Seid geduldig bis zum Kommen des Herrn

Ich lade Sie ein, mit mir heute einer Zeitreise zu machen. Wir reisen in die Zeit des 4. Jahrhunderts, in eine türkische Stadt die heute den Namen Demre trägt und in der Provinz Antalya liegt. Wir bleiben also nicht in Germanien. Wir überqueren die Alpen und besuchen die kleine Hafenstadt Myra direkt am Mittelmeer.

Der ganze Mittelmeerraum gehörte damals zum Römischen Reich. Es war ein heißer Tag. Heiß ist aber eher eine unzutreffende Beschreibung. Die sengende Hitze ließ nur noch die Zikaden ihre Geräusche machen. Sonst achte Tier und Mensch darauf sich möglichst wenig zu bewegen.
Auf einem kleinen Pfad nach Myra - einen Weg kann man das kaum nennen - kamen drei Gestalten vom Gebirge herab. Auf dem schmalen Pfad trotten sie hintereinander hinunter. Ihre Schritte waren nicht mehr so sicher wie vor Stunden, als sie am Morgen aufgebrochen waren. Vorne weg lief ein älterer Mann. Seine Kleidung war schmutzig. Auch sein dunkles Haar und sein Schnurrbart waren mit dem weißen Staub des Weges bedeckt.
Plötzlich stolperte er über eine hervorstehende Wurzel auf dem Weg und er kam ins Rutschen. Der junge Mann und die Frau sprangen hinzu und beugten sich über den Gestürzten. Sie halfen ihm auf. Sie merkten, dass sie etwas verschnaufen mussten. Kein Wort sprachen sie miteinander. Aus ihrer Wortlosigkeit sprach tiefe Enttäuschung und Ratlosigkeit.
Sie hatten sich aufgemacht, um ein paar wilde Trauben und Beeren in den Bergen zu finden. Aber es war wirklich alles – aber auch alles vertrocknet. Auch oben in den Bergen, wo sonst immer noch etwas zu finden war, hatte die monatelange Trockenheit alles vernichtet.
In diesem Jahr war die Ernte ausgefallen. Alles war verdorrt und die Vorräte des letzten Jahres waren schon lange verbraucht. Weil man kein Futter mehr hatte, überlegten viele, ob sie ihre Tiere schlachten. Es gab wirklich nichts mehr. Selbst die getrockneten Früchte vom vergangenen Jahr waren aufgegessen. Kein Getreide, keinen Weizen gab es mehr. Nur noch salzig eingelegte Oliven.
In der Stadt Myra gab es eine Christengemeinde. Ihre Not brachten die Menschen im Gebet vor Gott. Nicht nur in der Kirche sondern auch zu Hause beteten sie. Ein Satz aus dem „Vater unser“ hatte dabei in den letzten Monaten eine besondere Bedeutung bekommen: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Täglich trugen sie leidenschaftlich diese Bitte Gott vor. Im Gebet und durch Gottes Wort schöpften die Menschen von Myra aber auch immer wieder Mut.
Sie taten sich zusammen und kauften in einer anderen Stadt ein großes Segelboot. Die kleinen Boote der Fischer reichten für eine weite Fahrt nicht aus. Sie stellten eine Mannschaft zusammen. Und diese segelte nach Ägypten um dort Getreide zu kaufen. Aber seit Wochen wartete man vergeblich auf die Rückkehr. Niemand wusste wo das Schiff war und ob etwas vorgefallen war.
