Wunder sind möglich

Predigt vom 7.9.2025 über Apg 3,1-10

Dass Wunder geschehen, damit rechnen wir ei­gentlich nicht... auch, wenn wir es uns manchmal vielleicht wün­schen. In der Apostelgeschichte berichtet Lukas von einem Men­schen, der in seinem Leben auch kein Wunder erwartet – und doch eines er­lebt.

»Glaubst du vielleicht an Wunder?« – so fragen wir, wenn uns etwas ganz und gar unwahrscheinlich erscheint. Oder wir sagen: »Da müss­te schon ein Wun­der geschehen«, wenn wir überhaupt keine Hoff­nung mehr sehen. Dass Wunder geschehen, damit rechnen wir ei­gentlich nicht... auch, wenn wir es uns manchmal vielleicht wün­schen.
Im 3. Kapitel seiner Apostelgeschichte berichtet Lukas von einem Men­schen, der in seinem Leben auch kein Wunder erwartet – und doch eines er­lebt. Ich lese die Verse 1-10:
 
»Petrus und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. 
Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!  Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.«
(Apostelgeschichte 3,1-10, Lutherübers.)
   
Liebe Gemeinde, in welcher Figur dieser Geschichte finden Sie sich selbst am ehesten wieder? Fühlen Sie sich dem Ge­lähmten nahe, etwas erlebt, womit er niemals gerechnet hätte? Oder sehen sie sich auf der Seite von Petrus und Johannes, die ihm geholfen haben? Oder erkennen sie sich in den Zuschauern wieder, die das alles zu­fällig miterleben? 
Ich möchte das Wunder, das Lukas hier beschreibt, noch einmal aus diesen drei unterschiedlichen Blickwinkeln be­trachten. Beginnen wir mit der Gruppe der anderen Tempelbesucher. Sie reagieren eher erschreckt als erfreut: »Das kann doch nicht sein«, »So etwas gibt es doch gar nicht«. Aber es ist zwei­fellos der Bettler, der sonst am Schönen Tor sitzt, der jetzt im Tempel herumläuft und betet und Gott lobt.
Ich glaube, manche von ihnen waren misstrauisch, und hiel­ten die ganze Sache für einen Trick oder einen Betrug. Ande­re sagten sich: »Es gibt bestimmt eine vernünftige Er­klärung, vielleicht waren ir­gendwelche Nerven eingeklemmt und sind plötzlich frei gekommen«. Wieder andere rechneten schon damit, dass Gott Wunder wirken kann ... Aber sollten wirklich diese beiden Männer aus der Provinz Glaliäa, von denen noch nie jemand etwas gehört hatte, über göttliche Kräfte verfügen?
Was genau geschehen war, konnten die Leute damals im Tempel nicht sa­gen. Sie waren zwar dabei gewesen, aber niemand hatte auf den Bettler und die beiden Fremden besonders beachtet. Den ent­scheidenden Moment hatten nur der Gelähmte und Petrus und Johan­nes erlebt. 
   
