„Sei ein Mensch“

Predigt vom 26.10.2025 über Joh 5,1-16

Sie hat viele von uns umgetrieben in der zurückliegenden Woche. Die Aussage unseres Bundeskanzlers, dass wir ein Problem mit dem Stadtbild hätten. Dass es darum mehr Abschiebungen bräuchte.

Auf plumpe oder subtile Weise wurde damit suggeriert: Schuld an einem als problematisch wahrgenommenen Stadtbild sind auf jeden Fall Menschen nicht-deutscher Herkunft. Dass besonders Frauen als Garant für diese Behauptung missbraucht wurden, hat nicht nur bekennende Feministinnen auf die Barrikaden gebracht. Schließlich war es Friedrich Merz, der sich seinerzeit dagegen ausgesprochen hat, Vergewaltigung in der Ehe zu einer Straftat zu deklarieren. 
Das Stadtbild nicht mit unerwünschten Menschen zu verschandeln, das ist aber kein exklusiver Wunsch unseres Bundeskanzlers. Vor Beginn der Olympiade in Paris letztes Jahr, zum Beispiel, wurden systematisch Obdachlose aus der Stadt geschafft. Zelte werden auch danach regelmäßig mit Wasserwerfern zerstört. 

Auch im Jerusalem zurzeit Jesu hat so eine Stadtbildbereinigung stattgefunden. Im Johannesevangelium im 5. Kapitel lesen wir:
Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.  Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?  Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.  Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!  Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber Sabbat an diesem Tag.  Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.  Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!  Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?  Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.
 
