Auch im Streit das Gute versuchen
Predigt in der Christuskirche am 28.6.2026 (4. Sonntag nach Trinitatis)
Zwei Kolleginnen oder Kollegen, seit Jahren in derselben Firma. Irgendwann ist etwas schiefgelaufen – eine übergangene Beförderung, ein Gerücht, ein Satz, der hängen geblieben ist. Seitdem reden sie kaum noch. Grüßen sich im Flur, ja. Aber das Grüßen ist selbst schon eine Form des Schweigens.

Und innerlich hat jede, jeder eine Liste angelegt. Was der andere falsch gemacht hat. Was man sich gemerkt hat.
Das Christentum steht für Nächstenliebe – das sagen viele. Das stimmt. Es stimmt sogar noch mehr, als die meisten ahnen: In der Bergpredigt fordert Jesus dazu auf, sogar den Feind zu lieben. Und Paulus schreibt im Römerbrief etwas, das in dieselbe Richtung geht – aber Paulus hat dabei eine eigenständige Perspektive und Sprache.
Liebe Gemeinde, wir hören den heutigen Predigttext aus dem 12. Kapitel des Römerbriefs:
*»Vergeltet niemandem Böses mit Bösem, sondern bewirkt das, was in den Augen aller Menschen gut ist. Wenn es möglich ist, haltet – von eurer Seite aus – mit allen Menschen Frieden. Nehmt nicht Rache für euch selbst, ihr Lieben, sondern lasst Raum für den (kommenden) Zorn, denn es steht geschrieben: 'Überlasst die Rache mir, ich werde vergelten, spricht der Herr.'* (5. Mos 32,35)
*Im Gegenteil: 'Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, häufst du auf seinem Kopf glühende Kohlen an'* (Spr 25,21). *Werde nicht vom Bösen besiegt, sondern besiege das Böse durch Gutes.«* (Röm 12,17–21)
Paulus schreibt das im Zusammenhang des Römerbriefs. Im ersten Teil dieses Briefes hatte er in großen theologischen Linien dargestellt, dass auch Nichtjuden der christliche Glaube und die Verheißung Israels offensteht. Im zweiten Teil geht es darum, wie wir als Christinnen und Christen leben sollen. Wenige Verse vorher heißt es: Eure Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse, haltet am Guten fest. Das ist das Thema, das er hier entfaltet.
Was ist das Gute? Paulus zielt darauf ab, was für *alle* Menschen gilt. *Bewirkt das, was in den Augen aller Menschen gut ist.* Nicht nur in den Augen der Gemeinde. Nicht nur nach christlichem Maßstab. Gut und Böse sind für Paulus nicht an eine bestimmte Religion oder Tradition gebunden, sondern für alle erkennbar – quer durch die Kulturen und Überzeugungen.
Aber dann wird es schwieriger. *Wenn es möglich ist, haltet – von eurer Seite aus – mit allen Menschen Frieden.* Zwei Einschränkungen in einem Satz. »Wenn es möglich ist«. Und: »von eurer Seite aus«. Paulus ist realistisch: Er weiß, dass der andere in einem Streit vielleicht unversöhnlich bleibt. Was Paulus schreibt, garantiert keinen Erfolg. Er sagt nur: Tut euren Teil.
Als jüdisch gebildeter Theologe greift Paulus auf das Buch der Sprüche zurück. Dort heißt es: *Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken.* Was Paulus hier fordert, ist ähnlich wie das, was Jesus in der Bergpredigt sagt – aber doch etwas anderes. Jesus sagt: Liebt eure Feinde. Paulus sagt mit dem Sprüchebuch: Sieh, wo dein Feind in Not ist – und handle. Er verlangt keine Gefühle, nicht einmal Wohlwollen. Aber die konkrete Handlung: Brot geben. Wasser geben. Das Elementarste, was ein Mensch zum Überleben braucht.
Jemandem Gutes tun, der mir Böses getan hat – das ist schwer. In echten Konflikten tragen wir unsere Geschichte mit, manchmal eine lange Geschichte. Vergeltung, Zorn, Kohlen auf dem Haupt – in diesen Worten spiegeln sich Gefühle, die wir in tiefen Konflikten fühlen können. Paulus blendet sie nicht aus, wenn er auf den anderen blickt, der ihm feindlich ist. Er weiß, wie tief die Wunden sein können. Aber er sagt: Überlass das dem Urteil Gottes. Gib es ab, lass es los. Das schafft Raum – Raum, um etwas anderes zu tun, als zurückzuschlagen.
