Damit Alle die Wahl haben!

Predigt am Weltfrauenkampftag zu Markus 14,3-9

Wir sind mitten in der Passionszeit. Die Zeit, in der wir in besonderer Weise an das Leiden denken. Das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz vor 2000 Jahren auf dem Hügel Golgatha in Jerusalem.  Was hat das mit dem Weltfrauenkampftag im Jahr 2026 zu tun?

Eine Menge, finde ich. Ein wenig haben wir davon schon vorhin in der Lesung hören können. Eine Frau widersetzt sich den Regeln und Sitten ihrer Zeit, tritt ein in einen Bereich, der ihr nach damaligem Verständnis nicht zusteht. Ungefragt wendet sie sich Jesus sogar körperlich zu und berührt ihn. Das Alles ruft die frommen und gottesfürchtigen Männer auf den Plan, die sie heftig dafür angehen. Werfen ihr auch noch sinnlose Verschwendung vor. 
Und laufen bei Jesus ganz schön auf. Er nimmt die Frau nicht nur in Schutz, sondern deutet das, was sie getan hat, als vorbildlich und bedeutend über diesen Moment hinaus. Ja, er verbindet sein eigenes Schicksal mit dem dieser Frau: „Auf der ganzen Welt wird man die Gute Nachricht von mir verkünden. Dann wird man auch erzählen was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.
Es ist schon absurd, dass es der Kirche in der Folge dennoch gelungen ist, die Frauen über Jahrhunderte und in großen Teilen bis heute von Ämtern auszuschließen und sie wieder in ihre alten Rollen zurückzudrängen. Andererseits erleben wir ja gerade auch, wie in sogenannten Backlashs Frauen wieder in traditionelle Familienmodelle gedrängt werden oder sie sogar selber propagieren. Das Patriarchat ist eben eine Wirkmacht, die noch lange nicht überwunden ist.
Aber zurück zu Jesus.
Starke Frauen spielen in der Geschichte Jesu eine große, ja maßgebliche Rolle. Es ist eine Frau, die ihn zuerst als den Messias erkennt. Es ist eine Frau, die Jesus verstehen lässt, dass er nicht ausschließlich für das Volk Israel der Messias sein wird. 
Und es sind Frauen, die Jesus als erste als den Auferstandenen sehen und ihm begegnen.  Ohne diese Frauen würden wir Jesus nicht als den kennen, der er für uns sein will.
Interessanterweise ist es dem Evangelisten Matthäus anscheinend besonders wichtig darauf hinzuweisen, dass Jesus dabei auch schon in seinen Genen von starken Frauen geprägt wurde. In seinem ersten Kapitel schreibt er die Ahnenreihe Jesu auf, um zu belegen, dass er der legitime Nachfolger von König David ist. Und damit der verheißene Messias. Wie damals üblich, werden die Väternamen genannt. Aber mit Ausnahmen. Drei Frauen haben es in die Liste geschafft. Drei Frauen, die mutige Entscheidungen getroffen haben. Die ungewohnte Wege gegangen sind. Die damit viel riskiert haben. Und deren Namen darum bis heute nicht vergessen sind.
Es sind drei sehr unterschiedliche Frauen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten. Allen dreien gemeinsam aber ist, dass sie eine Wahl treffen. Sie bestimmen über ihr Schicksal. Und allen dreien gemeinsam ist, dass sie im Zusammenwirken mit Männern dadurch den Lauf der Geschichte entscheidend mitprägen. Die Geschichte dieser Frauen ist für mich das leuchtende Beispiel dafür, dass Männer und Frauen, dass Menschen jeglichen Geschlechts gemeinsam wirken können und müssen. Dass wir für einander eintreten sollen und nicht gegeneinander kämpfen.