Was für ein Ort des Grauens! Fünf Hallen voll mit Menschen, die man sonst nicht sehen möchte. Draußen am Tor hatte man ihnen eine Bleibe verschafft. Wo sie nicht das Stadtbild verschandeln mit ihren zahlreichen Gebrechen. Die Blinden, Lahmen, Kranken, Ausgezehrten. Wer sie sehen wollte, der musste absichtlich dort hingehen. Was offensichtlich nicht allzu oft geschah: „Ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt“. Das sagt im Verlaufe des Textes einer von ihnen. 
Ein Ort des Grauens, der zynischer Weise den Namen „Betesda“ trägt, Haus der Gnade. Und in Wirklichkeit herrschte hier das Recht des Stärkeren. Nur wer als erste oder als erster in das bewegte Wasser gelangte, hatte ein Chance, gesund zu werden. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Und so krabbelten, krochen, wanden sich die Kranken jedes Mal zu dem Wasser, um dann doch zu erleben: Für mich hat es nicht gereicht. So wurde das Haus der Gnade für die meisten zu einem Ort der Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Viele haben sich aufgegeben. So auch der Mensch, von dem unser Predigttext erzählt.
Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind keine guten Ausgangspunkte für ein gutes Zusammenleben von Menschen. Das war damals so. Und das ist heute auch noch so. Migrantisch gelesene Menschen erfahren: Ich kann mich anstrengen, wie ich will. Ich kann mich engagieren und integrieren, ja sogar die deutsche Staatsangehörigkeit erlangen. Ich gehöre dennoch nie dazu. Ich bleibe immer draußen. Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind keine guten Ausgangspunkte.
Und ich frage mich, was unsere Aufgabe als Christinnen und Christen ist, angesichts von Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Oder als Menschen, die Jesus für einem Menschen halten, am dem wir uns ein Beispiel nehmen können.
Ich finde in unserem Text dafür wertvolle Hinweise:
1.    Jesus spricht mit dem Kranken, nicht über den Kranken
Jesus stellt eine scheinbar banale Frage: Willst du gesund werden? Ja, was denn sonst? Wofür war er denn in der Halle mit dem Wunderwasser? Was so banal klingt, ist es aber eben gar nicht. So oft glauben wir schon alles zu wissen über andere Menschen. Was sie denken. Was sie wollen. Was sie vorhaben. Was sie sind. „Die Flüchtlinge kommen, um unsere Sozialsysteme auszunutzen! Die wollen nicht arbeiten und sich integrieren.“ Diese vermeintlich unumstößliche Wahrheit, wie sie diese Woche wieder zum Ausdruck kam, ließe sich leicht korrigieren, wenn man mal die Menschen fragte, die da angeblich so lästig das Stadtbild verschandeln. Oder wussten Sie, dass die Menschen bei uns im Ankunftszentrum ein striktes Arbeitsverbot haben? Dass zurzeit die Leute viele, viele Monate im PHV zurückgehalten werden, ohne Deutschkurse, ohne andere sinnvolle Beschäftigung. Dass sie nicht wissen, wie sie die Zeit totschlagen sollen? Die sich schämen, weil sie zur Untätigkeit verdonnert sind und als zum Teil gut ausgebildete Menschen ein Taschengeld in die Hand gedrückt bekommen. Wussten Sie, dass die jungen Männer, die von vielen als bedrohlich wahrgenommen werden, in der Regel in Gruppen unterwegs sind, weil sie sich selber fürchten? Weil sie sehr wohl die Ablehnung spüren, die ihnen oft entgegenschlägt und einfach unsicher sind, wie sie sich richtig verhalten sollen? 
„Möchtest du gesund werden?“ fragt Jesus den Kranken. Er lässt den Kranken erfahren: Du bist das Subjekt deines Lebens. Ich will wissen, was du möchtest, nicht, was andere über dich erzählen.
Wie wenig banal diese Frage ist, verrät uns die Antwort des Kranken: „Ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt.“ Es kommt ihm gar nicht in den Sinn zu antworten: „Ja, ich will gesund werden.“ Er hat sich schon viel zu sehr daran gewöhnt, dass andere über ihn bestimmen. Dass er abhängig ist von dem Wohlwollen anderer Menschen. Dass er ein Bittsteller ist, und nicht ein Mensch, der selber etwas wollen darf oder entscheiden kann.
Das ist das erste, was ich von Jesus mitnehmen möchte aus diesen Versen des Johannesevangeliums: Er sieht in Menschen nicht in erster Linie hilfsbedürftige Objekte unserer Fürsorge. Er kommt nicht, um ihnen zu sagen, was gut für sie ist. Er fragt. Er hört zu. Er begegnet den Menschen als denjenigen, die die Subjekte, die Expert*innen ihres eigenen Lebens sind. 
Sich an Jesus zu orientieren, ihm nachzufolgen, bedeutet dann vielleicht genau das: Vorsichtig zu sein mit dem, was wir über einander sagen. Und mutig zu sein, zu fragen. Offen für überraschende Antworten. 
