Wer gehört dazu?

Predigt vom 25.1.2026 über Apg 10

Die Frage, wer gehört eigentlich dazu, beschäftigt uns Menschen ständig: In der Schule oder am Arbeitsplatz oder in der Gesellschaft. Diese Frage klingt total banal, aber sie kann Mobbing oder Verfolgung oder – im schlimmsten aller Fälle sogar Genozid zur Folge haben.

Mit dieser Frage hat sich auch Petrus befassen müssen, und dabei sein ganzes Weltbild in Frage stellen lassen. Wir hören aus der Apostelgeschichte:
21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin's, den ihr sucht; warum seid ihr hier? 22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. 23 Da rief er sie herein und beherbergte sie.
Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. 24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. 26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch. 27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. 28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. 29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen.
30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand 31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. 33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.
34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.
 
Kornelius, ein römischer Hauptmann – also ein Nichtjude – glaubt an den Gott Israels.
Eines Tages bekommt er Besuch von einem Engel. Der sagt ihm: Lass den Apostel Petrus holen.
 
Zur gleichen Zeit hat Petrus eine seltsame Vision: Gott zeigt ihm Tiere, die nach jüdischem Gesetz als unrein gelten – und Gott sagt: Was ICH für rein erkläre, das sollst du nicht mehr ausschließen.
 
Als die Boten des Kornelius vor Petrus’ Tür stehen, beginnt Petrus zu verstehen.
Er geht mit ihnen – obwohl ein Jude eigentlich kein heidnisches Haus betreten darf.
 
Und im Haus des Kornelius geschieht etwas Entscheidendes:
Der Heilige Geist kommt auf diese Nichtjuden genauso wie damals auf die ersten Christen.
Sie glauben an Christus.
Sie werden erfüllt vom Geist Gottes.
Sie lassen sich taufen.
 
Da begreift Petrus:
Gottes Liebe kennt keine Grenzen.
Das Evangelium gehört nicht einem Volk, sondern allen Menschen.
 
Und selbst Petrus – der große Apostel – muss diesen weiten Horizont erst lernen.
Ja, liebe Gemeinde,
Wir Menschen gehören gern dazu.
Und wo es ein „Dazugehören“ gibt, gibt es fast automatisch auch die anderen.
Die, die nicht dazugehören.
Die, die anders sind.
Die, auf die man herabschaut.
 
Und wir leben in einer Zeit, in der viele müde geworden sind.
Nicht nur körperlich – sondern innerlich.
Müde vom Kämpfen.
Vom Sorgen.
Vom Sich-Durchbeißen in einer Welt, die immer härter wird.
 
Da ist es verführerisch, wenn jemand kommt und sagt:
„Du gehörst zu den Guten. Die anderen sind schuld.“
Schuld daran, dass es dir nicht besser geht.
Schuld an der Unsicherheit.
Schuld an den Problemen.
 
So etwas hat schon einmal funktioniert. Im Januar 1933.
Nach der Niederlage im 1. WK, wirtschaftlicher Not und tiefen Kränkungen.
Da entstand ein „Wir“, das sich über andere erhob:
„Wir sind mehr wert.“
„Wir sind besser.“
„Die anderen sind das Problem.“
 
Und niemand wollte sehen, dass es dabei nur einige wenige gab, die daraus Macht und Geld machten, während die Mehrheit, nur das Gefühl hatte, dass sie von diesem „Wir“ profitieren.
 
So ist es auch heute. Wenn wir die Nachrichten hören, sehen wir:
Wenige werden immer reicher. Viele haben immer mehr Angst.
Und dazwischen wächst diese Haltung:
„Ich muss zuerst an mich denken – sonst gehe ich unter.“
 
Große Konzerne, mächtige Menschen, ganze Staaten handeln nach diesem Prinzip.
Wachstum. Gewinn. Absicherung.
 
Da werden Gebietsansprüche gestellt.
Da werden Menschen mit Migrationsgeschichte zu Sündenböcken gemacht.
 
