Wo wir wachsen können

Predigt zur Konfirmation in der Christuskirche am 10.5.2026

Manchmal sagt jemand etwas — und wir haben es nach fünf Minuten wieder vergessen. Aber manchmal begleitet uns ein Wort oder ein Satz jahrelang. So ist es oft auch mit Erfahrungen, Begegnungen oder Gesprächen. Vieles geht schnell vorbei. Anderes bleibt uns lange im Gedächtnis.

Heute feiern wir Konfirmation. Ihr Jugendlichen habt euch in den vergangenen Monaten intensiv mit Glaubensfragen beschäftigt. Wir waren gemeinsam auf zwei Freizeiten. Im Herbst in Mosbach, wo wir uns viel Zeit genommen haben, um über die Bibel zu sprechen. Bei unseren Treffen im Mittwochnachmittag haben wir über Jesus und Gott, über Zweifel und Glauben, und darüber, was euch wichtig ist, gesprochen. Im Januar haben wir diakonische Einrichtungen hier in Heidelberg besucht, wo Menschen ganz praktisch im Geist der Nächstenliebe handeln. Vor zwei Wochen waren wir schließlich auf der Jugendburg Rotenberg. Dort habt ihr euren eigenen Gottesdienst vorbereitet. Ihr habt ein Wort Jesu ausgelegt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.«
 
Ich habe die gemeinsame Zeit mit euch als etwas Schönes erlebt. Ihr seid als Gruppe zusammengewachsen, ihr habt viel miteinander erlebt und auch Spaß miteinander gehabt. Ihr seid freundlich und respektvoll miteinander umgegangen. Und wir konnten über wichtige Fragen sprechen: Was gibt Halt im Leben? Woran kann ich glauben? Was ist mir wichtig? Wie gehe ich mit anderen Menschen um?
 
Das Gleichnis, über das wir heute nachdenken wollen, knüpft euren Gottesdienst vor zwei Wochen an. Es stammt aus dem Markusevangelium. Jesus erzählt:
»*Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen. Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten sie auf. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde gab. Die Körner gingen schnell auf, weil sie nicht tief im Boden lagen. Aber als die Sonne hoch stand, wurden die Pflanzen verbrannt. Sie vertrockneten, weil sie keine tiefen Wurzeln hatten. Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln schossen hoch und erstickten die junge Saat. Deshalb brachten sie keinen Ertrag. Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Die Körner gingen auf, wuchsen heran und brachten Ertrag.*«
 
Das ist ein einfaches Bild. Ein Bauer sät Samen aus. Manche Körner gehen verloren. Andere wachsen kurz und vertrocknen wieder. Wieder andere werden überwuchert. Aber manches fällt auf guten Boden und bringt reiche Frucht. Jesus spricht oft in Bildern. Er nimmt etwas aus dem Alltag der Menschen und verbindet es mit einer tieferen Frage. In diesem Gleichnis geht es darum, was in unserem Leben wachsen kann.
 
Der Same, das ist für Jesus Gottes Wort. Gedanken, Erfahrungen und Hoffnungen, die Menschen verändern können. Worte von Liebe, von Vertrauen, von Gerechtigkeit und Frieden. Worte, die Mut machen und Kraft geben. Aber nicht alles, was wir hören, bleibt auch in uns lebendig. Manches fällt »auf den Weg«. Wir hören etwas, aber es erreicht uns nicht wirklich. Vielleicht sind wir abgelenkt oder denken: Das hat mit meinem Leben nichts zu tun. 
 
Anderes fällt auf felsigen Boden. Es wächst schnell, aber kann sich nicht tief verwurzeln. Vielleicht kennen wir das auch: Etwas begeistert uns zuerst sehr. Ein guter Vorsatz. Eine neue Idee. Vielleicht auch ein Gedanke aus dem Glauben. Aber wenn Schwierigkeiten kommen, verschwindet die Begeisterung wieder. Und manches fällt zwischen die Disteln. Da ist zwar etwas gewachsen, aber anderes wird stärker und nimmt ihm die Luft zum Atmen: Sorgen, Stress, Leistungsdruck oder die ständige Frage, wie man bei anderen ankommt.
 
