Verbunden durch die Taufe

Predigt im Gottesdienst am 11.1.2026 in der Christuskirche (1. So. n. Ephiphanias)

Zu jener Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte ihn davon abhalten und sagte: ›Ich hätte es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?‹ Jesus entgegnete ihm: ›Lass es jetzt zu! Denn so gehört es sich; so sollen wir alles tun, was die Gerechtigkeit verlangt‹. Da ließ er ihn gewähren.

Heute findet die Geschichte vom Kind aus Bethlehem ihre Fortsetzung. Die Kleinkind- und Windelzeit ist vorbei. Auch die Zeit, in der sich die Eltern mit ihrem Kind nach Ägypten ins Exil retten musste, um in Sicherheit zu sein vor dem Despoten Herodes. Über ihn wird berichtet, dass er aus Angst um seine Macht die neugeborenen Jungen in Bethlehem umbringen ließ. Ob und was der kleine Jesus davon mitbekommen hatte, wissen wir nicht. Wichtig ist dem Evangelisten Matthäus nur, dass Jesus und seine Eltern von Anfang an unter der besonderen Fürsorge Gottes standen: Ungeschoren konnten sie nach Ägypten fliehen. Unbehelligt konnten sie dort sicher leben und ebenso sicher nach dem Tod des Tyrannen in ihre Heimat zurückkehren. Freilich nicht mehr nach Bethlehem, sondern in das etwa 140 km weiter nördlich gelegene Nazareth. 
Über die Kinder- und Jugendjahre Jesu erfahren wir von Matthäus nichts. Der Evangelist setzt mit seinem Bericht wieder ein, als Jesus  erstmals in der Öffentlichkeit auftritt. Das hat Signalcharakter: Wohin geht Jesus zuerst? Welches sind seine ersten Worte? Kann man schon erkennen, was ihm besonders wichtig ist? Wir hören Verse aus dem 3. Kapitel des Matthäusevangeliums: 
   
»*Zu jener Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte ihn davon abhalten und sagte: ›Ich hätte es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?‹ Jesus entgegnete ihm: ›Lass es jetzt zu! Denn so gehört es sich; so sollen wir alles tun, was die Gerechtigkeit verlangt‹. Da ließ er ihn gewähren*.
*Nachdem Jesus getauft worden war, stieg er sogleich aus dem Wasser. Und siehe: Der Himmel tat sich auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube niedersteigen und auf ihn herabkommen. Und siehe: Eine Stimme aus dem Himmel sprach: ›Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe*‹«. (Mt 3,13-17)
   
Jesus geht zu Johannes dem Täufer. Johannes führte eine Protestbewegung an: Gegen Gewaltherrschaft und Korruption, gegen ein Leben in Luxus auf Kosten der Armen, -- eine Protestbewegung dagegen, dass Gottes Weisungen für das Leben nicht beachtet, oder so zurecht gelegt wurden, wie es gerade passt. Johannes war streng. In der Frage von richtig und falsch machte er keine Kompromisse. Wer nach Gottes Willen leben will, muss nach Gottes willen leben – keine Ausflüchte, keine Tricks. Kein »Das ist mir zu mühsam« und kein »Das machen doch alle so wie ich«. 
Er bedrohte und verfluchte die Menschen, die zu ihm in die Wüste kamen, und hielt seinen Zeitgenossen vor, wo sie überall ungerecht und selbstgerecht waren. Aber er blieb  dabei nicht stehen. Er wies denen, die danach fragten, auch einen Weg aus ihrer Halbherzigkeit und Schuld. Bei ihm, in der Wüste konnten die Menschen neu anfangen. Bereuen, umkehren, sich selbst, ihr Leben ändern. 
Die Sehnsucht der Menschen war groß, sie wollten andere werden, anders leben als sie es taten. 
Als Zeichen dieser Umkehr, dieses Neuanfangs griff der Täufer ein uraltes religiöses Symbol auf, das auch sonst im Judentum bekannt war: Sich im Wasser zu waschen. Äußerlich abzuwaschen, als Zeichen der inneren Reinigung.
Modern gesprochen bot Johannes den Menschen seiner Zeit eine Therapie. Gegen die inneren und äußeren Zwänge, gegen den schon damals herrschende Gier nach Macht und Geld, gegen die Entfremdung von sich selbst und von Gott. Bei Johannes brachten die Menschen ihr Leben wieder zurecht. Und das ist es ja, was Gerechtigkeit bedeutet.
   