Wie sah es nun aus der Sicht des Gelähmten aus? Er war seit Ge­burt behin­dert. Im folgenden Kapitel erfahren wir dass er 40 Jahre alt war. Er kannte kein anderes Leben. Er konnte keinen Beruf aus­üben. Aber sein Stammplatz an der Schönen Pforte sicherte ihm im­merhin das Überleben. Familie und Freunde brachten ihn täglich dorthin. Ich glaube, er war nicht viel glücklicher oder unglücklicher als andere Menschen. Es gab in sei­nem Leben gute Tage und schlechte, Freuden und Sorgen. Mit seiner Behin­derung konnte er leben.
Doch es gab etwas, das ihn viel tiefer kränkte. Näm­lich, dass er immer wieder ausgeschlossen war. Er war ja nicht dumm, er hatte seine Meinung, seine Hoffnungen und Gefüh­le, seinen Glauben. Er hatte ja viel Zeit zum Nachdenken, und auch dazu, die Menschen zu beobachten.
Die Menschen, die in den Tempel gingen, gingen an ihm vorbei. Viele schauten zur Seite, und taten so, als sei er gar nicht da. Und auch die, die ihm etwas Geld hinwarfen, liefen schnell weiter. Als ob das Gebet im Tempel ein dringender Termin sei, oder als ob er eine ansteckende Krankheit hätte.
Als nun Petrus und Johannes vor ihm stehen blieben, hörte er: »Schau her zu uns«. Eigenartig, was wollten sie von ihm? Wollten sie nachprüfen, ob er wirklich bedürftig war? Oder wollten sie ihm etwas zei­gen? Hatten sie vielleicht etwas zu essen für ihn? Doch Petrus schau­te ihn einfach nur an. Ihr Blicke begegneten sich und in den Augen dieses Men­schen sah er: »Du bist einer von uns. Wir gehören zusammen«. Das tat ihm unendlich gut.
Ob es dieser Blick war, der ihn heilte, oder die Worte, die Petrus sprach, oder der Händedruck - oder noch etwas ganz anderes - das konnte er hinterher auch nicht mehr sagen. Darauf kam es auch nicht an. Das Wichtigste war, dass er nicht mehr draußen vor der Tempel­tür lag, sondern dass er mit hinein gehen konnte. Dass er dort Beten und Singen. Dass er nun überall dabei sein konnte: Beim Feiern und beim Arbeiten, dass er gehört wurde und gesehen, dass er ernst genommen wurde als der Mensch, der schon immer gewesen war.
   
Wenden wir uns schließlich Petrus zu. Er hatte in den Wochen zuvor ein Auf-und-ab erlebt, wie noch nie zuvor. Jesus hatte ihm immer besonders vertraut. Doch im entscheidenden Moment hatte er, Petrus, versagt. Er hatte Jesus Treue bis in den Tod versprochen, und war dann eingeknickt. Aus Angst hatte er behauptet, ihn nicht zu kennen. Trotzdem war Jesus nach seiner Aufer­stehung auch ihm erschienen. Und mit den ande­ren Jüngern und Jün­gerinnen hatte er am Pfingsttag neue Kraft und Begeisterung gespürt. Die Angst und Verzagtheit war plötzlich von ihnen abgefallen. Petrus war zumute gewesen, als ob er aus einer dumpfen Betäu­bung er­wache.
Die vielen Probleme waren immer noch da: Sie mussten weiterhin damit rechnen, verhaftet zu werden. Würden sie ohne Jesus genug Unterstüt­zung bekom­men? Sollten sie in Jerusalem bleiben oder woanders hin gehen? Aber jetzt ließ Petrus sich von der Angst und der Sorge nicht län­ger lähmen. Er fühlte sich wieder mit Jesus verbunden. Und das gab ihm die Kraft zu handeln.
Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum er gerade auf den Gelähmten an der Tem­pelpforte zugegangen war: Er selbst war ja wie betäubt gewesen, und konnte nun wieder fühlen. Jesus hatte ihn aus seiner Er­starrung erlöst - das konnte er weiter­geben. Kein Silber und Gold, nur diese Erfahrung: Jesus hatte sein Leben ver­wandelt, als er keine Hoffnung mehr hatte.
Was Petrus empfunden haben mag, als er dem Gelähmten die Hand reichte - ob er selbst erstaunt war über das, was geschah - weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass er die Freude und das Glück des Geheilten geteilt hat.
   
Liebe Gemeinde, wo finden wir wieder in dieser Geschichte? Sind wir stau­nende oder kritische Beobachter des Wunders? Füh­len wir uns dem Gelähmten nahe, der nicht länger ausgeschlossen ist? Lassen wir uns von Petrus und Johannes, dass unseren Glauben an andere Menschen weitergeben können, auch wenn wir uns eigentlich schwach fühlen? Vielleicht ha­ben wir alle drei Perspektiven schon erlebt. In jedem Fall gilt: Das Wunder geschieht dort, wo wir selbst verwandelt werden – wo Gott gegen unsere eigene Hoffnungslosigkeit etwas zum Guten wendet. Wenn wir damit rechnen, kön­nen wir an Wunder glauben.
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.



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