2.    In der Begegnung mit Jesus verändert sich das Leben des Kranken
„Möchtest du gesund werden?“ Fragt Jesus. Und leitet damit das Wunder ein, dass dann geschieht. Aber Jesus trägt ihn nicht etwa zu dem heilenden Wasser. In der Begegnung mit ihm selber, wird der Kranke gesund. In der Begegnung mit Jesus kommt der Mensch wieder auf die Beine. Läuft umher. Wird aus seiner Erstarrung und Isolation befreit. Beginnt ein neues Leben. 
Begegnungen verändern Leben. In der Nachfolge Jesu, wird es später auch seinen Jüngern gelingen, Menschen zu heilen. Das ist nicht das Exklusivrecht Jesu. Erfüllt vom Geist Jesu sind wir alle dazu in der Lage, Menschen so zu begegnen, dass sich in ihrem Leben spürbar etwas verändert. 
In unserer Wundergeschichte begegnet Jesus einem Menschen in seiner Not. Er spricht ihn an, appelliert durchaus an seinen Lebenswillen, heißt ihn, auf seinen Füßen zu stehen und gibt ihm eine neue Lebensorientierung. Jesus wird dadurch für diesen Menschen zum MENSCHEN! Und gleichzeitig begegnet der Kranke Gott. In Jesus erfährt er das große „Ja“ über seinem Leben, das Gott gesprochen hat. Bedingungslos. Du, der du am Rande der Stadt in einem Haus der Hoffnungslosigkeit ausharren musstest, bist Gott wichtig. Für ihn bist du kein störender Faktor im Stadtbild. Sondern der Grund, warum ich in diese Welt gekommen bin. Als Gott. In Jesus.  Dadurch wird ein Mensch ‚geheilt‘, neu ins Leben gestellt und neu zur Gnade Gottes geführt.
Gott stellt diesem Kranken den Menschen Jesus in den Weg. Und er stellt drittens uns als Menschen den anderen Menschen an die Seite. Vielleicht können wir für andere, hoffnungslose Menschen der Mensch sein, der Anlass ist, das Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. Es gibt so viele, die am Leben verzweifeln. Die für ihre Zukunft einen anderen Weg erhofft hatten und sich dieser  verschlossen hat. Weil das Leben plötzlich anders geworden ist, als man es sich erträumt hat. Und gab es nicht schon Situationen in unserem eigenen Leben, in denen wir diese Hoffnungslosigkeit empfunden haben? In der wir froh waren, wenn uns ein Mensch einfach als Mensch begegnet ist? Für uns da war? Uns zugehört hat?
Ich denke an Marcel Reich, der anlässlich des letztjährigen Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem deutschen Bundestag den so kurzen aber ungemein wirksamen Satz sagte: „Sei ein Mensch!“ Und an die vor kurzem verstorbene Margot Friedländer, die diesen Satz so unermüdlich mit Leben füllte. ‚Sei ein Mensch‘, heißt für mich, in diesen so besorgniserregenden Zeiten: menschlich zu sein und zu bleiben, bei allem, was uns an ‚Unmenschlichkeiten‘ begegnet. Anderen Menschen ein echtes Gegenüber werden.
Diejenigen, die den Geheilten kritisieren, weil er am Sabbattag sein Bett trägt, schaffen es nicht, dieses Wunder, das da im Haus Betesda geschehen ist, zu würdigen. Sie, die sie 38 Jahre lang dem Kranken nicht geholfen haben, verharren jetzt in ihrer Gesetzlichkeit, die Menschen nicht gerecht wird. Sie übersehen, dass es für Gott kein Ruhen gibt, wenn Not gelindert und geheilt werden kann.
Wem sind wir heute Mensch? Diese Frage möchte ich mitnehmen aus den Versen des Johannesevangeliums. Wie können wir uns gegenseitig begegnen und uns mit unserer ganzen Geschichte, mit unseren konkreten Lebensumständen wahrnehmen? Sehen wir gerade in der so langsam anbrechenden dunkleren Jahreszeit wieder genau hin. Und achten wir darauf, dass das Dunkel nur der Jahreszeit geschuldet ist. Und nicht der Kälte, die sich breit machen möchte in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen.  Nicht nur die offensichtlich Bedürftigen brauchen einen Menschen. Jeder von uns trägt vermutlich seine Geschichte mit sich herum und braucht einen Menschen, der sagt: »Steh auf, werde zum Macher Deines Lebens und geh!« Und vielleicht brauchen es diejenigen, die angeblich das Stadtbild verschandeln, ganz besonders dazu. Wir haben die Möglichkeit ihnen zu begegnen. Sie zu fragen. Ihnen zuzuhören.
Gott schenke uns, dass wir seine heilende Kraft spüren dürfen an der Stelle, an der wir und unsere Mitmenschen es in besonderer Weise brauchen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Gewalt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus, Jesus, unserm Herrn.
Amen
 
 
 
Ansprechperson

Sigrid Zweygart-Pérez

Pfarrerin

Sigrid Zweygart-Pérez ist Pfarrerin für die Seelsorge in die Gesellschaft hinein. Ihr Schwerpunkt sind Gottesdienste, Diakonie und die Arbeit mit Geflüchteten.