Vorfreude ist die schönste Freude

Predigt vom 21.12.2025 in der Christuskirche

Vorfreude ist die schönste Freude. Das spüren wir in den Tagen vor Weihnachten ganz deutlich. Als Erwachsene ist die Vorfreude auf Weihnachten vielleicht nicht mehr so groß wie bei den Kindern. Sie zählen voller Ungeduld die Tage bis zum Heiligen Abend und werden immer kribbeliger. 

Für die Eltern kann es eine ganz schöne Herausforderung sein, dass sie die großen Wünsche und Hoffnungen etwas dämpfen. Damit die aufgedrehten Kinder auch bereit für ein schönes Fest sind, und nicht am Ende die übersteigerten Vorstellungen in Enttäuschung umschlagen.
 
Besonders groß ist die Enttäuschung, wenn wir einem Kind etwas versprochen haben, und dann nicht einhalten. Wenn unter den Weihnachtsgeschenken das sehnlich erwartete Spielzeug vergessen ist, oder etwas ganz anderes ausgewählt wurde. Ein Versprechen, das nicht eingehalten wird, wiegt um so schwerer: Weil erst einmal die Hoffnung geweckt und dann enttäuscht wird.
   
Die Enttäuschung über ein nicht eingelöstes Versprechen ist der Anlass für die Zeilen aus dem 2. Brief des Apostels Paulus in die Gemeinde in Korinth, die wir heute hören. Nachdem Paulus die Gemeinde dort gegründet hatte, wollte er bald wieder dorthin kommen. Doch einerseits war er durch andere Aufgaben aufgehalten worden. Andererseits hatte sich das Verhältnis zu den Korinthern abgekühlt. Seine Briefe geben uns Einblick.
Es waren andere Missionare in der Gemeinde aufgetreten. Sie hatten andere Vorstellungen als Paulus verbreitet. Es hatte Streit und Unruhe in der Gemeinde gegeben. Paulus selbst war angegriffen worden: Seine Lehre würde die Leute nicht genug begeistern und wenn er redet, würde das die Menschen nicht überzeugen. In der Gemeinde standen sich Anhänger und Gegner des Apostels gegenüber.
Paulus fürchtete offenbar, die Gemeinde könnte sich spalten, wenn er in dieser aufgeheizten Situation nach Korinth käme. Darum verschob er den versprochenen Besuch in Korinth. Die, die zu ihm hielten, waren enttäuscht. Aber auch seine Gegner warfen ihm vor, er habe sein Wort nicht gehalten. Darauf regiert Paulus im 1. Kapitel des 2. Korintherbriefs und schreibt:
  
*»Gott ist mein Zeuge: Kein Wort, das ich euch sage, ist Ja und Nein zugleich!*
*Denn Jesus Christus, der Sohn Gottes, den Silvanus, Timotheus und ich bei euch verkündet haben, war nicht Ja und Nein zugleich. In ihm ist das reine Ja Wirklichkeit geworden.  Mit ihm sagt Gott Ja zu allen seinen Zusagen. Von ihm gedrängt und ermächtigt sprechen wir darum auch das Amen zur Ehre Gottes.*
*Gott hat uns zusammen mit euch auf diesen festen Grund gestellt: auf Christus. Er hat uns gesalbt und uns sein Siegel aufgedrückt. Er hat seinen Geist in unser Herz gegeben als Anzahlung auf das ewige Leben, das er uns schenken will«.* (2. Kor 1,18-22, GNB)
   
»Erst versprichst du ›Ja, du kommst‹. Dann sagst du »Nein, es geht nicht«, so müssen die Vorwürfe gelautet haben. Paulus rechtfertigt sich nicht, was ihm alles dazwischen gekommen ist. Die viele Termine, Krankheiten oder dass das Geld nicht reicht. Das alles hätte ihn wohl auch nicht wirklich abgehalten. Es ist tatsächlich der ungeklärte Streit, der ihn sein Versprechen immer weiter hinauszögern lässt. 
Aber er zieht sich auch nicht einfach zurück. Er schreibt die Zeilen, die wir gehört haben. »Egal, was ihr von mir denkt: Ich bleibe ich dem Auftrag treu, den ich für euch habe«. Auch wenn er nicht alles einhalten kann, was er sich vorgenommen hat, und was er offenbar den Menschen in Korinth auch versprochen hat. Er wird ihnen weiter die Liebe Gottes in Jesus Christus nahebringen -- wenn auch erst einmal nur im Brief. 
An der Botschaft ändert sich nichts, auch wenn der Apostel seine Pläne umstoßen muss. Über den persönlichen Auseinandersetzungen sollen die Korinther das Wichtigste nicht aus den Augen verlieren: Gott ist treu. Das große Ja, das Gott in seinem Sohn gesprochen hat. Das war es, was Paulus mit seinen Mitarbeitern Silvanus und Timotheus den Menschen in Korinth ins Herz gepflanzt hat.
 
