Lass dein Herz sich nicht verhärten

Predigt vom 28.9.2025 zu Jak 5,7-11

Das ist ja eine schöne Idee mit den Lebkuchenherzen im Liedblatt. Passend zum Titel des Gottesdienstes: „Lass dein Herz sich nicht verhärten.“ Aber ist ja eigentlich noch ein bisschen früh für Lebkuchen, nicht wahr? Advent ist im Dezember… Predigen wir ja gerne in der Kirche!

In der Tat! Aber da ich tatsächlich auch den Predigttext für den 2. Advent für den heutigen Sonntag ausgesucht habe, passt es irgendwie doch schon ganz gut…
 
Das ist mir auch aufgefallen. Und es sind mir spontan auch ein paar Assoziationen gekommen, warum Sie diesen Text ausgesucht haben.
 
Da bin ich gespannt!
 
Der Jakobusbrief ist ja tatsächlich ein Brief, der sich an Menschen richtet, die fliehen mussten. Die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem betraf ja auch die jungen juden-christlichen Gemeinden. Sie mussten genauso die Verfolgung fürchten und das Land verlassen. Der Briefschreiber, der sich Jakobus nennt, wendet sich also an Geflüchtete, die jetzt an verschiedenen Orten ganz neu anfangen müssen. Wie so viele Geflüchtete an so vielen Orten dieser Welt.
 
Stimmt! Und ist nicht auch schon seine Namenswahl ein Statement? Auch wenn er den vielleicht aus anderen Gründen ausgewählt hat, um sich die Autorität des Bruders Jesu anzueignen, der ja auch Jakobus hieß. Aber der Name erinnert doch gleichzeitig sehr an den alttestamentlichen Jakob aus dem Buch Genesis. Der vor seinem Bruder Esau fliehen musste und viele, viele Jahre im Exil gelebt hat, bevor seine Sehnsucht nach seiner Heimat und seiner Familie so stark wurde, dass er es gewagt hat, zurückzukehren.
 
Letztlich ist die ganze Bibel durchzogen von Geschichten von Aufbruch und Wanderung, Flucht und Neuanfang an anderen Orten. Immer wieder wird davon berichtet, dass sich Menschen auf den Weg machen und ihre bisherige Heimat verlassen. Manchmal, weil Hungersnöte und Dürren sie dazu zwangen. Manchmal, weil sie durch Familienfehden ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Manchmal, wenn die Willkür der Herrschenden zu groß wurde oder andere Gewalt im Spiel war. Die Gründe waren ähnlich unterschiedlich wie heute. Und auch der Schutz von den sogenannten „Fremden“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel, insbesondere durch das erste Testament. Immer wieder ist davon die Rede, dass sie nicht bedrängt oder unterdrückt werden sollen. Und dass sie die gleichen Rechte und Pflichten wie die einheimische Bevölkerung haben. Wahrscheinlich waren damals diese Ermahnungen genauso nötig wie heute.
 
Womit wir wieder im Hier und Heute angekommen wären. Tatsächlich höre ich in diesem Abschnitt aus dem Jakobusbrief so viel heraus, was uns heute helfen oder zumindest ermutigen kann. Da ist zum Beispiel diese Mahnung zur Geduld. Ich habe beim ersten Hören gedacht: Bleib mir bloß weg mit Geduld! Ständig muss ich Menschen sagen: Ihr müsst Geduld haben!
Da warten Menschen seit Monaten darauf, dass sie aus dem Ankunftszentrum verlegt werden, damit sie endlich etwas Machen können: Den Deutschkurs besuchen, eine Arbeit suchen, endlich anfangen, sich eine Zukunft aufzubauen. Andere warten auf ihre Anhörung, ihren Asylbescheid, ihren Familiennachzug. Immer wieder heißt es warten, warten, warten. Arbeitgeber*innen warten auf die Papiere von den Behörden. Und so weiter und so fort. Und ich muss sagen: Du brauchst Geduld. Du musst noch warten. Das wird schon, das braucht seine Zeit. Ich merke, wie ich darüber selber die Geduld verliere. Wie mich so viele Dinge ärgern, wenn ich das Gefühl habe, die Leute werden absichtlich so lange hängen gelassen. Und ich manchmal nicht weiß, wie ich gut weiterarbeiten kann.
 
Und da fühlen Sie sich verbunden mit den Adressaten des Jakobusbriefs, die offensichtlich auch drohten die Geduld zu verlieren? Immerhin spricht der Briefschreiber gleich vier Mal davon in diesem kurzen Briefabschnitt. Geduld zu haben, wenn sich die Dinge nicht so oder nicht so schnell so entwickeln, wie wir uns das wünschen, das ist ja tatsächlich eine Herausforderung. Man muss genau hinschauen, wo es wirklich auf Geduld ankommt, und wo man auch mal schauen muss, wie man die Dinge beschleunigen kann. Geduld bedeutet ja nicht, alles hinzunehmen. So jedenfalls verstehe ich diesen kleinen Textabschnitt. Am Ende der Geduld soll etwas Gutes dabei herausgekommen sein. So wie der Bauer sich über die Ernte freuen kann, die er am Ende einfährt.
 
