Im zweiten Teil des Jesajabuchs, im 66. Kapitel schreibt ein Prophet: »Gott spricht, ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet« (Jesaja 66,13). Und er malt diese Bild aus: Wie eine Mutter ihr Kind stillt, so wird Gott die Menschen bei sich aufnehmen. Ihnen geben, was sie brauchen und sie beschützen.
... wie eine Mutter tröstet
Predigt in der Christuskirche am 15.3.2026

Jesus am Kreuz unter der Inschrift »sie sollen getröstet werden«
Der Prophet spricht zu einem Volk, das seinen Trost dringend braucht. Israel hatte aufgehört, überhaupt ein Volk zu sein. Die politisch Verantwortlichen hatten das kleine Land in eine Katastrophe geführt. Die Babylonier hatten Jerusalem und den Tempel zerstört und die führende Schicht nach Babylonien verschleppt. Damit hatte auch der Glaube eine tiefe Krise erfahren. Wie hatte Gott zulassen können, dass sie so schweres Leid erfuhren? Oder wollte er sogar, dass sie das alles durchmachen mussten? Viele zweifelten an Gott und an dem, was er verheißen hatte.
In diese Not hinein spricht der Prophet das Wort Gottes: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet«. Wenn Gott hier wie eine Mutter beschrieben wird, steht das im Zusammenhang damit, dass auch die Stadt Jerusalem wie eine Mutter, wie eine stillende Frau beschrieben wird. Hören wir die Verse im Zusammenhang:
Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt!
Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr um sie trauert!
Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes,
weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes.
Denn so spricht Gott:
Ich breite bei ihr Frieden aus wie einen Strom
und wie einen überschäumenden Bach den Reichtum der fremden Völker.
Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen
und auf den Knien geschaukelt werden.
Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten,
und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein.
Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen,
und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras.
Die Hand Gottes ist wahrnehmbar an denen, die im Dienst Gottes stehen,
aber Fluch denen, die Gott feindlich sind.
(Jes 66,10-14, Bibel in gerechter Sprache)
Im Wort des Propheten ist es also zunächst die Stadt Jerusalem, die wie eine junge Mutter mit kleinen Kindern beschrieben wird. Sie stillt ihre Kinder an ihrer Brust, so dass sie sich satt trinken können und keine Not leiden. In der Bibel wird Jerusalem häufig als Frau beschrieben, die für ihre Kinder, also für ihre Bewohner und Bewohnerinnen sorgt und sie nährt und ihnen Sicherheit und Frieden verschafft.
Und weil alles, was die Menschen in und mit Jerusalem erfahren, von Gott kommt, wird dieses Bild der nährenden und schützenden Mutter zu einem Bild für Gott. Besonders wichtig ist dabei, dass Gott tröstet. Das Volk der Stadt Jerusalem, das Volk Israel, soll getröstet werden. Schon in einem früheren Kapiteln des Jesajabuchs stehen als große Überschrift über dem zweiten Teil des Jesajabuchs die Worte: »Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott« (Jes 40,1),
Dass eine Mutter tröstet, dieses Bild verstehen wir. Vielleicht erinnern Sie sich noch an solche Begebenheiten. Wo Mutter oder Vater, vielleicht auch eine andere Person, Sie als Kind getröstet hat. Weil Sie hingefallen waren und sich verletzt hatten. Weil Sie sich erschreckt hatten, zum Beispiel vor einem großen Hund. Oder weil es dunkel war, oder etwas anderes Ihnen Angst machte. Vielleicht erinnern Sie sich, wie Sie getröstet wurden, als sie krank waren, oder weil jemand in der Familie gestorben war. Trösten heißt nicht vertrösten, bedeutet also nicht, die Sorgen klein zu reden, etwa mit Worten wie »Ist doch nicht so schlimm« oder »Wird schon wieder«. Trösten heißt, ernst nehmen was den anderen belastet und darin bei ihm oder bei ihr bleiben.
Mütter und auch Väter trösten ihre Kinder. Sie nehmen das weinende oder traurige Kind in den Arm. Sprechen mit ihm oder sagen auch gar nichts. Sie geben dem Kind Geborgenheit und Halt. Auch später im Leben brauchen wir Trost und werden auch getröstet, aber Kinder sind noch stärker als Erwachsene darauf angewiesen.
