Versöhnung

Predigt am Karfreitag 3.4.2026 in der Christuskirche

Nach einem Streit fällt es uns oft schwer, uns wieder zu versöhnen. Wenn wir verletzt wurden oder wenn wir selbst jemanden verletzt haben, gehen wir einander eher aus dem Weg. Wir behalten unsere eigene Sicht der Dinge im Kopf, hören nur auf die Stimmen, die uns sagen, dass wir im Recht sind. Vielleicht warten wir darauf, dass der andere den ersten Schritt macht. Doch so lösen sich Konflikte nicht, so bleibt der Streit bestehen – zwischen Ehepartnern, in Familien, zwischen Menschen, die miteinander leben.

Dass Menschen nicht bereit sind, sich zu versöhnen, erleben wir auch im Großen. So ist kein Ende des Krieges Russlands gegen die Ukraine in Sicht. Im Nahen Osten eskaliert die Gewalt zwischen Israel und seinen Nachbarn von Tag zu Tag. Die Waffenarsenale scheinen noch lange nicht erschöpft, Drohungen und Raketeneinschläge verhindern jede Verständigung. Menschen stehen einander gegenüber, voller Misstrauen, Angst und Hass. 
Frieden scheint im Jahr 2026 unendlich weit entfernt zu sein. Es kommt in den vom Krieg betroffenen Ländern nicht einmal zu Waffenstillständen -- oder auch nur zu Verhandlungen darüber. Es wäre nötig, dass die jeweils Verantwortlichen auf beiden Seiten aufeinander zugehen. Dass sie aus der Logik der Gewalt ausbrechen und den Mut findet, erste Schritt zu tun und eine andere Zukunft zu suchen.
Darum ist für uns bedeutsam, was der Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt. Eine Gemeinde, in der es übrigens viel Streit gab -- Streit untereinander, und auch zwischen der Gemeinde und Paulus. In diesem Zusammenhang schreibt der Apostel der Gemeinde von Liebe und Versöhnung. Ich lese einen Abschnitt aus dem fünften Kapitel des zweiten Korintherbriefs:
   
*»Uns treibt die Liebe an, die Christus uns erwiesen hat.*
*Wir sind nämlich zu der Überzeugung gelangt: Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind damit alle gestorben. Christus ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht länger für sich selbst leben. Sie sollen jetzt vielmehr für den leben, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde. Daher beurteilen wir von nun an niemanden mehr nach menschlichen Maßstäben. Auch Christus beurteilen wir nicht so. Selbst dann nicht, wenn wir ihn früher nach menschlichen Maßstäben beurteilt haben. Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er schon zur neuen Schöpfung. Das Alte ist vergangen, etwas Neues ist entstanden!*
*Das alles kommt von Gott. Durch Christus hat er uns mit sich versöhnt. Er hat uns sogar den Dienst übertragen, die Versöhnung zu verkünden. Ja, in Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt. Wir treten also im Auftrag von Christus auf. Ja, Gott selbst lädt die Menschen durch uns ein. So bitten wir im Auftrag von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen!«* (2. Kor 5,14-20, Basisbibel)
   
