Wahrheit, Trost und Frieden

Predigt im Markushaus am Pfingstsonntag 2025

Als Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag hören wir Verse aus dem 14. Kapitel des Johannesevangeliums. Es sind Worte aus der Abschiedsrede Jesu. Bevor er gefangen genommen und gekreuzigt wird, verabschiedet er sich von denen, die ihm gefolgt waren. Er gibt ihnen mit auf den Weg, wie sie seine Botschaft weiter tragen sollen, wenn er nicht mehr bei ihnen ist.
 

*(Jesus Christus spricht:) Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit:  den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.*
*Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.*
*Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.*
*Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.*
*Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.* (Joh 14,15-19.23b-27)
 
In der Lesung haben wir die Pfingsterzählung aus der  Apostelgeschichte des Lukas gehört. Da klang alles viel spektukulärer: Ein starkes Windbrausen, eine Leuchten wie Feuerflammen über den Köpfen der Jüngerinnen und Jünger, dann das Sprachenwunder. Jüdische Männer und Frauen aus aller Welt haben sich zum Wochenfest in Jerusalem versammelt. Sie hören, wie die Jünger Gott preisen, und verstehen es alles in ihrer Landessprache. Beeindruckende Zeichen und eine beeindruckende Predigt des Petrus. Viele, ja tausende auf einmal lassen sich taufen. All das muss überwältigend und wunderbar gewesen sein, mitreißend und begeisternd. Ein großartiger und überzeugender Anfang für die erste Gemeinde und die Kirche Jesu Christi, die daraus entstand.
Wie anders klingen dagegen die Worte Jesus aus dem Johannesevangelium, die wir gerade gehört haben. Die Stimmung ist eine ganz andere: Es geht um Trennung und Abschied, um Trauer und Verlust. Wenn Jesus nicht mehr bei ihnen sein wird, werden sich die Jünger verlassen fühlen wie Waisenkinder. Und doch geht es auch hier darum, was wir Pfingsten feiern: Dass die Menschen, die Jesus folgen, den Geist Gottes empfangen, den Heiligen Geist. Und dass dieser Geist ihnen Mut und Zuversicht gibt, dass er sie stärkt, die Botschaft Jesu an andere weiter zu geben.
So unterschiedlich die Situationen sind -- Lukas und Johannes berichten beide davon, wie entscheidend es für die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden war, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Aber was ist das, der »Heilige Geist«? Sind es Feuerflammen und himmlischer Rückenwind, eine Wunderkraft, die Menschen zu etwas befähigt, was sie aus eigener Kraft nicht können? Oder ist es mehr ein inneres Wirken, ein Gefühl oder eine Einsicht die Gott uns schenkt? Oder ist es beides, das Zusammenwirken von außen und innen? Können wir überhaupt mit anderen über den Geist sprechen, oder ist das nicht etwas persönliches, das jeder anders erfährt -- oder eben auch nicht?
   
Wir wollen uns heute an die Worte Jesu im Johannesevangelium halten. Er erklärt nicht, woher der Heilige Geist kommt, oder was er genau ist. Aber er sagt, was dieser Geistes bewirkt, was also die Früchte dieses Geistes sind: Nämlich *Wahrheit, Trost* und *Frieden*.
Als erstes hören wir: Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Beim Stichwort Wahrheit geht es im Johannesevangelium immer um Jesus. Dass Jesus der Sohn seines himmlischen Vaters ist, dass er im Namen Gottes spricht -- das war umstritten. Nicht nur zwischen Jesus und seinen Gegnern, sondern dann auch zwischen den ersten Christinnen und Christen und den jüdischen und heidnischen Menschen, mit denen sie zu tun hatten. Dass Jesus wirklich von Gott kommt, und zu ihm zurück gekehrt ist -- diese Wahrheit versteht sich nicht von selbst. Wo Menschen diese Wahrheit annehmen und an Jesus glauben, dort wirkt Gottes Geist.
Aber die Wahrheit ist natürlich mehr. Und wir erleben, dass die Frage »Was ist wahr?« immer brennender wird. Seit ein paar Jahren kennen wir das Wort *fakenews*. Nachrichten, Meldungen, Behauptungen die mit der Absicht verbreitet werden, Menschen zu manipulieren. Dazu werden Fakten verkürzt dargestellt oder im falschen Zusammenhang. Nicht selten wird auch ganz bewusst und schamlos gelogen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Durch die sogenannten Sozialen Netzwerke verbreiten sie sich sehr schnell. Künstliche Intelligenz wird auch genutzt, um massenhaft Lügen in die Welt zu setzen. Erschreckend ist, dass auch gewählte Regierungen zu diesen Mitteln greifen, um ihre Interessen durchzusetzen. 
Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Zwar haben wir Christinnen und Christen die Wahrheit nicht einfach gepachtet. Aber wo wir die Lügen erkennen, sollen wir nicht schweigen, sondern ihnen entgegentreten. Dazu stärkt uns der Gottes Geist.
   