Die kleinen und großen Versuche Essbares aufzutreiben schlugen fehl. Das gerade machte die Schritte der drei aus den Bergen Herabsteigenden so schwer. Sie näherten sich vorsichtigen Schrittes der Stadt. Die beiden jungen Leute schlugen bald einen anderen Weg ein. Bevor sie um eine Ecke bogen winkten sie noch einmal wortlos.
Als der Alte die ersten Häuser erreicht hatte, versuchte er freundlicher auszusehen. Was sollten denn die Leute von ihm denken, wenn nun auch er den Kopf hängen ließ?! Von ihm erwarteten sie Zuspruch. Aber wie alle anderen konnte er nur auf das Kommen Gottes warten und um seine Hilfe bitten.
Jetzt aber musste er erst einmal nach Hause und seine staubigen Kleider reinigen. Während der Mittagshitze wollte er sich etwas auszuruhen.
Als er nach einigen Stunden wieder sein Haus verließ, ging es dem Abend entgegen. Versunken in Gedanken machte er sich auf den Weg. Auch die Leute am Hafen bemerkten, dass er mit seinen Gedanken woanders war. Sie sprachen ihn nicht an. Nur ein kleines Mädchen sprang, auf als sie ihn sah und rief laut: „Hallo Niko!“ Er blickte sich um und als er das Mädchen sah, hellte sich sein Blick auf. Er winkte stumm aber freundlich und ging weiter.
Eine alte Frau ging zu dem Mädchen, nahm sie bei der Hand und zog sie dich an sich heran. Mit strenger Stimme sagte sie zu ihr: „So respektlos spricht man aber nicht mit ihm. `Bischof Nikolaus' heißt das. Oder bist du zu allen Erwachsenen so frech?!“ Das kleine Mädchen riss sich los, grinste nur und rannte zu den anderen Kindern am Kai.
Für sie war Bischof Nikolaus eben Niko. Er war ihr Freund. Und das wusste sie. Ihrer Familie hatte Niko in großer Not geholfen. Ihre Schwester sollte damals für Geld weggegeben werden, damit die Familie genug zum Leben hat. Eines Morgens aber steckten in ihren schmutzigen Schuhen vor der Tür lauter Kleidungsstücke und Goldstücke für die Familie. Niko hatte ihnen das heimlich in die Schuhe gesteckt.
Wie froh war sie, dass er es unbemerkt getan hatte. Es wäre ihr peinlich gewesen, wenn Nachbarn und Freunden gewusst hätten, wie arm sie waren.
Bischof Nikolaus hatte inzwischen schon die Straße am Hafen verlassen und betrat die Kirche zum Abendgottesdienst. Als er auf seinem Bischofsstuhl saß, erklang vom kleinen Chor der lateinische Gesang: Oculi nostri ad Dominum Deum.
Die Gemeinde stimmte bewegt in das Lied mit ein: Unsere Augen richten sich auf Gott unseren Herrn. Dieses alte Lied drückte ihre Hoffnung und ihr Warten auf Gott aus. Von Gott erwarteten sie Hilfe. Unsere Augen richten sich auf Gott unseren Herrn.
Liebe Gemeinde in der Christuskirche, ich lade uns hier in Heidelberg im Jahr 2025 nun ein, ebenfalls in dies Lied einzustimmen und es nach altem Brauch viele Male hintereinander zu singen. (EG 789.5)
Oculi nostri ad Dominum Jesum, oculi nostri ad Dominum nostrum.
 
