Süß wie Honig
Predigt am 8.2.2026 in der Christuskirche (Sonntag Sexagesimä)
Was gut ist, was wahr ist, was richtig –– das setzt sich in unserer Welt nicht von alleine durch. Heute sind wir da pessimistischer als noch vor einigen Jahren. Angesichts der Krisen und Kriege der Welt, angesichts wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit, scheint so vieles in die falsche Richtung zu laufen.

Kaum jemand ist der Meinung, dass es den Menschen bei uns gut geht, jedenfalls überwiegt in der öffentlichen Diskussion die Unzufriedenheit und Kritik. Dass es gerecht zugeht bei uns, sehen die meisten Menschen nicht so. Die Mächtigen dieser Welt verdrehen die Wahrheit mit offenkundigen Lügen. Was richtig und wichtig für die Zukunft der Menschheit und der Erde wären –– es wird aufgeschoben oder verdrängt.
Eine ähnliche, aber noch viel tiefere Krise erlebten die Menschen im Alten Israel. Die Führungsschicht hatte in der Vergangenheit katastrophale Fehlentscheidungen getroffen, und so waren viele aus Israel ins babylonische Exil verschleppt worden. Und gab es nun Einsicht? Waren die Menschen bereit, aus den Fehlern zu lernen? Waren sie offen, neue Wege zu gehen? Keineswegs!
Die Bibel berichtet davon, dass Gott Propheten sandte, die von seinem Geist erfüllt waren und seine Worte sprachen, um den Menschen einen anderen Weg zu weisen. Doch meistens vergeblich. So ging es auch dem Propheten Ezechiel, oder Hesekiel, wie er in der Lutherbibel heißt. Von seiner Berufung lesen wir heute im 2. und 3. Kapitel seines Buches:
*Und [Gott] sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen*
*Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand zu mir ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.*
*Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig*. (Hes 2,1-4.8-10 u. 3,1-3)
»Haus des Widerspruchs«, so wird das Haus Israel hier bezeichnet. Alte wie Junge, Väter wie Kinder haben *harte Köpfe* und *verstockte Herzen*. Keine Einsicht, keine Umkehr. Dieser Vorwurf richtet sich nicht an einzelne, sondern eben an das ganze Haus. Damit ist die Gesellschaft als ganzes gemeint: Die Herrschenden ebenso wie die kleinen Leute, die verschiedenen Generationen und die im Exil ebenso wie die im Land gebliebenen. Es ist also ein gesellschaftliches Klima, in dem sich das Gute und Richtige nicht durchsetzen kann. Einer allein, oder eine allein kann da nicht viel ändern. Oder doch?
Gott schickt einen allein, Hesekiel. Den richtet Gott auf, er soll reden. Nicht, was er selbst denkt und will, sondern was Gott ihm durch seinen Geist eingibt. In der Perspektive des biblischen Buches ist klar, dass seine Worte wahr und richtig ist. Wenn die Menschen darauf nicht hören, dann müssen sie verstockt sein.
Ähnlich fragen wir uns heute, warum die Mächtigen so viel Schaden anrichten. Kriege mutwillig heraufbeschwören und nicht beenden. Terror und Gegengewalt in einer endlosen Spirale immer weiter eskalieren lassen. Wehrlose Flüchtlinge schamlos ausnutzen und dann sie in Todesgefahr ihrem Schicksal überlassen. Oder warum Herrschende sich über geltendes Recht hinwegsetzen und Menschen widerrechtlich abschieben. Sehen sie nicht, was sie anrichten? Glauben sie, sie müssten sich dafür nicht verantworten? Auch wir leben im »Haus des Widerspruchs«, so vieles in unserer Welt widerspricht dem, wie es eigentlich sein sollte.
