Freiheit und Reichtum des Glaubens

Predigt beim Gottesdienst zum Konfirmationsjubiläum am 16.11.2025 in der Christuskirche

Wir wollen heute noch einmal auf Jahreslosung für 2025 hören, die uns schon seit Januar begleitet. Sie gibt uns einen wichtigen und zugleich einprägsamen Hinweis: »Prüfet alles und das Gute behaltet« (1.Thess 5,21).
 

   
»Prüfet alles!« Der Apostel Paulus hat ein offenes Herz und eine offenes Auge für alles, was ihn umgibt. Er lebte in einer Zeit, in der sehr unterschiedliche Menschen aufeinander trafen und miteinander oder nebeneinander lebten. In den Städten des römischen Reichs leben Menschen dicht zusammen, die unterschiedliche Religionen hatten, verschiedene Sprachen sprachen, Arme und Reiche, Freie und Sklaven, Erfolgreiche und solche, die ums Überleben kämpften. In vielem war die Zeit gar unserer heutigen gar nicht unähnlich. Gerade die große Hafenstadt Thessaloniki, an deren Gemeinde Paulus seinen Brief schrieb, war eine Stadt vieler Kulturen und Religionen.
Paulus war ein Mensch mit strengen religiösen Grundsätzen, erst als jüdischer Pharisäer, dann als christlicher Apostel. Man könnte denken, dass er sagt: Haltet Abstand von dem bunten Treiben in eurer Umwelt, konzentriert euch auf die heiligen Schriften und den Glauben, dann kommt ihr gut durchs Leben. Aber er sagt das Gegenteil: Seid offen für alles, was euch begegnet. Seid offen dafür, wie die Menschen euch begegnen. Schließt nichts und niemanden von vornherein aus, nur weil ihr es noch nicht kennt. Oder weil ihr die Menschen noch nicht kennt, es mitbringen.
Sicher heißt der Apostel den heidnischen Glauben an die vielen Götter nicht gut. Aber er hat keine Scheu, den Menschen zu begegnen, die einen anderen Glauben haben. Mit ihnen zu sprechen, ihre Erfahrungen zu teilen und von dem zu erzählen, was ihn selbst am meisten bewegt, natürlich: Der Glaube an Jesus Christus. Er hat keine Berührungsängste, nur weil andere Menschen anders leben oder anders aufgewachsen sind als er selbst.
Nur wenn wir so offen sind, können wir zu dem anderen kommen: Alles prüfen. Ohne vorgefertigte Meinung prüfen, was gut ist. Nichts ist gut oder schlecht, weil es alt oder neu ist, wir sollen es prüfen. Das können wir als einen ganz praktischen Rat nehmen: In meinem Alter noch auf ein Smartphone umsteigen? Ja, vielleicht ist damit manches viel leichter als ich dachte. Einen Kuchen nach Omas Rezeptbuch backen? Warum denn nicht, vielleicht gelingt er besser als die Rezepte aus dem Internet. Mal etwas machen, das ich noch nie gemacht habe? Mal den Kontakt zu Menschen suchen, mit denen ich sonst nichts zu tun habe? Es könnte interessant sein. 
Prüfen heißt natürlich auch: Nicht immer ist es das Richtige für uns. Manchmal stellen wir fest: Das passt nicht zu mir, es hilft mir nicht, bringt mich nicht voran, macht mir keine Freude. Aber nur weil ich es probiert habe, es geprüft habe, bin ich vorangekommen, habe etwas gelernt. Auch, was wir ablegen oder zurücklassen, bereichert unser Leben.
   