In Myra trat die Diakonin der Gemeinde nach dem Lied vor den Altar und trug aus der Bibel die Brieflesung für den heutigen Gottesdienst vor. Die Diakonin las aus dem Jakobusbrief vor: (Jak. 5,7-8)
(Der Diensthabende Älteste vor den Altar und verliest die Epistel des 2. Adventssonntages)
So seid nun geduldig, liebe Brüder [und Schwestern], bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
 
Nachdem die Diakonin sich gesetzt hatte, erhob Bischof Nikolaus sich von seinem Stuhl und sprach zu der Gemeinde.
 
Liebe Leute von Myra!
So kennen wir es auch. Der Bauer kümmert sich um das Seine. Er bestellt seine Felder. Dann wartet und hofft er, dass Gott das Seine tut und Regen schenkt.
So haben auch wir das das Unsere getan.
Wir haben uns zusammengetan und ein Schiff ausgesandt. Jetzt dürfen wir auch nicht die Hoffnung verlieren, dass Gott kommt und uns hilft.
Lasst uns an dieser Hoffnung festhalten, dass Gott uns nicht vergessen hat. Wer glaubt und hofft sieht mehr. Er sieht die Welt nicht nur so, wie sie ist. Wer glaubt und hofft sieht auch Gottes Möglichkeiten, wo bei uns alles zu Ende zu sein scheint.
Lasst uns hoffen und singen und beten.
Als die Versammelten dann das Schlusslied anstimmten, drang plötzlich Geschrei vom Hafen her. Es musste etwas passiert sein. Neugierig und ängstlich zugleich drängten die Leute auf die Straße. Alle liefen zum Hafen. Auch Bischof Nikolaus zögerte keinen Moment und lief dem Geschrei entgegen.
Am Hafen angekommen erkannten sie die Ursache der Aufregung. Ein großes Schiff war in den Hafen eingelaufen und hatte den Anker geworfen. Aber es war nicht das Schiff aus ihrer Stadt, dass sie erwarteten. Ein fremdes Schiff hatte anscheinend vor einem bevorstehenden Unwetter im Hafen Zuflucht gesucht. Was nun besondere Aufregung verursachte: Man sah, das Schiff war über voll mit Getreide beladen, mit säcken voll Weizen. Die Leute in Myra hätten um alles in der Welt gerne einen kleinen Teil davon gehabt. An Geld oder Wertsachen sollte es als Bezahlung nicht fehlen.
Alle Leute am Hafen, Junge und Alte, riefen zu dem Schiff: „Gebt uns Getreide, wir brauchen es, wir verhungern.“ Aber es kam nur ein kleines Boot mit dem Oberbefehlshaber des Schiffes an den Kai gerudert. Bischof Nikolaus ging auf den Kapitän zu und trug ihm die Bitte der Stadt vor. Aber dem Kapitän waren die Hände gebunden. Sack für Sack war in Ägypten abgewogen worden. Das Getreide war für den Kaiser in Rom bestimmt. Und er hatte den Befehl alles vollständig in Rom abzuliefern. Was sollte Bischof Nikolaus tun? Er wusste, dass er dem römischen Kapitän nicht einen Teil der Ladung abkaufen konnte. Er hatte seine Befehle. Und einen Befehl durfte man im Militär nicht missachten. Und doch bedrängte Bischof Nikolaus den Kapitän und schilderte ihm die dramatische Lage der Stadt.
 
Aber der Kapitän bestieg unter dem inzwischen wütendem Gebrüll der Menschen unberührt wieder das Ruderboot und fuhr zu seinen Schiff zurück. Befehl ist Befehl!
Nach kurzer Zeit aber setzte wieder ein Boot zum Ufer über. Das Mitleid aufgrund der großen Not der Menschen hatte anscheinend über die Angst vor der Strenge des Kaisers gesiegt. Der Kapitän ließ 20 Säcke randvoll mit Weizen abfüllen und ans Ufer bringen. Er übernahm die Verantwortung. Ihm war es egal ob in Rom ein Teil der Ladung fehlen würde. Die Freude war riesengroß in ganz Myra. Alles tanzte auf den Straßen. Und wenige Stunden später lag ein Duft von frischem gebackenen Brot über der Stadt.
Aber damit noch nicht genug. Als das Schiff später in Rom seine Ladung löschte, da fehlte zum Erstaunen der Mannschaft und des Kapitäns nicht ein Kilo Weizen. Dieselbe Menge Getreide kam in Rom an – genau wie es in Ägypten abgewogen worden war.
Und die Schiffsbesatzung staunte und fragte sich: Was war nun eigentlich das größere Wunder? Dass kein Kilo Weizen der Ladung fehlte? Oder, dass dem Kapitän in Myra das Herz weich geworden war?
Weit über die Stadt Myra hinaus ist Bischof Nikolaus bekannt geworden. Seine Hoffnung hat Menschen angesteckt. Sein beharrliches Warten auf Gottes Hilfe hat Mut gemacht, mit Gott zu rechnen.
Als er Jahre später am 6. Dezember verstarb, hat sich dieser Tag mit seinem Namen verbunden. Der 6. Dezember ist der Nikolaustag.
Das nächste Lied im Gottesdienst, dass die Gemeinde in Myra nicht zu Ende singen konnte, war übrigens das Lied: „Ubi caritas“.
Wenn die lateinischen Worte übersetzt werden, dann merkt man, wie diese Worte damals in Myra wahr geworden sind.
Ubi caritas et amor, ubi caritas, deus ibi est - Wo die Liebe wohnt und Güte, wo die Liebe wohnt da ist Gott.
Lasst uns in dies Lied einstimmen. Amen.
 
Ansprechperson

Alexandra Mager

Pfarrerin

Alexandra Mager arbeitet für eine bestimmte Zeit als Pfarrerin in unserer Gemeinde. Sie ist Ansprechperson für den HALT. in der Bahnstadt und die Veranstaltungen, die dort stattfinden.



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