Hoffnungszeichen

Predigt vom 2.11.2025 zu Gen 8 und 9

Es besteht Grund zu der Sorge, dass wir als Menschheit einer großen Katastrophe entgegen gehen. Es ist zu erwarten, dass der Klimawandel schneller voranschreitet, wenn bestimmte Kipppunkte überschritten sind. Die Urgeschichte der Bibel erzählt von einer solche Katastrophe. Sie erzählt von einer Sintflut. Gott schickt sie, weil die Bosheit der Menschen auf der Erde Überhand genommen hat. Menschen und Tiere drohen in der Flut unterzugehen, und werden nur mit knapper Not gerettet: Noah baute eine Arche, in der neben seiner Familie auch die Tiere eine Zuflucht fanden.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht am Ende dieser Erzählung von der Sintflut. Nach langem Warten war schließlich das Wasser so weit zurück gegangen, dass Menschen und Tiere die Arche verlassen konnten. Ich lese Verse aus dem 8. und dem 9. Kapitel des 1. Buchs Mose:
   
*Noach kam heraus (aus der Arche), er, seine Söhne, seine Frau und die Frauen seiner Söhne. Alle Tiere, alle Kriechtiere und alle Vögel, alles, was sich auf der Erde regt, kamen nach ihren Familien aus der Arche heraus.*
*Dann baute Noach dem \textsc{Herrn} einen Altar, nahm von allen reinen Tieren und von allen reinen Vögeln und brachte auf dem Altar Brandopfer dar. Der Herr roch den beruhigenden Duft und der Herr sprach in seinem Herzen: Ich werde den Erdboden wegen des Menschen nie mehr verfluchen; denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an. Ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe.
Niemals, so lange die Erde besteht, / werden Aussaat und Ernte, / Kälte und Hitze, / Sommer und Winter, / Tag und Nacht aufhören.*
*Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde.* (1. Mose 8,18-22; 9,12-13)
   
Am Ende der Geschichte von Noahs Arche steht der Regenbogen. Er ist das Zeichen dafür, dass Gott es gut mit Menschen und Tieren meint. Dass er die Erde nicht zerstören, sondern bewahren will. Nach jedem Winter kommt ein Sommer, nach der Aussaat die Ernte und nach jedem Unwetter kommt die Sonne wieder hervor und lässt den Regenbogen vor unseren Augen entstehen.
Gilt also »Ende gut - alles gut«? Ist der Bund, den Gott mit Noah schließt, eine Garantie dafür, dass die Erde bestehen bleibt, und brauchen wir uns deshalb um den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten gar keine Sorge zu machen? 
   
Schauen wir genauer hin und machen wir uns klar, dass die Geschichte von der Sintflut zu einer anderen Zeit und unter anderen Bedingungen entstanden ist als unsere Situation heute. Schon lange bevor es die Bibel gab, erzählten sich die Menschen im Alten Orient solche Geschichten, in denen die Götter die bösen Menschen mit Wasserfluten straften und die Guten retteten. Darin verarbeiteten die Menschen ganz sicher auch die Erfahrungen von Flutkatastrophen, die über sie hereinbrachen. Erfahrungen, wie sie die Menschen in Ostafrika oder Kalifornien jetzt gerade wieder machen. 
Ohnmächtig zu sein, den übermächtigen Kräften der Natur ausgeliefert zu sein -- haben Menschen zu allen Zeiten erfahren. Für die Menschen damals war aber klar, dass nur die Götter -- und in Israel nur Gott allein -- solche große Katastrophen bewirken konnte. Die Nachbarvölker des Alten Israels glaubten also, sie müssten die Götter oder den einzigen Gott besänftigen, damit sie  vor Flut- und sonstigen Katastrophen verschonten bleiben. Und auch Noah bringt Gott auf dem Altar ein Opfer dar, um ihn gütig zu stimmen. So will er verhindern, dass der Zorn Gottes Menschen und Tiere trifft und er ihnen wieder ein schweres Schicksal auferlegt.
Gottes Zorn und die Angst der Menschen, wenn sie etwas falsch machen -- dabei bleibt die Sintflutgeschichte zum Glück nicht stehen. Der Regenbogen steht für etwas anderes: Gott fasst den Entschluss, dass es keine weitere solche Strafaktion mehr geben soll. Auch wenn wir Menschen sind und bleiben, wie wir sind: Zum Guten fähig, aber eben auch zum Bösen. So sind wir geboren und so leben wir »von Jugend an«, wie es im 1. Mosebuch formuliert ist. 
Es ist ein Irrtum zu glauben, man könne das Böse besiegen, indem die bösen Menschen beseitigt werden. Jeder und jede trägt diese Möglichkeiten in sich: Anderen und uns selbst zu schaden, es mit der Wahrheit nicht genau genug zu nehmen, den eigenen Vorteil zu suchen auf Kosten anderer. Das lässt sich nicht ausrotten – oder alle Menschen müssten sterben. Es gehört zu unserem Wesen, dass wir nicht nur zum Guten, sondern auch zum Bösen fähig sind.
Es steckt eine wunderbare Einsicht und ein Trost in dem Ende der Erzählung von der Sintflut: Gott ist bereit, das hinzunehmen. Er lässt uns Menschen so sein, so wie wir sind. Mit unseren Fehlern und Schwächen, mit unserer Schuld und auch unserer Bosheit. Durch Drohen und Strafen, durch Katastrophen oder Krankheit lassen wir Menschen uns nicht zum Guten verändern. 
Das grausame Bild, dass Gott alles Leben der Schöpfung auslöschen wollte -– es wird in der Geschichte selbst überwunden. Gott will, dass wir leben, nicht dass wir sterben. Er schickt keine Katastrophen um uns zu strafen, sondern gibt uns, was wir zum Leben brauchen: 
»*So lange die Erde besteht, / sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht*«. Dafür steht der Regenbogen.
   
