Selbstwirksamkeit erleben

Predigt vom 9.11.2025 zu Lk 6,27-38

Dienstags und Donnerstags nach dem Café Talk sitzt unser kleines Orga-Team immer noch ein bisschen zusammen. Meistens ziemlich erschöpft, denn wir sind nicht nur ein Pop-Up Café, müssen also immer alles auf- und wieder abbauen und anschließend Küche und viele, viele Quadratmeter Gemeindehaus wischen.

Mit einer Gästezahl von selten unter 250 Personen ist es natürlich auch ganz schön laut, die Kinder wuseln herum und die unterschiedlichen Anliegen der Menschen strömen auf uns ein. Wir hören zu, beraten, trösten und sorgen dafür, dass möglichst Alle das zur Verfügung haben, was sie gerade brauchen, Gäste wie Ehrenamtliche. Wenn dann alle Arbeit geschafft ist, ist es auf einmal himmlisch ruhig. Wir gönnen uns ein Gläschen Wein und schauen zurück auf das, was der Nachmittag so gebracht hat an Herausforderungen. Wir besprechen die aufgetretenen Schwierigkeiten und überlegen Verbesserungen
Natürlich sprechen wir auch über viele Dinge, die uns im Zusammenhang mit dem Café Talk beschäftigen. Die sich verändernde politische Haltung in Bezug auf Geflüchtete, die schon ganz konkrete Auswirkungen hat für die Menschen, die zu uns kommen. Die weltweiten Krisen und Wahlen von Staatsoberhäuptern, die uns Sorgen machen. Oder die absurden Situationen, die wir manchmal auch hier in Heidelberg erleben. Wir schimpfen zusammen und lachen gemeinsam. Vor Allem aber versuchen wir, uns gegenseitig zu ermutigen mit den vielen kleinen und großen Geschichten von dem, was gelungen ist oder uns freut. 
Das brauchen wir Alle, nicht wahr? Diese gegenseitige Ermutigung in schwierigen Zeiten.
Diesen Donnerstag haben wir uns gemeinsam über die Wahl des neuen Bürgermeisters von New York gefreut. Dieser junge Strahlemann, der sich viel vorgenommen hat und ganz vielen Menschen wieder Hoffnung gibt. Die konkrete Hoffnung auf Verbesserungen in der Stadt New York, in der es für viele Menschen immer schwieriger geworden ist zu leben oder gar zu überleben. Aber eben auch die Hoffnung, dass es doch gelingen kann, eine scheinbar unaufhaltsame politische Welle zu brechen. Und New York ist eben nicht irgendeine Stadt. Wie sang Frank Sinatra: If I can make it there I can make it everywhere…
Solche Hoffnungsträger gibt es zum Glück immer wieder. Vor 2000 Jahren war es ein junger Wanderprediger. Einer von vielen, die um Anhänger buhlten. Die Menschen waren müde von den Folgen der politischen Verhältnisse, unter denen sie zu leiden hatten. Ein großer Teil von ihnen arm und in Abhängigkeit. Unfrei und perspektivlos. Da hatten es diejenigen leicht, die zu Hass und Gewalt aufgerufen haben. Die Unruhe schürten und einen gewaltsamen Umsturz planten. Dieser Wanderprediger aber, der mit einer kleinen Schar von Anhängern unterwegs war, sagte so pointiert überraschende Dinge, dass die Menschen ihm zugehört haben. Vieles davon ist später aufgeschrieben und überliefert worden. Hören wir im Lukasevangelium im 6. Kapitel:

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
32Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. 33Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. 34Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. 35Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
36Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.
 
