Glaube braucht Hände, Füße und eine Stimme

Predigt vom 19.10.2025 zu Jak 2,14–26

Schäbig angezogen, ungepflegt, ungewaschene Haare. In seiner Hand hält er einen Plastikbecher mit schwarz geränderten Fingernägeln. Soll ich ihm etwas geben? Es gibt ja den Sozialstaat und die Diakonie… bin ich überhaupt zuständig? … und wenn ich etwas gebe, kommt er vielleicht wieder. Oder nur ein paar Münzen – dann ist mein Gewissen beruhigt.

Essensausgabe
Die -Gesegnete Mahlzeit- im Gemeindezentrum der Johanneskirche - Die Gesegnete Mahlzeit, eine Initiative der Diakonie Kassel, bietet Beduerftigen ein gutes und warmes Essen.
Oder, denke ich, Andere sehen mich. Wie wirkt es, wenn eine Pfarrerin vorbeigeht?
Ich erschrecke über mich selbst. Mein Glaube und mein Verhalten – passen sie zusammen? Ist nicht von Barmherzigkeit die Rede in diesem Gottesdienst?
Im Gottesdienst beten wir für Arme und Elende – draußen scheinen andere Gesetze zu gelten.
Im Gottesdienst erkenne ich in Hilfesuchenden das Gesicht Christi – draußen nicht mehr? Sperre ich Gott ein in den Kirchenraum oder in mein Herz?
Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Was hat mein Glaube mit meinem Tun und Handeln, meinen Werken zu tun? In der Bibel gibt Jakobus in unserem heutigen Predigttext darauf folgende Antwort:
Was hilft´s, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das? So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.
(Jak 2,14–26)
 