Nicht Gott will die Welt untergehen lassen - aber wir erleben heute, dass wir Menschen selbst den Planeten Erde zerstören können auf dem wir leben. Der Klimawandel ist nur *eine* der Folgen unseres Lebensstils. Wir belasten die Böden mit Gift und die Ozeane mit Plastikpartikeln, wir nehmen den wilden Pflanzen und Tieren den Raum zum Leben. Besonders wir Menschen in den reichen Ländern verbrauchen jedes Jahr mehr Ressourcen als die Erde für uns hat. Am Dienstag musste sich eine 23-jährige Studentin vor dem Heidelberger Landgericht wegen Nötigung verantworten. Sie hat sich 2022 als Aktivistin der Last Generation an der Bergheimer Straße festgeklebt uns aufzurütteln. Es bleibt nur noch wenig Zeit, dass wir unser Leben ändern. Darauf macht die junge Generation zu Recht aufmerksam. Das Landgericht hat anerkannt, wie wichtig dieses Anliegen ist, und hat daher keine Strafe verhängt, sondern nur eine Ermahnung ausgesprochen.
Ich denke, zwei Einsichten aus unserem Abschnitt der Sintflutgeschichte sind wichtig. Das Erste ist: Wir sollten den Menschen nicht zu optimistisch betrachten. Keiner von uns kann alles richtig machen. Wir sind frei, das heißt wir können und wir müssen uns jeden Tag neu entscheiden -- und oft entscheiden werden wir uns auch falsch. Das gilt für alle Generationen. Weder Alte noch Junge haben die Wahrheit für sich gepachtet. Unsere eigene Schuld und Versagen zu erkennen und anzuerkennen, ist wichtiger, als anderen ihre Schuld vorzuhalten. Erst wenn wir erkennen und anerkennen, wo wir falsch handeln, können wir unser Verhalten ändern. Das der Weg, Verantwortung zu übernehmen.
Und das Andere ist, dass der Regenbogen für die Hoffnung steht. Nicht die Angst soll das Vorzeichen sein, unter dem das Leben der Nachkommen Noahs steht. Angst lähmt uns, sie verhindert, dass wir unser Leben aktiv gestalten und auch, dass wir etwas zum Guten verändern. Am Ende der Sintfluterzählung steht der Regenbogen als Hoffnungszeichen. Gegen die erfahrenen Katastrophen, gegen das Gefühl, dass wir ja doch nichts tun können. Als Christinnen und Christen, als Menschen, die aus dem biblischen Wort leben, haben wir Hoffnung, dass Gott auf unserer Seite steht, dass er mit uns verbündet ist. Sein heiliger Geist stärke uns, dass wir in unserem Alltag die richtigen Schritte erkennen. Auch die Schritte, die helfen dem Klimawandel zu begegnen. Die Schritte, die helfen unsere Erde zu erhalten als Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen. 
 
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.

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