Das Wichtigste am Glauben

Predigt im Gottesdienst zur Konfirmation am 11.5.2025 in der Christuskirche

Was ist das Wichtigste am Glauben? Woran können wir uns in unserem ganzen Leben ausrichten? Diese Frage wurde schon im Judentum diskutiert und Jesus beteiligte sich daran.

Darüber schreibt der Evangelist Markus im 12. Kapitel seines Evangeliums:
   
Ein Schriftgelehrter hatte den Diskussion zwischen Jesus und den Gelehrten im Tempel zugehört; und hatte bemerkt, wie treffend Jesus auf alle Fragen antwortete. Da ging er zu ihm und fragte ihn: »Welches Gebot ist das erste von allen?«
Jesus antwortete:
»Das erste ist: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft‹. Als zweites kommt hinzu: ›Du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst‹. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.«
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm:
»Sehr gut, Rabbi! Ganz richtig hast du gesagt: ›Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm, und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Mitmenschen zu lieben wie sich selbst‹, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer«
Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm:
»Du bist nicht fern vom Reich Gottes.«
   
Liebe Gemeinde, in diesen Worten ist zusammengefasst, wie wir als Christinnen und Christen leben lassen: »Du sollst Gott lieben – von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst«.
Wenn wir heute über diese Worte nachdenken, wollen wir diesen Satz rückwärts lesen. Vielleicht wird uns dann an diesen vertrauten Worten manches deutlicher.
Beginnen wir also mit dem Schluss: »Lieben … wie dich selbst«. Dabei ist etwas vorausgesetzt, das offenbar ganz selbstverständlich ist, und deshalb nicht weiter vertieft wird, aber doch wichtig ist – nämlich dass wir uns selbst lieben.
Aber ist das wirklich selbstverständlich? Lieben wir uns selbst? Können wir uns selbst lieben? Wir wissen doch, was wir alles nicht können, wie viele Schwächen wir haben, und was wir uns alles vornehmen, und dann doch nicht schaffen. Und wenn wir uns mit anderen vergleichen. Sind die nicht viel erfolgreicher als wir, gehen sie nicht leichter und unbeschwerter durchs Leben. Und mit meinem Äußeren bin ich auch nicht so recht zufrieden. Wäre ich nicht gern schlanker, oder sportlicher oder attraktiver? Nein – wir sind alle keine idealen Menschen und würden uns manches Mal wünschen, dass wir wie die anderen wären, oder dass wir jedenfalls anders wären als wir sind.
Lernen wir mit der biblischen Tradition, die Jesus hier aufgreift, uns selbst zu lieben. Das heißt nicht, dass wir in uns selbst verliebt sein sollen. Aber es heißt zu sehen, dass wir viele Gaben und Fähigkeiten haben, die wir in unserem Leben nutzen können. Dass wir mit vielem geschaffen sind, was uns liebenswert macht: In den Augen anderer, und wenn wir uns selbst betrachten. Liebe Jugendliche, solange ihr Kinder wart haben eure Eltern und andere wichtige Erwachsene euch das zurück gespiegelt. Als Jugendliche lernt ihr, eure Stärken und Schwächen selbst einzuschätzen und damit umzugehen. Uns selbst zu lieben – nicht trotz unserer Schwächen, sondern mit unseren Schwächen. Die Bibel ermutigt uns, uns selbst anzunehmen, wie wir sind, und liebevoll mit uns selbst umzugehen.
   
Gehen wir einen Schritt weiter. Wir sollen den Nächsten oder die Nächste lieben. Das Wort »Nächster« kommt in unsere Alltagssprache sonst gar nicht vor. Es meint die Menschen, denen wir begegnen. Unser Nächster, das ist unser Mitmensch, der Mitschüler oder die Mitschülerin, Freund oder Freundin, Nachbar, Kollege – eben alle, mit denen wir zu tun haben.
Und die sollen wir alle lieben? Das ist vielleicht doch etwas viel verlangt. Mit den allen respektvoll umgehen, ehrlich sein, Rücksicht nehmen, das wäre realistischer. Aber alle Mitmenschen lieben? Da gibt es viele Hindernisse: Wir leben in einer Welt, in der wir uns durchzusetzen müssen, wo wir sehen müssen, dass wir zu unserem Recht kommen. Und oft sind wir so mit dem beschäftigt, was uns selbst angeht, dass einfach keine Energie für andere bleibt. Oft sind uns andere fremd, weil er eine andere Geschichte hat als wir und ganz andere Werte. Wir können uns oft nur schwer vorstellen, was wir an der Stelle eines anderen wirklich bräuchten, weil wir noch nie an seiner Stelle waren.
   
Wenn wir versuchen würden, alle Menschen, denen wir begegnen, aus eigener Kraft zu lieben, wären wir überfordert. Achten wir, was Jesus der Nächstenliebe voranstellt, wie ein Vorwort oder Vorzeichen. Als erstes spricht er davon, dass wir Gott lieben sollen. »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.«
Wir hören oft, dass Gott uns liebt. Aber umgekehrt? Wir bekennen, dass wir an Gott glauben. Wir sprechen darüber, wie wir uns ihn vorstellen. Wir zweifeln an Gott, oder wir hoffen auf ihn. Aber lieben wir ihn?
Das ist für viele vielleicht ungewohnt, so zu denken, oder zu sprechen und zu beten. Doch für Jesus ist es das Wichtigste im Leben, Gott zu lieben. Und es ist gut, wenn wir uns das klar machen: Die beste Antwort auf Gottes Liebe zu uns ist, wenn auch wir ihn lieben. Diese Liebe braucht unsere Kraft, sie braucht unsere Gedanken und unser Gefühl, unseren Mut und unsere Phantasie. Und die Liebe zu Gott öffnet uns eine andere Verbindung zu den Mitmenschen. Der Andere, die Andere ist von Gott geliebt wie wir. Er oder sie ist geliebtes Kind Gottes wie ich. Wenn wir lernen, das im anderen zu sehen, sind wir nicht fern vom Reich Gottes.
   
Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden. Wir haben uns ein knappes Jahr mit dem christlichen Glauben beschäftigt. Wir haben einander kennen gelernt und vieles zusammen. Ihr habt habt euch in den Praktika in unserer Gemeinde eingebracht. Ihr habt Gottesdienste gefeiert und mitgestaltet, am Buß- und Bettag und in eurem Gottesdienst am Palmsonntag. Wir waren gemeinsam auf dem Konfi-Camp und auf der Jugendburg. Dort haben wir intensive Tage miteiander erlebt -- und auch Nächte. In der Gemeinschaft ist vielleicht auch etwas spürbar geworden, von der Liebe, zu der Gott uns ruft.
Ich wünsche euch, dass ihr auf eurem Lebens immer wieder etwas von dieser dreifachen Liebe erfahrt, von der Jesus spricht: Die Liebe zu euch selbst, die Liebe zu anderen Menschen und die Liebe zu Gott. Er ist der Ursprung aller Liebe.
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.



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