinkflasche, ein Schlüsselbund.] Manche Dinge sehen wertlos aus. Aber für jemanden waren sie alles.
Was habt ihr schon mal verloren – und wiedergefunden?
– „Mein Schlüssel. Drei Tage später in der Wiese.“
– „Mein Kind im Supermarkt. Horror.“
– „Mein Ehering. Im Garten. Nach einem Jahr wieder da.“
– „Mein Glaube.“ – (Du wiederholst das leise. Vielleicht nicken Menschen.)
Und dann gibt’s das andere Verlieren. Nicht das Vergessene, sondern das Fehlende. Menschen, die gehen. Freundschaften, die abbrechen. Lebensfreude, die weg ist. Oder das Gefühl: „Ich bin verloren gegangen. Irgendwo zwischen Alltag, Terminen und diesem Druck, alles richtig zu machen.“
Verlieren ist schwer. Und das Wiederfinden… ist nicht immer garantiert.
Das Volk Israel hat einiges hinter sich.
Wanderung durch die Wüste. Kämpfe. König Saul. König David. Zerreißproben, Zweifel, Chaos. Und immer wieder das Gefühl: Gott ist nicht (mehr) da.
Sie haben die Bundeslade – also das alte Zeichen von Gottes Nähe – mit sich herumgetragen, ohne festen Ort. Kein Zuhause für Gott, kein Ort der Sicherheit.
Und dann kam diese große Idee auf: Gott ein Haus zu bauen. Einen Ort, an dem er nicht mehr verloren gehen kann. Einen Ort, der bleibt.
Es begann eine lange Zeit der Planung, dann sieben Jahre Bauzeit. Und dann – endlich, nach so vielen Jahren unterwegs, nach so viel Unsicherheit und Reise – war der Tempel fertig.
Und jetzt stand er da. Der Palast. Das Zeichen. Ein Ort für Gott.
Und man denkt: Jetzt ist alles gut. Jetzt ist alles fest. Jetzt haben wir ihn wieder. Gefunden.
Und genau in diesem Moment tritt Salomo vor das Volk, breitet seine Hände aus und sagt:
> „Wohnt Gott wirklich auf Erden?
Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen –
wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe!“
(1. Könige 8,27)
Was für ein Satz.
Salomo entzaubert den Tempel. Er sagt: „Leute – das hier ist nicht Gott in der Box. Gott ist kein Museumsstück. Kein Haustier. Kein Souvenir.“
Denn er weiß:
Gott ist nicht festzuhalten. Nicht einmal in unseren schönsten, größten, heiligsten Momenten.
Und das ist eigentlich der Moment, in dem das Bibelwort so aktuell wird wie selten. Denn genau so leben wir doch auch:
Wir sehnen uns nach Sicherheiten. Wir wollen Dinge zurück, die wir verloren haben. Wir hoffen: Wenn ich das wieder habe – dann ist alles gut. Beziehung. Gesundheit. Freude. Glaube. Heimat.
Aber Salomo sagt: Gott ist größer als eure schönsten Momente – aber er ist euch auch näher als eure schwersten.
Verbindung zu Himmelfahrt.
Himmelfahrt klingt erstmal, als würde Gott uns noch weiter weg sein.
Jesus geht in den Himmel – okay, danke fürs Verlassen, oder was?
Aber genau das Gegenteil ist die Idee:
Jesus geht nicht weg – er geht weiter.
Nicht mehr an einen Ort gebunden. Sondern überall möglich. Mittendrin.
Er wohnt nicht nur im Tempel. Nicht im Glück allein. Nicht in der Vergangenheit. Sondern mittendrin.
Im Chaos. In der Suche. In deinem Alltag.
Vielleicht hast du was verloren.
Vielleicht dich selbst. Vielleicht Gott.
Vielleicht das Vertrauen, dass da überhaupt jemand ist.
Himmelfahrt bedeutet: Gott ist nicht weit weg.
Er ist da, wo wir suchen, wo wir fragen, wo wir manchmal stolpern.
Er ist mitten in unserem Chaos.
Und wir dürfen Gott von ganzem Herzen suchen – das ist sogar unsere Einladung: Wer sucht, der wird finden.
Aber wisst ihr, was das eigentlich Tröstliche ist?
Wenn ich Gott im Durcheinander meines Lebens nicht finde – darf ich fest darauf vertrauen, dass er mich findet.
Gott sucht und findet, was verloren gegangen ist. Das ist sein Versprechen.
Du darfst dich finden lassen. Er lässt dich nicht los.
Er wird dich finden – auch wenn du es gerade nicht fühlst.
Denn: Du kannst Gott nicht festhalten.
Aber Gott hält dich fest.
Wiederfinden ist ein Fest.
So beschreibt es die Bibel. Also lasst uns Himmelfahrt feiern.
Amen.
Ansprechperson
Mathis Goseberg

Pfarrer
Mathis Goseberg entwickelt neue Formen von Kirche. Dabei arbeitet er eng mit dem CVJM zusammen und macht neue Gottesdienste wie den Community-Gottesdienst und Kirche Kunterbunt.
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