Hier ist Gott

Predigt vom 21.9.2025 über 1. Mose 28

Gibt es in Ihrem Leben besondere Orte? Räume oder Gebäude, Plätze oder Landschaften, an denen Sie etwas besonderes erlebt haben? An denen Sie sich wohl oder geborgen fühlen, an die Sie gern zurückkehren. Oder an die Sie immer wieder zurückdenken? Ein Haus, in dem Sie als Kind oft waren? Einen Raum, in dem Sie Schönes erfahren haben? Eine Landschaft, die Sie erfüllt?

Berge mit Sonnenuntergang
Besondere Orte, die in unserem Leben Bedeutung haben. Oder vielleicht sogar umgekehrt, Orte an denen unser Leben Bedeutung gewinnt.
Die biblische Erzählung, die heute unser Predigttext ist, handelt von einem Menschen, der einen solchen Ort für sich entdeckt hatte. Von Jakob, dem Sohn Isaaks und Rebekkas. Er steht an einem Wendepunkt in seinem Leben. Er muss vor seinem Bruder Esau fliehen, weil er ihm den Segen des Erstgeborenen genommen hatte. Im ersten Buch Mose im 28. Kapitel lesen wir, wie es ihm während dieser Flucht ergeht:
Jakob zog aus Beerscheba weg und ging nach Haran. Er kam an einen bestimmten Ort, wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.
Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde. Du wirst dich unaufhaltsam ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden und durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.
Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht. Furcht überkam ihn und er sagte: Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.
Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf. Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El (Gotteshaus). Früher hieß die Stadt Lus. (1. Mose 28,10-19a)
   
Das Traumbild, das hier beschrieben, ist anschaulich und kraftvoll. Auch, wenn wir selbst so etwas noch nicht erlebt haben, können wir es uns leicht vorstellen. Der Traum strahlt Ruhe und Klarheit aus. Es ist ein besonderes Erlebnis, dass nicht nur Jakob berührt hat, sondern bis heute Menschen berühren kann, die diese Geschichte hören oder lesen.
Eine Treppe oder Leiter reicht von der Erde bis zum Himmel. Engel steigen darauf auf und ab. Ja, sie steigen auf dieser Leiter, sie fliegen nicht – wie es in anderen Engelsvisionen heißt. Diese Boten sind offenbar uns Menschen ähnlich, sie brauchen die Treppe, um hinauf zu gelangen vor Gott. Auch Gott hat in diesem Traum eine Gestalt. Sie wird nicht näher beschrieben, nur so weit: Er steht am oberen Ende der Himmelstreppe. Zum ihm steigen die Engel hinauf, und von ihm aus kehren sie wieder zur Erde zurück. Sie sind seine Boten, sie schaffen eine Verbindung zwischen Erde und Himmel.
Wenn wir das mit der Weihnachtsgeschichte vergleichen, fällt die andere Richtung auf. Dort verkünden die Engel vom Himmel herab die Botschaft Gottes über die Erde. Hier, in Jakobs Traum, steigen die Engel hinauf und hinab. Die Engel haben Zugang zum Himmel, aber ihr Haupteinsatzort scheint die Erde zu sein. Sie müssen Jakob unsichtbar auf seinem Weg bis hierher schon begleitet haben. Und in dieser Nacht, an diesem Ort erkennt Jakob, dass er mit Gott verbunden ist.
Darüber können wir uns wundern, wenn wir wissen, was Jakob getan hat: Er ist alles andere als ein Heiliger. Mit der Unterstützung seiner Mutter Rebekka, und mit geradezu krimineller Energie hatte er sich den Segen des Vaters erschlichen. Der hätte rechtmäßig seinem älteren Zwillingsbruder Esau zugestanden. Jakob flieht nicht vor ungerechter Verfolgung, sondern er hat es selbst verursacht, dass er die Strafe oder Rache seines Bruders fürchten. Er wird diesen Ruf des Betrügers in seinem Leben nie ganz ablegen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls hat er nicht viel mehr als sein Leben gerettet und muss auf dem freien Feld übernachten. Ob er wirklich seinen Kopf auf einen Stein gebettet hat? Ich könnte so nicht schlafen. Aber Jakob sinkt erschöpft in den Schlaf.
Sein Traum hat noch eine zwei Seiten: Zu dem wunderbaren Bild von der Engelsleiter, kommt Gottes Wort an Jakob. Gott selbst verheißt ihm Nachkommen und Segen, und er verspricht, dass Jakob einmal an diesen Ort zurückkehren wird. Viel später, wenn sich erfüllt hat, was ihm Gott in diesem Traum verheißen hat.
   