Da ist jemand, der den Zuhörenden ihre Würde zurückgibt. Da spricht jemand zu ihnen, der sie als Subjekte ihres Lebens wahrnimmt und anspricht. Diese Frauen und Männer, die tagtäglich erleben, dass sie als Bevölkerung eines kleinen Landes, das von einer Weltmacht erobert und verwaltet wird, nichts zu melden und schon gar nichts zu entscheiden haben. Deren lokalen Vertreter der Herrschaft sich korrupt die eigenen Taschen vollgemacht haben und ihre eigene Bevölkerung in Armut und Hunger gefangen hielten. Die sich in einem täglichen Überlebenskampf befanden, in dem sie aufgerieben wurden und der keine Kraft mehr ließ für andere Dinge, die das Leben lebenswert machen. 
Zu ihnen sagt Jesus: Ihr seid diejenigen, die etwas zu geben haben. Ihr seid nicht auf Barmherzigkeit angewiesen, ihr könnt Barmherzigkeit üben. Ihr könnt großzügig sein. Mit dem was ihr habt. Und mit dem, was ihr seid.
Ihr seid nicht die zur Untätigkeit verdammten Opfer der Verhältnisse. Ihr seid diejenigen, die etwas verändern könnte. Nicht mit Gewalt. Sondern mit eurer Güte, eurem Mut, eurer Phantasie. Mit eurer Liebe. 
Das ändert Alles. Noch nicht an der konkreten Lebenssituation der Menschen. Aber an ihrer Selbstwahrnehmung. Sie sind nicht mehr länger die Schachfiguren in einem Spiel, das andere bestimmen. Sie erkennen die Möglichkeiten, die sie besitzen, um ein Umfeld zu gestalten, in dem die Maßstäbe neu gesetzt werden. In dem die scheinbar unbegrenzte Macht der Herrschenden in sich zusammenfällt. Sie haben die Möglichkeit, der Logik von Gewalt und Ausbeutung etwas Unerwartetes entgegenzusetzen. Und damit Machtgebaren ins Leere laufen zu lassen. 
Selbstwirksamkeit zu erleben, das gehört zu den wichtigsten Dingen, die wir als Menschen brauchen. Damals. Und genau so heute. Daran erinnern uns auch die Ereignisse des 9. Novembers, derer wir heute besonders gedenken.
Am 9. November 1938 schauten Christinnen und Christen tatenlos zu, wie Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte geplündert und ihre Nachbarinnen und Nachbarn geschlagen, gedemütigt, beraubt und entrechtet wurden. Sie haben diese geplante und hemmungslose Gewalt nicht nur zugelassen, sondern beklatscht und bejaht. Jüdinnen und Juden haben wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass sie von wenigen Ausnahmen abgesehen nichts zu erwarten haben an Solidarität seitens der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu. Keine Güte, keine Barmherzigkeit, keine Liebe. Hätten sie sich nicht mit allem Nachdruck, ja auch mit Gewalt der Gewalt entgegenstellen müssen, die ihren Mitmenschen angetan wurde? Mit dem Versagen der Kirchen in der NS-Zeit beschäftigt sich gerade die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Der Fall der Mauer am 9. November vor 36 Jahren war unter Anderem möglich gewesen, weil sich tausende Menschen in der DDR auf ihre gewaltlosen Kräfte verlassen haben. Und in den Montagsgebeten und durch die Begleitung durch Pfarrerinnen und Pfarrer die nötige Ermutigung und Unterstützung bekommen haben. Wir können das gar nicht oft genug erzählen. Gerade jetzt, wo es scheinbar keine Alternativen zu Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit zu geben scheint. 
Jesus hat uns keine Anweisungen für die Situation in Europa im Jahr 2025 gegeben. Und wir müssen uns davor hüten, diesen Abschnitt aus dem Lukasevangelium als politische Handlungsmaxime zu deuten. Aber was uns Jesus zuspricht ist der Mut, Überraschendes zu tun. Handlungsmuster zu durchbrechen. Und der Logik von Gewalt und Gegengewalt etwas entgegenzusetzen. Ich denke, es wird auch unsere Aufgabe im neuen Ältestenkreis werden, gemeinsam darüber nachzudenken, was wir als Gemeinde für Ideen entwickeln können, damit wir glaubwürdig Zeugnis ablegen für den Hoffnungsträger Jesus in dieser Welt.
Hoffnungsträger*innen müssen damit rechnen, dass man versucht sie zu demontieren, zu verunglimpfen und ihnen den Erfolg zu vermiesen. Das erlebt Zohran Mamdani aktuell. Das hat Jesus erfahren. Nach einem Jahr als provokanter Wanderprediger war Schluss. Er wurde nicht nur mundtot gemacht sondern als so gefährlich wahrgenommen, dass man ihm den grausamsten Tod hat zukomme lassen, den es überhaupt nur gibt. Seine kleine Schar von Anhängerinnen und Anhängern drohte sich aufzulösen. Aber dann erlebten sie, dass all das, was sie von ihm gehört und mit ihm erlebt hatten, eine ungeahnte Kraft entwickelte. Dass da gar nichts davon tot war, sondern lebendig und wirksam. So, dass sie es nicht anders deuten konnten als dass Jesus wahrhaftig auferstanden war von den Toten. Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, den wir gehört haben, gehört dabei zu den Worten Jesu, die so viel an Zu-Mutung beinhalten, dass wir nicht aufhören, uns von ihnen inspirieren zu lassen. Uns von ihnen die Hoffnung lebendig halten zu lassen, dass ein Zusammenleben möglich ist, das ohne Gewalt auskommt. Das von Barmherzigkeit und Vergebung geprägt ist. Das Menschen zutraut, die Verhältnisse, in denen sie leben, zu verändern und mitzubestimmen. 
Das ist die Hoffnung, die ich brauche. Und ich danke Gott aus ganzem Herzen dafür, dass er uns in Jesus diesen Hoffnungsträger geschenkt hat. Amen. 
 
 
Ansprechperson

Sigrid Zweygart-Pérez

Pfarrerin

Sigrid Zweygart-Pérez ist Pfarrerin für die Seelsorge in die Gesellschaft hinein. Ihr Schwerpunkt sind Gottesdienste, Diakonie und die Arbeit mit Geflüchteten.
 



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