Und den Preis zahlen:
Menschen mit wenig Geld.
Menschen auf der Flucht.
Die Natur.
Die kommenden Generationen.
 
Solidarität wird mühsam.
Mitgefühl wird knapp.
Und diese Kälte zeigt sich nicht nur in der großen Politik –
sondern ganz nah bei uns.
In Schulen.
In sozialen Medien.
In Nachbarschaften.
 
Wo Menschen ausgegrenzt werden, weil sie anders sind.
Wo Mobbing Leben zerstört.
Wo Fremdenhass und Rassismus wieder laut werden – offen oder versteckt.
 
Das Prinzip ist immer dasselbe:
Man macht sich selbst größer, indem man andere kleiner macht.
Man schützt die eigene Angst, indem man sie auf andere richtet.
 
Doch Gott sagt: Nein.
So entsteht kein Leben – so entsteht nur neues Leid.
 
Schon der Prophet Amos ruft:
Ihr tretet die Schwachen mit Füßen und nennt es Ordnung.
Ihr schiebt Menschen an den Rand und nennt es notwendig.
Das ist erschreckend aktuell.
 
Und Jesus?
Jesus stellt sich mitten hinein.
Er berührt die Unberührbaren.
Er spricht mit den Verachteten.
Er sieht die, die niemand sehen will.
 
Er stellt ein Kind in die Mitte – klein, schutzlos, abhängig – und sagt:
An ihnen entscheidet sich, wer ihr seid.
 
Nicht an eurer Stärke.
Nicht an eurer Leistung.
Nicht an eurer Herkunft.
Sondern daran, wie ihr mit den Verletzlichen umgeht.
 
In einer Welt voller „Wir“ und „die anderen“ sagt Jesus:
Es gibt kein „die anderen“.
Es gibt nur Menschen.
 
Wenn wir Mobbing dulden,
wenn wir Rassismus schweigend hinnehmen,
wenn wir wegsehen, wenn andere ausgegrenzt werden,
dann verraten wir nicht nur diese Menschen –
sondern unsere eigene Menschlichkeit.
 
Glaube ist kein Rückzugsort vor der Welt.
Glaube ist eine Kraft, die uns in diese Welt hineinstellt.
 
Jesus geht bis ans Kreuz, weil er sich weigert, Menschen aufzugeben.
Weil er sich weigert, beim Spiel der Starken gegen die Schwachen mitzumachen.
 
Das Kreuz sagt: Kein Mensch ist verzichtbar.
Kein Leben ist unwichtig.
 
Und deshalb ist auch Nachhaltigkeit mehr als Umweltschutz.
Sie heißt: Wir leben so, dass auch andere leben können.
Heute. Und morgen. Hier. Und anderswo.
Unser Konsum. Unsere Sprache. Unsere Haltung. Alles hat Folgen.
 
Doch diese Predigt soll keine Anklage sein.
Vielmehr möchte ich einladen:
Gott weiß, wie schwer Mut in harten Zeiten ist.
Wie leicht man sich schützt, indem man sich abgrenzt.
Aber Christus ruft uns heraus aus der Angst –
hinein in die Solidarität.
Stark für andere.
 
Für das Kind, das gemobbt wird.
Für den Menschen, der beschimpft wird.
Für die, die keine Stimme haben.
 
Vielleicht können wir nicht alles ändern.
Aber wir können verhindern, dass jemand allein bleibt.
Und genau da beginnt Gottes Reich. Amen.
 
Ansprechperson

Alexandra Mager

Pfarrerin

Alexandra Mager arbeitet für eine bestimmte Zeit als Pfarrerin in unserer Gemeinde. Sie ist Ansprechperson für den HALT. in der Bahnstadt und die Veranstaltungen, die dort stattfinden.



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26.01.2026 09:19 - Tobias

Danke

Danke für die aufrüttelnden Worte!