Was Paulus hier auseinander hält, ist bis heute wichtig: Die frohe Botschaft, die Gute Nachricht von Jesus Christus -- und die Person, die sie anderen weiter gibt. Wir können anderen von Gottes Liebe und Güte weitersagen, aber diese Liebe und Güte kommt nicht von uns. 
Von den Menschen, die über Gott sprechen, wird leicht erwartet, sie müssten selbst als Heilige leben. Wie wir wissen, kann das niemand. Und wenn wir es doch erwarten, werden am Ende alle enttäuscht sein: Die die Botschaft hören, sind enttäuscht, dass die, die sie ihnen gesagt haben, Fehler machen und schuldig werden, wie alle anderen auch. Und die, die von Gott erzählen, sind enttäuscht über ihre eigene Schwäche, und darüber dass die Menschen sich von Gott abwenden.
Nicht Paulus hat die Menschen in Korinth ohne Wenn und Aber angenommen, sondern Gott. Auch unsere Liebe wird nicht groß genug sein, alle Menschen vorbehaltlos anzunehmen. Dennoch dürfen und sollen wir anderen Menschen von der Liebe Jesu erzählen, die unsere Grenzen durchbricht: Denn »*Jesus Christus, der Sohn Gottes,* [...] *war nicht Ja und Nein zugleich. In ihm ist das reine Ja Wirklichkeit geworden. Mit ihm sagt Gott Ja zu allen seinen Zusagen*«.
Gott sagt »Ja« zu uns. Darauf dürfen wir vertrauen, auch wenn die Menschen, von uns das sagen, enttäuschen mögen. »Gott sagt ›Ja‹ zu dir«, dass dürfen wir anderen weiter sagen, auch wenn wir wissen, dass unser eigenes Ja manchmal gar nicht so groß und eindeutig ist. Wenn wir heute von Herzen Ja sagen, zu einer Sache oder zu einem Menschen, kann es sein, dass wir dabei im Laufe der Zeit nicht dabei bleiben. Dass sich Fragezeichen und Zweifel einstellen, dass wir unsere Meinung ändern oder dass wir uns von Menschen entfremden, die uns einmal wichtig waren. Gottes Liebe hängt nicht an uns. Er selbst ist treu und steht zu seinem Ja.
   
Paulus erinnert seine Leserinnen und Leser in Korinth daran, dass sie Gottes Zusage nicht nur in Worten haben. Sie haben ein sichtbares und spürbares Zeichen dafür erhalten: Ihre Taufe. Die Menschen in der Gemeinde sind ja erst seit wenigen Jahren getauft. Und davon spricht Paulus, wenn er schreibt: »*(Gott) hat uns gesalbt und uns sein Siegel aufgedrückt. Er hat seinen Geist in unser Herz gegeben als Anzahlung auf das ewige Leben, das er uns schenken will*«. 
In der Taufe wurden die Täuflinge gesalbt, als Zeichen dass sie zu Christus, dem Gesalbten gehören. Der Geist Gottes, den sie mit dem Wasser der Taufe empfingen, sollte ihnen ein sicheres Zeichen sein: Gott Vater, Sohn und Geist verändern dich. Sie prägen von nun an dein Leben, was auch kommen mag. 
Davon waren übrigens die Korinther auch überzeugt. Sie spürten: Gottes Geist wirkte in ihnen und durch sie, wenn sie beteten und die Bibel auslegten, wenn sie begeisterte und begeisternde Gottesdienste feierten, wenn sie lebendige Gemeinschaft erfuhren und für die Kranken beteten. Das alles sind Zeichen, Hinweise, Ausschnitte von Gottes Reich. Es ist Vorfreude oder »Anzahlung« auf das ewige Leben, wie der Apostel schreibt.
   
Die meisten von uns sind als Kleinkinder getauft worden. Darum haben wir keine persönliche Erinnerung an unsere Taufe. Aber das Wirken des Heiligen Geistes können wir auch in unserem Leben entdecken. Darin, dass uns Menschen begegnen, die uns die frohe Botschaft Jesu weiter gesagt haben. Darin, dass wir mit anderen Menschen im Glauben verbunden sind. Dass wir uns im Gebet miteinander und mit Gott verbinden. Dass wir in der Kirche mit anderen Menschen zusammen wirken können. Konkret helfen können, wo Hilfe nötig ist. Für einsame und kranke Menschen da sein können. 
So, oder auf viele andere Weisen, wirkt Gottes Geist unter uns. Aber halten wir fest: Das sind alles erst Anfänge, die wir nicht selbst vollenden können. Was uns im Glauben gelingt und glücklich macht, ist nur eine »Anzahlung« auf das was kommt. Unser eigenes kleines ›Ja‹ bleibt immer umfangen von Gottes großem ›Ja‹ zu uns.
    
Vorfreude ist die schönste Freude. Vorfreude liegt über den letzten Tagen des Advents. Die Vorfreude, von der Paulus vor so langer Zeit geschrieben hat, reicht aber weit über das Weihnachtsfest hinaus. Er spricht von der Vorfreude auf Gottes Reich. Das ist mehr als das Weihnachtsfest, das wir in den nächsten Tagen feiern werden.
Das kann uns entlasten. Denn wie sehr wir uns um frohe und gesegnete Tage auch bemühen: Das Weihnachtsfest 2025 wird wieder nicht perfekt werden. Auch in diesem Jahr werden manche Wünsche enttäuscht, und manche Versprechen nicht eingehalten werden. Es wird Streit geben, obwohl wir die Botschaft der Engel hören werden, die vom Frieden auf Erden spricht.
Doch die Weihnachtsfreude hat ihren Grund ja auch nicht darin, dass wir an Weihnachten alles hinkriegen. Sondern darin, dass Gott selbst durch seinen Sohn, der als Kind geboren wurde, »Ja« zu uns sagt.

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