Manchmal geschieht das nicht in ein Gespräch. Manchmal kann man gar nicht reden, oder man will es nicht, oder der andere lässt es nicht zu. Aber vielleicht ist eine Geste. Eine unerwartete Geste, die etwas unterbricht. Im Buch der Sprüche ist es, dem Feind etwas zu essen und zu trinken zu geben.
Das Gericht gehört Gott, nicht uns. Wir sind nicht selbst Richter. Wir müssen nicht alles gerade rücken. Paulus bezieht sich auf das fünfte Buch Mose: *Überlasst die Rache mir, spricht der Herr.* Das Evangelium von Jesus Christus und die Botschaft der Heiligen Schriften gehören für ihn untrennbar zusammen. Der Gott, dem das Gericht gehört, und der Gott, der sagt: Gib dem Feind zu essen – das ist derselbe Gott. Das Gottesbild des Paulus ist umfassender als wir erwarten: Gottes Liebe und Gottes Zorn sind zwei Weisen, wie Gott das Gute bewirkt. In beiden ermöglicht er Gerechtigkeit und Frieden in unserer Welt.
Was bedeutet das nun für uns – zunächst ganz nah, im persönlichen Streit?
Die beiden Kolleginnen oder Kollegen von vorhin – sie werden sich nicht plötzlich mögen. Es wird sich nicht einfach in Luft auflösen, was zwischen ihnen steht. Aber vielleicht gibt es einen Moment, in dem einer sieht: Der andere hat gerade ein Problem, kommt nicht weiter, braucht eine Information, eine Hilfe. Und dann – einfach helfen auch ohne viele Worte. Das kann so aussehen: Die Kollegin schickt die Datei, die der Kollege sucht, obwohl sie ihn eigentlich ignoriert. Nichts Dramatisches. Aber etwas Unerwartetes – ein Angebot, mit dem sich etwas ändern kann, wenn es gesehen und angenommen wird.
Was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen. Wir leben in einer Zeit, in der Feindbilder schnell entstehen und sich festsetzen – in politischen Debatten, in sozialen Netzwerken, in Kriegen, die wir aus der Ferne verfolgen. Als Christinnen und Christen, als Kirche, haben wir dabei eine wichtige Aufgabe. Wir sollen daran festhalten im Gegenüber immer den Menschen zu sehen, nicht den Feind. Wir sollen elementare Not der Menschen in den Kriegsgebieten erkennen und bennen – auf allen Seiten. Auch im Krieg gelten Rechte. Das Überleben und die Sicherheit von Menschen müssen für alle gewahrt bleiben. Und Kriege können erst beendet werden, wenn das Denken in Rache und Vergeltung durchbrochen wird – durch Recht, durch Gerechtigkeit. Es bleibt unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, davon zu sprechen.
Müssen wir deshalb als Christinnen und Christen bessere Menschen sein? Paulus verlangt keine Heiligen. Er sagt nicht: Ihr müsst beste Freunde mit euren Feinden werden. Aber er sagt: Seht im anderen immer den Menschen. Lasst euch nicht vom Zorn treiben. Und seid bereit, auch etwas Unerwartetes zu tun.
Paulus fasst seinen Gedanken zusammen: *Werdet nicht vom Bösen besiegt, sondern besiegt das Böse durch Gutes*. Diese Aufforderung ist zugleich eine Zusage. Wer Gutes tut, sieht den anderen neu – nicht als Feind, sondern als Menschen. Und wer so sieht, hat schon etwas gewonnen: Eine Perspektive, die dem Bösen weniger Raum lässt.
Dieser Perspektivwechsel ist nicht selbstverständlich. Als Christinnen und Christen können wir ihn aus dem Glauben gewinnen: Weil Gott uns zuerst so sieht – nicht als Feinde, sondern als seine Kinder. Darum können wir auch auch andere in diesem Licht sehen, und entsprechend handeln. Damit werden wir nicht alle Probleme lösen und nicht jeden Streit beenden. Aber es ist gut, wenn wir tun, was an uns liegt. Den Raum für alles andere überlassen wir Gott.
Ansprechperson
Hans-Christoph Meier

Pfarrer
Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.
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