Die letzte aus der Reihe ist natürlich Maria, die Mutter Jesu. Als sie Besuch vom Engel Gabriel bekommt, ist ihre Antwort zu erst einmal ganz traditionell: Wie soll ich schwanger werden, wenn ich von keinem Mann weiß. Sie versteckt sich hinter der Normalität: Einen Mann braucht sie, den hat sie (noch) nicht. Also, lieber Engel, du hast dich geirrt. 
Aber der lässt nicht locker. Er macht ihr klar: Gott braucht keinen Mann, um seinen Messias in die Welt zu bringen. Aber er braucht dich, Maria! Eine völlige Umkehrung der Verhältnisse tritt ein. Nicht der Mann ist entscheidend. Sondern du. Als Frau. 
Und Maria sagt dazu: Ja! Sie entscheidet sich für einen Weg, den vor ihr noch niemand gegangen ist. Mutig. Im Vertrauen auf Gott.
Und dann erst kommt Josef ins Spiel. Der Arme weiß erst nicht, wie ihm geschieht, will eigentlich nur weg. Aber dann, die Bibel erzählt wieder von einem Engel, der ihm im Schlaf begegnet, dann ist er durch und durch solidarisch mit Maria. Hält zu ihr. Beschützt sie und das werdende Kind. Großartig. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn sich Josef anders entschieden hätte.
Die erste Frau, die in der Ahnenreihe Jesu genannt wird, ist Rahab. Sie war eine Sexarbeiterin in Jericho. Auch sie trifft in einem entscheidenden Moment ihres Lebens eine Wahl. Bevor Josua als Nachfolger von Moses die aus der Sklaverei in Ägypten entkommenen Israeliten ins verheißene Land führt, lässt er es von zwei Männern auskundschaften. Als die in Jericho als Spione enttarnt werden, trifft Rahab, bei der die beiden sich verstecken, eine Entscheidung. Gegen ihren eigenen König. Für die Fremden, die zukünftig ihr Land bevölkern wollen. Sie bugsiert die beiden Männer in einer gewagten Aktion aus der Stadt heraus und rettet damit ihr Leben. Sie setzt damit natürlich als Verräterin ihr eigenes aufs Spiel. Aber auch sie erlebt die Solidarität, die wiederum ihr Leben rettet und das ihrer Familie. Als Jericho eingenommen wird von den Kriegern Israels, erinnern sich die beiden Männer an Rahab. Und lassen sie gemeinsam mit ihrer Familie vorher in Sicherheit gebracht. Während heute Sexarbeiterinnen wie Wegwerfware behandelt werden, wird in der Bibel an keiner Stelle über ihre Tätigkeit geurteilt. Rahabs Name schafft es sogar in die Ahnenreihe Jesu. 
Die dritte im Bunde ist Ruth. Wie Rahab ist sie keine Israelitin. Sie stammt aus Israels damaligem Nachbarland Moab, wo sie jung zur Witwe geworden ist. Ihr Mann war als Flüchtlingskind mit seinen Eltern aus Israel gekommen, als es dort eine große Hungersnot gab. Als ihre Schwiegermutter Noomi wieder in ihre alte Heimat zurückkehren will, trifft Ruth eine Entscheidung. 
Entgegen jeder Vernunft, die ihr geraten hätte, in ihrer Heimat bei ihren eigenen Eltern zu bleiben und wieder neu zu heiraten. Sie entscheidet für sich: Ich gehe mit Noomi. Sogar gegen deren gutgemeinten Ratschlag. Ruth verlässt Alles, was sie kennt und gewohnt ist und geht mit ihrer Schwiegermutter.
Und – Sie ahnen es schon – auch Ruth erlebt ihrerseits, wie sich Solidarität anfühlt. Sie findet Unterstützung, als sie sich auf den beschwerlichen Weg macht, für sich und Noomi das tägliche Brot zu organisieren. Als Witwe darf sie sogenannte Nachlese halten auf den Feldern. Das ist in der Thora festgeschrieben. Das ist ihr gutes Recht. Aber der Besitzer des Feldes gibt seinen Arbeitern zusätzlich die Anweisung, beim Ernten großzügig Ähren stehen zu lassen, damit Ruth weniger Mühe hat. Und er ordnet an, dass man sie in Ruhe lässt und schütz sie damit vor sexuellen Übergriffen. Männliche Solidarität mit einer solidarischen Frau. Gemeinsam werden sie später Eltern von Obed, der wiederum der Großvater von König David werden sollte.
