Leben ohne Versuchung?

Predigt am 22.2.2026 in der Christuskirche (Invokavit)

Wie schön könnte die Welt sein, wenn alle Menschen gut zueinander wären. Wenn keiner gegen die Regeln verstoßen würde, die dazu gemacht sind, dass wir gut miteinander auskommen. Wie schön wäre die Welt, wenn es nur die Wahrheit gäbe und die Lüge unbekannt wäre.

Quelle: Wikimedia Commons

Und wenn alle, die genug zum Leben haben, damit zufrieden wären, und nicht immer mehr haben wollten. Wie schön müsste eine solche Welt sein, ein richtiges Paradies. 
Doch wir wissen: Eine solche ideale Welt ist ein Traum. Tatsächlich sind wir Menschen anders: Wir brechen die Regeln, wir wollen mehr für uns herausholen und wir finden 1.000 Gründe, warum wir es mit der Wahrheit oft nicht so genau nehmen. Wir wissen zwar, was eigentlich gut wäre, für uns und für die andern, aber wir halten uns nicht daran. Fast könnte man meinen, dass jede Ordnung, jede Regel schon die Versuchung in sich trägt, dass wir sie übertreten. Wo rote Linien gezogen werden, da scheint uns nur zu verlockend oder auch nur zu bequem, sie zu übertreten. 
Warum sind wir Menschen so? Warum können wir nicht anders sein? Die Urgeschichte der Bibel gibt darauf keine theoretische Antwort, sondern sie erzählt eine Geschichte. Die Geschichte von der Erschaffung der Menschen und davon, dass sie im Paradies nicht bleiben konnten, weil sie die Regeln nicht einhalten konnten, die Gott für das Paradies aufgestellt hatte. Ich lese einen längeren Abschnitt aus dem 3. Kapitel des 1. Mosebuchs:
   
*Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die der *HERR*, Gott, gemacht hatte, und sie sprach zur Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Und die Frau sprach zur Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Nur von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: Ihr dürft nicht davon essen, und ihr dürft sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt. Da sprach die Schlange zur Frau: Mitnichten werdet ihr sterben. Sondern Gott weiß, dass euch die Augen aufgehen werden und dass ihr wie Gott sein und Gut und Böse erkennen werdet, sobald ihr davon esst.*
*Da sah die Frau, dass es gut wäre, von dem Baum zu essen, und dass er eine Lust für die Augen war und dass der Baum begehrenswert war, weil er wissend machte, und sie nahm von seiner Frucht und ass. Und sie gab auch ihrem Mann, der mit ihr war, und er ass. Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter und machten sich Schurze. Und sie hörten die Schritte des *HERRN*, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelte. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem *HERRN*, Gott, unter den Bäumen des Gartens. Aber der *HERR*, Gott, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Da sprach er: Ich habe deine Schritte im Garten gehört. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Und der Mensch sprach: Die Frau, die du mir zugesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. Da habe ich gegessen. Da sprach der *HERR*, Gott, zur Frau: Was hast du da getan! Und die Frau sprach: Die Schlange hat mich getäuscht. Da habe ich gegessen.*
*Da sprach der *HERR*, Gott, ... zum Menschen: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte: Du sollst nicht davon essen!: Verflucht ist der Erdboden um deinetwillen, mit Mühsal wirst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln wird er dir tragen, und das Kraut des Feldes wirst du essen. Im Schweiss deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück.*
*Und der Mensch nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter allen Lebens. Und der *HERR*, Gott, machte dem Menschen und seiner Frau Röcke aus Fell und legte sie ihnen um.*
*Und der *HERR*, Gott, sprach: Sieh, der Mensch ist geworden wie unsereiner, dass er Gut und Böse erkennt. Dass er nun aber nicht seine Hand ausstrecke und auch noch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe! So schickte ihn der *HERR*, Gott, aus dem Garten Eden fort, dass er den Erdboden bebaue, von dem er genommen war. Und er vertrieb den Menschen und liess östlich vom Garten Eden die Kerubim sich lagern und die Flamme des zuckenden Schwerts, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.* (1. Mose 3,1-24, Zürcher)
   
Am Anfang gibt es das Böse eigentlich noch nicht auf der Welt. Nur die Grenze, die Gott gesetzt: Von allen Bäumen und Büschen dürfen die Menschen essen, nur von den zwei Bäumen, dem Baum der Erkenntnis und vom Baum des Lebens sollen sie sich fern halten. Ja, es stecken tiefe Sehnsüchte in diesem Traumbild vom Paradiesgarten. Sehnsüchte nach einem Leben, nach einer Welt, die anders wäre als die Welt, die wir jeden Tag erleben.
Und doch ist es kein Zufall, dass die biblischen Erzähler über Adam und Evas Zeit im Paradies nicht viel zu erzählen haben -- eben nur, dass sie daraus vertrieben wurden. Denn so, wie Adam und Eva im Paradies geschildert werden, so sind wir Menschen im wirklichen Leben nicht. Die kurze Episode im Paradies beschreibt eigentlich einen Zustand, als der Mensch noch gar nicht Mensch war. Jedenfalls nicht so Mensch war, wie wir wir es sind: Für uns gehört zum Leben dazu, dass wir Gut und Böse unterscheiden können. Das wir zerrissen sind zwischen gegensätzlichen Wünschen und Interessen, uneins mit der Natur, oft auch uneins untereinander. Wir kennen es nicht anders, als dass Kinder unter Schmerzen geboren werden. Wir wissen, dass mühsame Arbeit zu unserem Leben gehört. Und dass wir sterben werden.
   