Entscheidend ist der letzte Teil: Ein Teil der Saat fällt auf guten Boden. Dort wächst etwas. Das ist die eigentliche Hoffnung dieses Gleichnisses. Nicht alles gelingt. Nicht jede Erfahrung verändert sofort unser Leben. Aber manches wächst, und das hat ein große Verheißung.
 
Was sind die Worte oder Taten, die in eurem Leben auf fruchtbaren Boden gefallen sind? Was habt ihr empfangen, das in eurem Leben heranwächst und reift und Früchte bringt? Einstellungen oder Interessen, im Miteinander in der Familie, in der Schule oder im Glauben? Nicht alles, was ihr einmal begonnen habt, führt ihr fort. Aber manches entwickelt sich und trägt Früchte.
 
Das Gleichnis können wir aber auch als Bild dafür sehen, wo wir selbst etwas weitergben, wo wir selbst -- im Bild gesprochen -- etwas aussäen. Der Bauer im Gleichnis ist dabei erstaunlich großzügig. Er wirft die Körner nicht nur dorthin, wo der Boden perfekt aussieht. Er streut sie einfach aus, ohne allzugroße Vorsicht.
 
Vielleicht ist das auch ein Gedanke für euch Konfirmandinnen und Konfirmanden. Traut euch, etwas auszusäen. Zögert nicht, euch einzubringen: Eure Ideen, euren Mut, Hilfe für andere Menschen, etwas, was ihr mit anderen gemeinsam machen wollt. Nicht alles wird gelingen. Es wird auch Enttäuschungen geben. Aber manches wird wachsen und Frucht tragen. Und das ist es, was am Ende zählt.
 
Vielleicht ist das Bild vom Säen auch ein Bild für Sie als Eltern. Viele Jahre haben Sie Ihre Kinder begleitet, unterstützt, getröstet, ermutigt und manches vorgelebt. Nun sind sie Jugendliche und gehen immer öfter ihre eigenen wege. Was von Ihrer Saat aufgeht, ist vielleicht noch gar nicht immer sichtbar. Aber das Gleichnis lädt zum Vertrauen ein: Dass aufgeht, was gesät wurde. Dass viel Gutes wachsen kann, vielleicht dort, wo wir es gar nicht erwartet haben.
 
Jesus spricht vom Wachstum im Glaube. Glaube wächst langsam, wie eine Pflanze. Und wie Pflanzen Wasser, Licht und gute Erde brauchen, brauchen wir manches, um im Glauben zu wachsen: Gemeinschaft, Freundschaften und die Erfahrung, angenommen zu sein. Ich hoffe, dass für euch die Konfi-Zeit eine Zeit war, wo ihr Kirche als einen Ort erlebt habt, wo es das gibt. Kein Ort, an dem man perfekt sein muss, sondern ein Ort für eure Fragen, Ideen, Hoffnungen und Zweifeln -- ein Ort für euch.
 
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: Das Gleichnis gibt schließlich uns auch ein Bild von Gott. Wir lernen daran, dass Gott Geduld mit uns hat. Wenn ein Bauer gesät hat, wartet er, weil er weiß, dass die Saat Zeit zum Heranwachsen braucht. So lässt Gott euch Zeit zu wachsen. Das heißt: Ihr müsst nicht schon fertig sein. Nicht perfekt glauben und nicht auf alles eine Antwort haben. Aber bleibt offen dafür, wo ihr wachsen könnt und für das, was in euch wachsen kann. Dann kann aus kleinen Erfahrungen etwas Großes werden. Aus einem Gespräch Vertrauen. Aus einem Zweifel eine ehrliche Suche. Aus Freundlichkeit Gemeinschaft. Und aus einem kleinen Samen etwas, das Frucht trägt — für euch selbst und für andere. 
 
Amen
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.

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