Das klingt hart. Mein lutherisches Herz sträubt sich. Paulus sagt schließlich: „Der Mensch wird gerecht allein durch den Glauben.“ Gott liebt ohne Vorleistung. Liebe verlangt keine Gegenleistung.
Wir lieben nicht, weil jemand etwas kann, sondern weil er ist. Das ist der Kern unseres Glaubens. Luther nannte Jakobus die „stroherne Epistel“. Werke machen nicht gerecht – vor Gott zählen sie nicht.
Aus Afrika kommt folgende Erzählung: Eine alte Frau liegt im Sterben. Der Pfarrer fragt: Fürchtest du dich?
„Nein, ich habe Jesus Christus.“
„Wie verstehst du das?“
„Wenn ich vor Gott komme, verstecke ich mich hinter Jesus. Er sieht für mich. Und wenn Gott mich fragt, schweige ich, warte auf Jesus. Irgendwann nimmt er mich in die Arme.“
So wird klar: Christus ist es, der den Himmel öffnet, nicht meine Werke.
Und doch: Glaube hat Folgen. Er bekommt Hände und Füße. Füße, die dorthin gehen, wo Hilfe gebraucht wird. Hände, die zupacken. Eine Stimme, die Ungerechtigkeit nennt.
Nicht, um frommer zu werden oder Punkte zu sammeln. Sondern weil Liebe und Glaube sichtbar werden müssen. Wer von Gott geliebt ist, sollte ein inneres Bedürfnis haben Gottes Gnade und Großzügigkeit zu teilen.
Gute Werke sind heute kein Alleinstellungsmerkmal der Kirche. „Greenpeace“ oder „Ärzte ohne Grenzen“ gelten oft mehr. Vielleicht ist das ja auch unsere Chance: Wir müssen niemandem gefallen. Wir können Gottes Botschaft in die Welt tragen, auch wenn sie anderen nicht gefällt.
Unsere Aufgabe war immer: Stimme für die Opfer sein. Dorthin gehen, wo Not ist. Glaube bekommt Stimme, Hände, Füße.
Papst Franziskus sagte einmal: „Diese Wirtschaft tötet.“
Die Schere zwischen Arm und Reich wächst. Systeme, die nur Profit kennen, lassen Menschen am Rand sterben. Mancheiner möchte da der Kirche vielleicht gerne den Mund verbieten.
Wir sind ja schließlich keine Wirtschaftsexperten, aber wir wissen, was Armut bedeutet.
Liebe bleibt nicht beim Nächsten neben mir stehen. Sie sieht Strukturen. Sie mischt sich ein. Schweigen wäre Verrat.
Kirche hat oft versagt. Aber immer wieder haben Menschen ihrem Glauben Hände und Füße gegeben. Sie waren das Gewissen der Kirche. Sie leben Jesu Wort: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Die Migrationsfrage polarisiert. Hass ist laut. Angst, abgehängt zu sein, treibt Menschen zu Fremdenfeindlichkeit. Und doch schockiert mich, wenn durch das, was ein Kanzler sagt, deutlich eine Spaltung aufgrund der Hautfarbe oder der Religionszugehörigkeit in unsere Gesellschaft getrieben wird. Weil „fremd“ erscheinendes das Stadtbild stört. Weil Menschen auf ihre Herkunft auf etwas störendes reduziert werden
Dabei sprechen die Fakten eine andere Sprache: Vier von zehn Geflüchteten sind in Arbeit oder Ausbildung. Sie zahlen Steuern und Sozialabgaben und tragen dazu bei, dass unsere Sozialleistungen sicher sind. Gerade unser Gesundheitssystem würde zusammenbrechen, wenn nicht viele Menschen mit Migrationshintergrund dort arbeiten würden und Stabilität bringen.
Christus sagt: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“
Alle Fremden, alle Armen, alle Elenden – sie gehen uns an.
Darum will ich handeln – nicht nur zusehen. Ich lasse mir die Hoffnung nicht nehmen.
„Ich kann ja sowieso nichts ändern“ – das ist ein gottloser Satz.
Christus verspricht: Wir dürfen Anteil haben an seiner Gerechtigkeit. Wer sonst, wenn nicht wir? Wer sonst, wenn nicht ich?
Ich habe vieles gewählt: Beruf, Kleidung, Meinung. Ich kann lernen, arbeiten, entscheiden. Ich hatte Glück – nicht alle haben dieses Glück.
Deshalb: „Tu deinen Mund auf für die Stummen. Schaffe Recht den Unterdrückten.“ Wer sonst, wenn nicht ich?
Wer Glaube lebt, begegnet Christus. Ein Schüler fragt: Kann man Gott von Angesicht zu Angesicht sehen?
Der Lehrer antwortet: „Wenn du dich tief bückst, um in das Gesicht deines Bruders zu schauen.“
Glaube lehrt mich sehen: Jesus Christus in jedem Leidenden, jedem Fremden, jedem Kranken.
Dann handelt Glaube von selbst – Stimme, Hände, Füße.
Mit Liebe frage ich nicht: Was bringt es mir? Ich tue, wozu Glaube und Liebe mich bewegen.
So war Kirche einmal gedacht.
Ich träume von einer Kirche, die sich einmischt, laut wird, wenn Unrecht geschieht. Die Hoffnung vermittelt, tröstet, Tränen trocknet.
Gott schaut nicht auf Leistung, sondern liebt jeden Menschen.
Als evangelische Christin ist mir Freiheit wichtig. Niemand wird gezwungen. Aber: Wir wirken glaubhaft, wenn Glaube und Tun zusammenpassen. Dann sind wir authentisch.
Darum lasst uns nicht nur glauben, sondern auch handeln.
„Sonne der Gerechtigkeit, brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr.“ Amen.
 
Alexandra Mager
 
 
Ansprechperson

Alexandra Mager

Pfarrerin

Alexandra Mager arbeitet für eine bestimmte Zeit als Pfarrerin in unserer Gemeinde. Sie ist Ansprechperson für den HALT. in der Bahnstadt und die Veranstaltungen, die dort stattfinden.



Neuen Kommentar verfassen

Keine Kommentare vorhanden