Vom Baum zu essen war falsch, dass müssen Adam und Eva einsehen. Wie es dazu kommen konnte, wird sehr anschaulich und erzählt. Die beiden ersten Menschen wollen ja eigentlich nicht das Böse, aber sie lassen sich verführen. Die Schlange verkörpert dieses Verführung. Sie flüstert Eva und ihrem Mann ein, dass es schon alles nicht so schlimm kommt. Und die Lügen der Schlange könnte man als alternative Wahrheiten durchgehen lassen. 
Tatsächlich sind die Menschen hinterher klüger als vorher. Aber das macht sie nicht glücklicher, sondern lässt sie nur ihre Schuld um so stärker spüren. Und tatsächlich lässt Gott die Menschen weiter leben. Aber damit zeigt Gott seine Liebe zu den Menschen. Aber auch, wenn sie weiter leben dürfen, war die Behauptung der Schlange »Es wird alles nicht so schlimm kommen«, natürlich eine Verdrehung der Tatsachen.
   
»Die Früchte waren verlockend anzuschauen«, »Ihr werdet daran schon nicht sterben«, »Eigentlich sollten wir das nicht tun, aber dieses eine Mal wird es schon nicht so schlimm sein«. So denken wir, wenn wir tun, was wir nicht tun sollten. Die Bibel nennt das Versuchung. In der Lesung haben wir gehört, dass Jesus den Versuchungen und dem Versucher ausgesetzt war. Bevor er die frohe Botschaft zu den Menschen bringt, muss er den Pseudowahrheiten und verdrehten Bibelzitaten des Teufels widerstehen. Was er den Menschen bringt, darf nicht sein eigenes Ansehen und seine Macht steigern, sondern darf nur Gott und den Menschen dienen.
Die Versuchung ist stark, weil sich das Böse darin tarnt als etwas, das jedenfalls für den Moment gut ist. Sie ist deshalb so stark, weil die Lüge sich anbietet als eine Wahrheit, die uns das Leben leichter und einfacher macht. Die Wahrheit der Geschichte von Eva und Adam liegt darin, dass wir, dass alle Menschen verführbar sind, dass wir den Versuchungen oft nicht widerstehen.
Ich verstehe die Geschichte vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse so, dass wir als Menschen vor die Entscheidung gestellt sind. Nicht die Schlange oder der Teufel stellen uns vor die Entscheidung, sondern Gott selbst. Er schenkt uns die Freiheit, seinem Willen zu folgen -- oder ihm nicht zu folgen. Es gehört zu dieser Freiheit, dass wir uns falsch entscheiden können, dass wir uns verleiten lassen können, dass wir uns und anderen etwas vormachen können. 
Wäre Jesus nicht vom Geist Gottes in die Wüste geführt worden, um dort versucht zu werden -- dann wüssten wir nicht, dass er wirklich Mensch war, wie wir. Und -- nur einmal angenommen -- würde Gott uns unser ganzes Leben lang davor bewahren, uns falsch zu entscheiden, dann wären wir nicht frei, sondern würden in einer Art heiligem goldenem Käfig immer alles richtig machen.
Ein Leben ohne Versuchung gab es nicht einmal im Paradies. In unserer Welt kann es das schon gar nicht geben. Wenn wir darauf vertrauen, dass Gott uns in unserem ganzen Leben führt, dann bedeutet das auch, dass er uns die Situationen nicht erspart, in denen wir in Versuchung geraten. 
   
Die erste biblische Geschichte von Menschen, erzählt, dass sie der Versuchung erlegen sind, dass sie Schuld auf sich geladen haben. Sie müssen die Folgen ihrer Entscheidung tragen, sie können nicht im Paradies bleiben und finden sich auf dem harten Boden der Realität wieder. Aber Gott handelt dennoch gnädig an ihnen: Er gewährt ihnen eine Lebensspanne bis zu ihrem Tod und lässt sie leben trotz ihrer Schuld leben lässt.
Die Geschichte Gottes mit uns Menschen ist damit nicht zu Ende. In seinem Sohn Jesus Christus hat Gott die Macht der Schuld gebrochen. Was das für uns und unser Leben bedeutet, wollen wir in vor uns liegenden Wochen der Passionszeit bedenken. Wir wollen diesen Weg heraus aus Versuchung und Schuld für uns begreifen, wenn wir den Weg Jesu innerlich mitgehen. Den Weg ans Kreuz, und durch den Tod hindurch bis zu seiner Auferstehung am Ostermorgen.
 
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.

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