Genau. Geduld ist nicht gleich Duldsamkeit. Aber mit gefällt diese Bild von dem Bauern gut, der erst auf den Frühregen und dann auf den Spätregen hofft. Damit etwas wachsen kann, braucht es nicht nur einen warmen Frühlingsregen, der Alle ins Freie lockt. Ich erinnere mich an die Zeit 2015, 2016, als die Begeisterung bei Vielen groß war. Das war eine wunderbare Zeit. Alle wollten irgendwie helfen. Überall sind Initiativen entstanden, hier in der Kapelle der Christuskirche wurde Deutsch unterrichtet. Das war so wichtig und hilfreich. Aber irgendwann ist dieser „Frühregen“ dann doch abgeklungen. Für eine nachhaltige Integration von Geflüchteten braucht es aber auch die spätere Unterstützung. Beim Familiennachzug zum Beispiel. Beim Besorgen eines Ausbildungsplatzes. Gerade Frauen, die am Anfang noch mit den kleinen Kindern beschäftigt sind und keinen Sprachkurs besuchen können, brauchen manchmal noch nach Jahren Hilfe beim Deutschlernen oder bei der Arbeitssuche. Zum Glück gibt es da Menschen, die sich mit Engelsgeduld und viel persönlichem Engagement mit den Menschen auf dem Weg bleiben. Viele von diesen sind heute hier. Da kann ich mich nur tief verneigen vor dem, was sie alles schon geschafft haben. Geflüchtete und ihre Unterstützer*innen.
 
Die Adressaten des Jakobusbriefs werden zur Geduld ermutigt mit dem Hinweis, dass der Herr nahe sei. Also dass das Ende dieser Zeit nicht mehr fern ist und dass Jesus bald zurückkommt, um das Reich Gottes zu vollenden. Endzeitstimmung hat ja zurzeit ja auch wieder Hochkonjunktur. Aber im Gegensatz zu den düsteren apokalyptischen Bildern, die angesichts der gegenwärtigen Krisen gerne gemalt werden, klingt das hier bei Jakobus eher ermutigend und fröhlich. „Hey, ihr Lieben in der Ferne! Auch wenn es im Moment alles ziemlich schwierig ist für euch und gerne hättet, dass es mit dem Reich Gottes schneller geht: Seid geduldig. Alles wird gut. Denkt daran, was die Propheten erlitten haben. Und besonders, was Hiob alles durchgemacht hat. Gott hat ihm am Ende erfahren lassen, worauf er immer vertraut hat: Er ist da und schenkt ihm Zukunft. Gott hat sich zu ihm bekannt und alle Lügen gestraft, die gemeint haben, Gott habe ihn verlassen. Darauf dürft auch ihr vertrauen. Bleibt zuversichtlich!“
 
Ja, Zuversicht ist ein gutes Stichwort. Und dafür sind wir doch da mit unserer Botschaft von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Auf ganz verschiedene Arten und Weisen. In der sozialen Arbeit. In der Beratung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen. In der Begleitung von Menschen auf ihren Lebenswegen und an wichtigen Lebensstationen. Bei alldem steht dahinter das Vertrauen, dass Gott da ist. Dass sein Reich zwar nicht von dieser Welt ist, aber doch schon in der unseren beginnt. In dieser Botschaft hat Alles, was wir in der Kirche und in ihrem Auftrag tun, seinen Grund und sein Fundament. Darum bin ich froh, dass ich heute in diesem Gottesdienst in mein neues Amt eingeführt wurde. Hier feiern wir das Sonntag für Sonntag: Gott liebt diese Welt. Er liebt uns Menschen. Unterschiedslos. Aus diesem gemeinsamen Feiern der Liebe Gottes wächst Zuversicht, Geduld, wächst die Kraft, die wir brauchen, um trotz Widerstände und Gegenwind da zu wirken, wo Gott uns haben will und braucht.
 
Oder mit anderen Worten: Da wird unser Herz gestärkt. So, dass es sich nicht verhärtet. Denn diese Gefahr besteht ja immer. Dass wir angesichts der vielen Menschen mit ihren großen Nöten unser Herz verschließen. Dass wir resignieren und fragen: Was kann ich schon tun? Das ist doch alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und dass wir dann aufgeben.
 
Und gleichzeitig müssen wir auch auf unser Herz achten, dass es sich nicht in den politischen Diskussionen, im Streit mit Andersdenkenden verhärtet. „Herz statt Hetze“ ist aktuell ein Slogan der Diakonie. Uns nicht anstecken zu lassen von der gegenseitigen Verachtung, die überall zu wachsen scheint, das müssen wir uns wahrscheinlich immer wieder neu vornehmen. Ein offenes Herz auch für die zu bewahren, die sich überfordert fühlen durch die Menschen, die aus anderen Ländern und Kulturen zu uns kommen. Zuzuhören und Sorgen ernstnehmen.
 
Lass dein Herz sich nicht verhärten. Das wünsche ich uns allen:  Dass wir uns ein mitfühlendes Herz bewahren. Dass wir uns nicht einreden lassen, dass wir hart sein müssen. Dass wir den Glauben an einen barmherzigen Gott nicht verlieren. Und dass wir aus diesem Glauben heraus das Richtige tun.
Amen.
 
So sei es!
 
 
 
Die Dialogpredigt zwischen Oberkirchenrätin Sabine Jung und Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez wurde beim Gottesdienst während der Interkulturellen Woche in der Christuskirche gehalten. Dabei wurde Sigrid Zweygart-Pérez als Landeskirchliche Beauftragte für Flucht, Migration und Integration eingeführt.
 
 
Ansprechperson

Sigrid Zweygart-Pérez

Pfarrerin

Sigrid Zweygart-Pérez ist Pfarrerin für die Seelsorge in die Gesellschaft hinein. Ihr Schwerpunkt sind Gottesdienste, Diakonie und die Arbeit mit Geflüchteten.
 

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