Drei Frauen, die eine Wahl getroffen haben. Die damit den Lauf der Geschichte verändert haben. Drei Frauen unter vielen, deren Namen wir nicht überliefert bekommen haben.
Drei Frauen, die mich beeindrucken. Die mich dazu ermutigen, mich nicht wegzuducken. Alle drei hätten dazu die Gelegenheit gehabt. Aber sie haben sich anders entschieden. Es sind Frauen wie sie, die unsere Welt weiterbringen. Im Guten weiterbringen.
Heute ist nicht nur Internationaler Frauentag. Heute ist auch Wahltag. Viele von uns haben sicherlich schon vor dem Gottesdienst ihre beiden Kreuze auf dem Wahlzettel gemacht. Andere werden das auf dem Heimweg tun. Wir haben die Wahl! Umso erschütternder, dass es Menschen gibt, die davon keinen Gebrauch machen. Auch das Wahlrecht ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde mühsam erstritten. Besonders das Wahlrecht von Frauen.
Wir alle haben es in der Hand, mit unserer Wahl Solidarität zum Ausdruck zu bringen. In dem wir denen die Stimme geben, die zumindest versprechen, dass sie sich für Zusammenhalt in unserem Bundesland und darüber hinaus einsetzen möchten. Für ein Zusammenleben, in dem wir für einander eintreten und uns nicht gegenseitig mit Hass und Häme überschütten. 
Aber wir haben nicht nur am Wahltag die Wahl. Wie wir miteinander umgehen, wie wir miteinander sprechen, wie wir übereinander sprechen und welche Botschaften wir teilen und weitergeben: All das entscheiden wir jeden Tag neu. 
Jesus hat in unserem Evangeliumstext diejenigen in die Schranken gewiesen, die die Frau diskreditieren wollen, die ihn mit so überschwänglicher Liebe begegnet. Überschwängliche Liebe, die Jesus gut tut angesichts des Leids, das ihm bevorsteht. 
Wir müssen uns fragen, wer heute unsere überschwängliche Liebe braucht. Wem wir so begegnen müssen, dass es ihr, dass es ihm besser geht angesichts ihres, angesichts seiner schwierigen Lebenssituation. Lassen wir uns doch nicht in die Schranken weisen von Leuten, die uns verbieten möchten, Gutes zu tun. Gutes zu tun an anderen Menschen, die jedes Zeichen der Zuwendung dankbar aufnehmen. Menschen, die zu Sündenböcken gemacht werden, wie Jesus es erleben musste. Geflüchtete, Arbeitslose, Bürgergeldempfänger*innen.
Wir haben die Wahl. Viele Menschen haben sie nicht. Weil sie in Verhältnissen leben, die ihnen keine Wahl lassen. Weil sie bewusst von Wahlen ausgeschlossen werden. Oder weil sie auf Grund von Krankheit nicht mehr in der Lage dazu sind. Das ist schlimm. Und wo immer wir uns hier solidarisch zeigen können, Hilfe anbieten oder organisieren können – lasst es uns tun. 
Nicht jede Hilfe kommt an. Wir müssen auch die Erfahrung machen, dass wir nicht helfen können. Aber unser mitfühlendes Herz brauchen wir darum nicht aufzugeben. 
Bewahren wir unser Vertrauen, dass Gottes Möglichkeiten viel größer sind als unsere. Viel, viel größer. Amen.
 
 
Ansprechperson

Sigrid Zweygart-Pérez

Pfarrerin

Sigrid Zweygart-Pérez ist Pfarrerin für die Seelsorge in die Gesellschaft hinein. Ihr Schwerpunkt sind Gottesdienste, Diakonie und die Arbeit mit Geflüchteten.
 

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