Doch schauen wir nicht nur auf die Mächtigen. Wenn wir aufrichtig sind, stellen wir fest, dass wir selbst in zahlreiche Widersprüche verstrickt sind, ihnen gar nicht entgehen können. Unser Lebensstil hat einen ökologischen Preis, den unsere Kinder und Kindeskinder bezahlen werden. Wir sehen, dass die Schere zwischen Reich und Arm auch in unserem immer größer wird, und nehmen es hin. Und im ganz persönlichen Umfeld gibt es so vieles, was wir eigentlich anders und besser manchen wollen. Aber das Wort *eigentlich* verrät es schon. Wir tun es nicht, uns fehlt die Kraft, die Ausdauer, die Geduld oder auch die Liebe. Auch wir selbst haben uns eingerichtet in einem Haus des Widerspruchs.
Wenn wir es so betrachten, dann ist unserer Wirklichkeit wie die Schriftrolle, die Hesekiel in seiner Vision vor sich sieht: Von außen und innen dicht beschrieben mit *Klage, Ach und Weh*. Aber dieses düstere Bild verwandelt sich vor den Augen des Propheten und vor unseren Augen. Der Prophet soll die Schriftrolle essen! Das ist ein Bild, sehr anschaulich und doch nicht wörtlich gemeint.
Mit dem Essen ist ein Lesen gemeint, das tiefer geht als nur die Worte zu lesen. Die Worte sollen aufgenommen, verinnerlicht werden und das soll immer wieder geschehen. Wie das tägliche Brot muss man sich von diesem Brot nähren, und es mit Leib und Sinnen erfassen. Viele Jahrhunderte später, so wird erzählt, lernten jüdische Kinder das Lesen in den Synagogen, indem sie von gebackenen Buchstaben den Zucker ablecken durften, mit dem sie bestreut waren. Der Brauch mag inspiriert gewesen sein von unserem heutigen Predigtabschnitt: *Da aß ist [die Schriftrolle] und sie war in meinem Munde so süß wie Honig*.
Bereits hier, bei Hesekiel in der Prophetie des antiken Judentums finden wir eine tiefe Liebe und Verbundenheit zur heiligen Schrift. Das Wort Gottes –– es verdichtet sich in Buchform also in Schriftrollen. In Texten wird sein Wort niedergeschrieben, festgehalten und weitergegeben. Und wer diese Schriften liest und studiert, kann es darin für entdecken.
Ich bin froh, dass der Bericht des Propheten diese Wendung nimmt. Eine wunderbare und überraschende Verwandlung. Es klang ja zunächst so, als ob Gottes Wort eine große Abrechnung sein werde, seine entgültige Kritik an all unseren Fehlern und Ausflüchten. Doch dann schmeckt dieses Wort ganz anders als erwartet. *Süß wie Honig*, das heißt Gott verlockt zum Guten. Und das Gute ist keine bittere Medizin, kein abscheuliches Gegengift gegen unsere Widerspenstigkeit. Sein Wort tut gut und schmeckt gut. Ich denke dabei an die warme Honigmilch, die ich als Kind bekam, wenn ich erkältet war. Es ging mir immer schon ein kleines bisschen besser, wenn der Becher vor mir stand.
Das ist kein Rezept, mit dem wir die Probleme der Welt und die Widersprüche unseres Lebens auflösen können. Aber für mich ist es ein starkes Hoffnungsbild gegen alle dunklen Erfahrungen. Gott richtet Menschen auf. Er will für uns das, was gut und wahr und richtig ist. Und wenn wir aufrichtig danach suchen, können wir sein gutes Wort für unser Leben erfahren. Dafür sollen und können wir die biblischen Schriften immer neu lesen und verinnerlichen.
Das ist nicht die einzige Form, in der wir Gottes Wort erfahren können. Er kann auch auf ganz andere Weise zu uns sprechen. In dem, was andere uns sagen, wenn sie uns trösten oder mahnen. In Staunen über seine wunderbare Schöpfung, oder in in der Stille, wenn wir bereit werden innerlich zu hören. Eine besonders deutliche Weise, wie Gott zu uns spricht, ist der Segen. In einem guten Wort, dass uns zugesprochen wird. Was unsere Ohren hören soll unser Herz erreichen und stärken. Das soll uns gut tun und stärken in den Krisen und Problemen unseres Lebens.
Ansprechperson
Hans-Christoph Meier

Pfarrer
Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.