Sie, liebe Jubliarinnen und Jubilare haben in ihrem Leben vieles erlebt, und sicher auch vieles geprüft und manches für gut befunden und manches hinter sich gelassen. Es war eine andere Welt in der Zeit als sie konfirmiert wurden. Schauen wir zurück:
Im Jahr 1955 kam es Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland, die Bundesrepublik trat der NATO bei und wurd militärisch in den Westen integriert. In Montgomery in den USA verweigerte Rosa Parks ihren Sitzplatz im Bus zu verlassen, und löste damit die moderne Bürgerrechtsbewegung in den USA aus.
1960 stieg die Zahl der Flüchtlinge, die die DDR verließen, stark an, was im Jahr darauf zum Bau der Mauer führte. John F. Kennedy wurde zum Präsidenten der USA gewählt und leitete damit eine neue Ära der US-Politik ein.
1965 war das erstes Konzert der Rolling Stones in Deutschland in Münster, und Edward H. White verließ im Juni als erster Mensch eine Raumkapsel und führte den Spaziergang im Weltall durch.
1975 ging mit Fall von Saigon der Vietnamkrieg zuende; Nordvietnam übernahm die Kontrolle und das Land wurde später wiedervereint. Von 35 Staaten unterzeichneten die Schlussakte von Helsinki. Sie wurde ein Grundstein für Entspannungspolitik und Menschenrechtsarbeit im Kalten Krieg.
Das sind aber nur einige äußere Daten. Die Jahrzehnte ihres Lebens seit ihrer Konfirmation haben Sie, jeder und jede, ganz persönlich erlebt. Ausbildung und Beruf, Familie und Freunde, Geburt von Kindern oder Enkel, aber auch Krankheit oder Tod und Abschied von lieben Menschen. Auf manches blicken Sie heute vielleicht mit Wehmut zurück, bei anderem sind sie froh, dass Sie es hinter sich lassen durften. Manches Glück haben sie erfahren, manche Hoffnung blieb unerfüllt. Immer wieder haben Sie, ganz persönlich, für sich geprüft und erfahren, was für Sie gut ist, und was Sie in ihrem Leben behalten und bewahren.
   
»Das Gute behaltet«, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki. Das ist der zweite Satz seines guten Rats für uns und das möchte ich jetzt noch einmal unterstreichen. Im Psalm 103 heißt es »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat«. Der Beter oder die Beterin hat offenbar erfahren: Das Gute gerät schnell in Vergessenheit. Vielleicht trifft »vergessen« es noch nicht ganz. Es ist eher so, dass wir das Gute einfach als gegeben hinnehmen. Wir gewöhnen uns sehr schnell daran. Anfangs, solange etwas neu ist, freuen wir uns: Ein sicherer Arbeitsplatz, Menschen, mit denen wir uns gut verstehen, angenehme und schöne Dinge, die ich mir leisten kann, schöne Momente in der Natur, und vieles, vieles mehr.
Im Alltag drängt sich dann aber doch anderes in den Vordergrund: Die Probleme, Streit und Sorgen beschäftigen uns viel mehr. Größer als die Freude an etwas Schönen ist manchmal die Sorge, es zu verlieren. »Das Gute behalten«, das heißt, es im Kopf und im Herzen zu behalten, und ihm in meinem Leben immer wieder Raum zu geben. Jeden Tag brauche ich etwas von dem, was mir gut tut. Wenn das bestimmte Menschen sind, achte ich darauf, dass ich sie regelmäßig sehe. Wenn gute Erfahrungen oder Gewohnheiten sind, nehme ich mir Zeit dafür.
   
Für viele von uns ist der Glaube so etwas Gutes in unserem Leben. Und das können wir auf ganz unterschiedliche Weise erleben. Vielleicht spüren wir etwas davon in dem Bibelwort, das unser Konfirmandenspruch ist. Oder wir nehmen uns Zeit zum Gebet oder zum Lesen in der Bibel. Oder die Gemeinschaft mit anderen stärkt oder tröstet uns, im Gottesdienst oder in dem wir gemeinsam etwas tun. Auch in Glaubensfragen, und gerade in Glaubensfragen gilt: »Prüfet alles und das Gute behaltet«. Dieses Wort umschließt beides zugleich: Die große Freiheit und den großen Reichtum unseres Glaubens.
 
 
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.



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