Wenn wir getröstet werden, dann ist das Problem oftmals noch gar nicht gelöst oder beseitigt. Manchmal kann das Problem auch gar nicht gelöst werden. Und doch ändert sich etwas, wenn wir getröstet werden. Wir erfahren: Wir sind nicht allein, da ist jemand bei uns und bleibt bei uns. Was auch kommen mag. Jemand trägt mit uns, was uns allein zu schwer wird. Und tut das, ohne groß zu fragen, und ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Wodurch wir auch aus dem Gleichgewicht geraten sein mögen -- durch den Trost wird wieder etwas ins Gleichgewicht gebracht. Mag es um uns dunkel sein, wo wir getröstet werden, gibt es ein Licht.
Wir sehr Gottes Trost auch heute nötig ist, erleben wir gerade am Schicksal der Menschen in Jerusalem, in Israel und Palästina und in den Nachbarländern Iran und Libanon. Die politischen Verhältnisse damals und heute lassen sich nicht übertragen, und kommen uns die heutigen Bilder vor Augen, wenn wir die biblischen Worte hören. Damals war die Stadt Jerusalem zerstört und ihre Einwohner vertrieben. Heute leben die Menschen in Jerusalem und Israel in ständiger Angst vor Terror und Krieg. Flucht, Vertreibung, Zerstörung und Tod erfahren in diesen Wochen die Menschen in Gaza, im Libanon und Iran. Darunter sind viele Zivilisten. Jerusalem hat keinen Frieden und findet keinen Frieden, solange es im Krieg mit seinen Nachbarn lebt. Die Verantwortung dafür tragen die politischen Führer, die den Konflikt anfeuern statt den Frieden zu suchen. Und viele Mütter nehmen heute wieder ihre Kinder auf den Arm, um sie in Sicherheit zu bringen. Die einen suchen Schutzräume auf, die anderen verlassen ihre Heimatort und versuchen in sicherere Gegenden zu fliehen. Die Friedensverheißung aus dem Buch des Propheten Jesaja ist bis heute nicht erfüllt. Noch immer sprechen diese Worte von einer Wirklichkeit, die wir noch nicht erleben, sondern nur erhoffen können. Aber, so verstehe ich die prophetischen Worte, wir sollen niemals aufhören zu hoffen.
»Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet«. Das hören wir heute auch als Zusage für uns selbst, für jeden und jede von uns persönlich. Darin sagt Gott uns zu, dass er bei uns ist und bei uns bleibt. Gottes Trost erfahren wir, wenn Menschen bei uns bleiben, auf die wir uns verlassen konnten. Sie helfen uns, Kraft für den nächsten Schritt zu finden. Vielleicht können wir das auch in einer schwierigen oder belastenden Situation gar nicht spüren, weil die Situation alle unsere Kraft braucht. Und erst im Rückblick können wir sehen: »Ja, da habe ich Trost erfahren«.
Mutter und Vater sind die Personen, die uns vielleicht als erste trösten, doch im Laufe unseres Lebens werden wir auch von anderen getröstet und schenken anderen unseren Trost. Dass wir uns gegenseitig trösten, den Trost teilen, lässt uns erst verstehen, was gemeint ist mit dem Wort: Gott tröstet wie eine Mutter. Wer es selbst erfahren hat, kann andere trösten. Gerade dort, wo ein Problem sich nicht lösen lässt oder eine Krise noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Auch wir können für andere da sein, bei ihnen bleiben, wenigstens für eine Zeit. Das hilft demjenigen oder derjenigen, die wir trösten. Es stärkt in ihm oder ihr die eigene Kraft, im Schweren zu bestehen und neuen Mut zu schöpfen.
In den Wochen vor Ostern denken wir an den schweren Weg, den Jesus gegangen ist. An den Weg, der ans Kreuz geführt hat. Die Dunkelheit und die Angst, durch die er gegangen ist, verbindet ihn mit uns, wenn wir durch Dunkelheit gehen. Wenn wir uns sorgen oder Angst haben -- oder auch, wenn wir krank werden. Jesus blieb in der Dunkelheit und im Tod nicht gefangen. Wir wissen, Gott führte ihn in ein neues Dasein. Das soll uns ein Zeichen sein. Ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes.
In unsrer Not will Gott uns trösten, wie ein Vater oder eine Mutter uns tröstet.
Ansprechperson
Hans-Christoph Meier

Pfarrer
Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.