Als zweites: Jesus nennt im Johannesevangelium den Heiligen Geist den »Tröster«. So übersetzt Luther das griechische Wort *Paraklet*. Wörtlich ist damit jemand gemeint, der einem zur Seite steht. Einer der oder eine die sich als Fürsprecher einsetzt oder andere  berät. Aber »Tröster« trifft hier auch zu, weil es für die Jünger und Jüngerinnen tröstlich ist, dass sie nicht allein sind. Auch wenn Jesus nicht mehr bei ihnen sein wird, ist Gott durch seinen Geist bei ihnen. 
Wenn es mir schlecht geht, wenn ich krank bin oder traurig, dann es tröstet mich, wenn jemand bei mir bleibt. Es kommt dabei gar nicht so sehr auf die Worte an, die dann gesprochen werden. Viel wichtiger ist, dass jemand da ist und mich nicht allein lässt. Die Jünger und alle, die zu ihrer Gemeinschaft dazu kamen, haben es so erlebt: Gott ließ sie nicht allein und darum hielten sie zusammen. Wo auch wir beieinander bleiben, uns gegenseitig trösten und für einander eintreten, dort sind auch wir eine pfingstliche Gemeinde, in der Gottes Geist wirkt.
   
Schließlich das dritte: Der Heilige Geist ist ein Geist des Friedens. Jesus spricht: »*Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch wie die Welt gibt*«. Frieden -- *Shalom*, das ist in der Bibel immer mehr als das Gegenteil von Krieg und Gewalt. Es bedeutet, dass jeder und jede zum Leben hat, was nötig ist. Dass der Wohlstand gerecht verteilt ist, dass die Würde jedes einzelnen geachtet wird. 
Frieden, das ließe sich auch mit Erfüllung oder Glück übersetzen. Kein Wunder, das Jesus sagt, dass uns die Welt solchen Frieden nicht gibt. Wir leben ja in einer Welt, wo immer noch und immer wieder Unrecht und Gewalt herrschen. Wo die Starken sich durchsetzen und die Schwachen an den Rand gedrängt werden. Es braucht schon den Heiligen Geist, der Sehnsucht in uns wach hält. Die Sehnsucht nach dem Frieden, den Jesus verspricht und für den er gelebt hat und gestorben ist. Wo diese Sehnsucht nach Frieden in uns und unter uns lebendig ist -- auch da wirkt der Heilige Geist.
   
Wie der Heilige Geist wirkt, beschreibt der Evangelist Johannes weniger spektakulär als sein Kollege Lukas. Aber, was er uns in den Worten Jesu überliefert, ist ebenso kraftvoll. Vielleicht ermutigt es uns sogar noch mehr, weil er etwas beschreibt, das auch wir aus eigener Erfahrung kennen: Gottes Geist ist lebendig, wo Menschen für die Wahrheit eintreten. Wo Menschen füreinander da sind und einander beistehen und trösten. Und wo die Sehnsucht nach Frieden und Glück unter uns lebendig ist.
 
 
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.

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