Jesus hätte eine solche Taufe nicht nötig gehabt. Er war der Gerechte, den Gott in die Welt gesandt hatte. Er hätte keine Taufe zum Abwaschen seiner Sünden gebraucht.
Um das ganz deutlich herauszustellen fügt Matthäus das Gespräch zwischen Johannes und Jesus ein. Er stellt es so dar, dass sich Johannes zuerst weigert, und Jesus fast handgreiflich zurückhalten will: »*Ich müsste von dir getauft werden*«.
Zwar ordnet sich Jesus dem Täufer unter, aber dann geschieht etwas, das zeigt: Das entscheidende kommt nicht vom Täufer, sondern von Gott. Die Taufe im Jordan wird nicht näher beschrieben. Doch als sie abgeschlossen ist, geschieht etwas Unerwartetes: Der Himmel öffnet sich. Sichtbar, im Zeichen der Taube, kommt der Geist Gottes über Jesus. Und hörbar, von einer himmlischen Stimme erklingt, was das bedeutet: Jesus ist der Sohn Gottes. Mit dieser Formel wurden im Alten Orient die Könige eingesetzt. Auch die Taube war damals ein Zeichen für die Königsmacht.
Die Evangelien sehen das immer ganz eng, ja unlösbar verknüpft: Jesus erniedrigt sich selbst. Er beugt sich unter den Täufer des Johannes. Das heißt er nimmt schon hier die Stelle der Sünder ein. Doch Gott erhöht ihn, wie er ihn aus Kreuz und Tod erhöhen wird in der Auferstehung.
   
Das alles soll keine Theorie sein, sondern hat -- bis heute -- Bedeutung für alle Menschen, die getauft sind. Unsere eigene Taufe verbindet uns mit Jesus, ja mit dem dreieinigen Gott. Und zwar dauerhafter als unser Glaube oder die Taten der Nächstenliebe, die wir vielleicht tun. Durch die Taufe sind wir Töchter und Söhne Gottes, wir müssen es nicht erst werden. Und wo wir nicht so leben, wo wir unseren eigenen hohen Erwartungen nicht gerecht werden, wo wir egoistisch handeln oder Schuld auf uns laden, auch da bleiben wir Gottes Kinder und dürfen seiner Liebe und Vergebung trauen.
Außerdem führt uns die Taufe in der Gemeinde in der Kirche zusammen. Als Kirche sind wir Gemeinschaft der Getauften, weil wir in der Taufe Gottes Geist empfangen haben. Wir hoffen und vertrauen darauf, dass dieser Geist es ist, der die Gemeinschaft stiftet. Taufe betrifft uns also nicht nur allein, sondern verbindet uns mit anderen Menschen, die getauft sind. Wenn wir kleine Kinder taufen, sind sie ausdrücklich und herzlich in unsere Gemeinde eingeladen in der Kinder- und Jugendarbeit eingeladen. Ganz besonders der Konfirmandenunterricht als nachgeholter Taufunterricht ist wichtig. Und wenn bei uns Jugendliche oder Erwachsene getauft werden, dann gilt das natürlich genau so.
Unsere Gottesdienste sind offen für Taufen von Kindern und Erwachsenen. Zwar feiern wir nicht in jedem Gottesdienst eine Taufe, aber wir erinnern uns schon daran, wenn wir einen Gottesdienst »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes« feiern. Als Getaufte sollen wir im Gottesdienst immer wieder ermutigt und gestärkt werden, aus der Taufe zu leben. Auch für die Gestaltung des Gottesdienstes haben Älteste gemeinsam mit den Pfarrerinnen und dem Pfarrer Verantwortung.
Schließlich ist die Ökumene zu nennen. Auch hier ist es die Taufe, die uns verbindet. Über alle Unterschiede in unseren Traditionen und in der kirchlichen Organisation: Die Taufe ist nicht evangelisch, katholisch, orthodox oder irgendeine andere Konfession. Die Taufe ist christlich, sie verbindet uns mit Jesus Christus. Darum ist es richtig und wichtig, dass wir ökumenische verbunden sind und verbunden bleiben mit unseren katholischen und anderen christlichen Geschwistern hier in Heidelberg. Auch wenn es in der Ökumene manchmal Durststrecken zu bestehen gibt.
Jesus wurde von Johannes ins Wasser hineingetaucht, als Zeichen der Reinigung und der Verbindung mit Gott. Ganz so sind auch alle, die getauft sind, hineingetaucht in die Verheißung und Vergebung Gottes. Mit der Taufe tauchen wir ein in die Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Und im Wasser der Taufe wird unser Leben getränkt mit dem heiligen Geist Gottes.

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