Wie reagiert Jakob, als er aufwacht? Träume sind Schäume, sagt der Volksmund. Und auch in der Bibel gibt es viele sehr kritische Stimmen zu Träumen. Träume spiegeln häufig unsere eigenen Erfahrungen und Wünsche, oder wir verarbeiten darin, was uns bewusst oder unbewusst beschäftigt. 
Auch Jakob wusste, dass so ein Traum nicht einfach Wirklichkeit ist. Aber er misst diesem Traum große Bedeutung zu. Seine erste Reaktion keineswegs Glück oder Freude, sondern ein Schauer, was ihm dort geschehen ist. Mit dem Bild des Himmels vor Augen wird ihm klar, wie klein er hier auf der Erde ist. Und ihm wird um so mehr bewusst, welche Schuld er auf sich geladen hat gegenüber seinem Bruder. Wer vom Himmel träumt, ist ja noch lange nicht im Himmel. Jakob kommt wieder auf dem Boden der Realitäten an: Er hat sein Leben vor sich, einen sehr irdischen Lebensweg, auch wenn er sich in dieser Nacht dem Himmel ganz nahe gefühlt hat.
Träume sind Schäume, sie können sich schnell verflüchtigen. Darum richtet Jakob hier ein Steinmal auf. Der Stein, auf dem er geschlafen hatte, soll ihn an die Stelle erinnern -– und daran, was er besonderes dort erlebt hat. Er selbst wird sich an diese besondere Nacht erinnern, wenn er wieder hierher kommt. Aber er wir auch anderen davon erzählen und sie werden es wieder weiter erzählen. Ohne den Stein wäre die Geschichte wohl nicht weiter erzählt worden durch die Generation bis heute.
   
Brauchen auch wir solche Steine? Wir könnten sagen, Gottes Segen ist doch nicht an einen Ort gebunden. Schließlich verbrachte Jakob sein Leben an ganz anderen Orten. Und doch war dieser Ort ihm nicht nur wichtig, sondern heilig. Und so wurde er später zu einem Heiligtum, das Bethel – Haus Gottes genannt wurde.
Es ist richtig, dass Gott überall ist, und dass er uns immer bei uns ist. Aber wir erfahren das in unserem Leben nicht immer, sondern es gibt besondere Zeit und Orte, an denen wir davon etwas spüren. Oftmals erst im Rückblick, so wie es hier bei Jakob war: *Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.*
Überlegen wir für uns: Gibt es Momente in meinem Leben, in denen ich gemerkt habe, dass Gott mir nahe war? Wo habe ich mich dem Himmel ein Stück näher gefühlt? Vielleicht obwohl ich zugleich den den harten Boden der Realität unter meine Füßen gespürt habe? Wie Jakob erkenne ich das vielleicht zuerst nicht, und merke erst hinterher: In diesem Wort, auf jener Reise, bei einer anspruchsvollen Aufgabe oder Begegnung ist etwas geschehen, das mein Leben verwandelt hat. 
Vielleicht sind es auch Momente, in denen wir träumen oder tagträumen, Momente der Phantasie oder Begegnungen mit schöner Musik oder einem Kunst, das mich berührt hat. Gott begegnet Jakob nicht direkt, sondern in einem Traum. Und ähnlich indirekt kann er auch uns begegnen: In Bildern und Symbolen, in Worten von Hoffnung und Verheißung. Er begegnet nicht allen Menschen gleich, sondern so, wie es zu uns, zu unserem Leben und unserem Fassungsvermögen passt.
 
Jakob richtete einen Stein auf, um sich an dieses besondere Erlebnis wieder erinnern zu können. Bewahren wir also die kostbaren Momente unseres Leben auf -- Momente, in den wir uns Gott nahe gefühlt haben. Erinnern wir uns daran zurück und berichten wir anderen davon. Erzählen wir ihn von den Marksteinen auf unserem Lebensweg, nehmen wir sie mit an die Orte, die uns etwas bedeuten. Und teilen wir mit ihnen, was wir von Gottes Segen erfahren haben.
 
 
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.

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