Diese Gedanken hat Paulus nicht für den Karfreitag geschrieben. Sie sollen für das Leben von Christinnen und Christen überhaupt gelten. Aber am Karfreitag hören aus seinen dichten Gedanken zwei Sätze besonders heraus. Das ist zum einen der Satz »Christus ist für alle gestorben«. Und zum anderen die Aussage: »Durch Christus hat Gott uns mit sich versöhnt.« 
Zum ersten Satz »Christus ist für alle gestorben«: So fasst Paulus zusammen, was wir mit dem Tod Jesu am Kreuz verbinden. Jesus stirbt nicht einfach als Opfer von Gewalt oder als tragische Gestalt der Geschichte. Paulus sieht darin mehr: In diesem Tod geschieht etwas für andere, ja sogar »für alle«. Nicht nur für seine Freunde, nicht nur für Menschen, die an ihn glauben, sondern für alle, die ihr eigenes Schicksal mit seinem verbinden.
Am Kreuz geschieht etwas, womit eigentlich niemand rechnen konnte: Gott ist dort, wo die menschliche Gewalt ihren Höhepunkt erreicht. Jesus wird verspottet, in einem Scheinprozess verurteilt, gequält und schließlich getötet. Gott antwortet darauf nicht mit Gegengewalt gegen die Verantwortlichen, sondern indem er das Leiden aushält, es erträgt. Paulus sieht darin einen entscheidenden Wendepunkt: Im Tod Jesu wird sichtbar, wie weit Gottes Liebe reicht. Sie zieht sich auch dann nicht zurück, wenn Menschen sich gegen ihn stellen. Sie bleibt selbst dort bestehen, wo Menschen Gott aus ihrer Welt hinaustoßen. Gott gibt seine Welt nicht auf.
   
Der zweite Satz lautet: »Durch Christus hat Gott uns mit sich versöhnt«. Damit beschreibt Paulus, dass Jesus durch sein Leben und Sterben Versöhnung möglich macht. Versöhnung heißt: Die Beziehung zwischen Gott und uns wird nicht mehr durch Schuld und Trennung gestört. »Gott rechnet uns unsere Verfehlungen nicht an«, so drückt Paulus es aus. Gott nimmt der Schuld die Kraft, uns von ihm zu trennen. Stattdessen eröffnet er einen neuen Anfang.
Bemerkenswert ist: Paulus sagt nicht, dass wir uns zuerst mit Gott versöhnen müssen. Sondern: Gott hat diesen Schritt längst getan. Die Versöhnung beginnt nicht bei unserer Einsicht oder unserer Reue. Sie kommt von Gott her. Am Kreuz geht Gott auf die Menschen zu – auf eine Welt, die sich abgewendet und sogar gegen ihn gewendet hat. Auf paradoxe Weise öffnet er damit einen Weg zurück in die Gemeinschaft mit ihm.
Das griechische Wort für versöhnen (*katallasein*) stammt aus der Politik. Zwischen den griechischen Stadtstaaten gab es häufig Auseinandersetzungen, auch Kriege. Wenn aber die politische Lage sich änderte und sie gegen äußeren Druck wieder zusammenschließen mussten, gab es Boten und Verhandlungen, die dazu führten, dass die alten Streitigkeiten überwunden werden konnten und nicht mehr zwischen den Parteien standen. Wie ein solcher Gesandter, der die Versöhnung vermittelt, versteht sich auch Paulus. Am Ende unseres Abschnitts schreibt er: »So bitten wir im Auftrag von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen!«. Es braucht einen Sinneswandel, eine Veränderung. Nicht auf des Seite Gottes. Der hat seinen Willen zur Versöhnung in Jesus offenbart. Es sind wir Menschen, die nicht bereit sind die Versöhnung anzunehmen, um die Paulus wirbt.
Die Bereitschaft zur Versöhnung beginnt im Kleinen, in unserem täglichen Miteinander. Sie beginnt mit dem Mut zu einem klärenden Gespräch oder einer ehrlichen Entschuldigung, oder indem ich zuhöre, wie mein Gegenüber den Konflikt erlebt hat. Versöhnung verlangt, dass wir bereit sind, die Perspektive des anderen einzunehmen. Dabei geht es nicht darum, Unrecht zu leugnen oder zu vergessen, sondern darum, dass wir bereit sind, den Kreislauf von Ablehnung und Vorwürfen zu durchbrechen. Als Christinnen und Christen können wir solche Schritte gehen, weil wir wissen, dass wir von Gottes Versöhnung leben: Er kommt uns immer schon entgegen, noch bevor wir zur Versöhnung bereit sind.
Was bedeutet Versöhnung nun im Blick auf die Weltlage? Wir selbst werden den Krieg in der Ukraine nicht beenden können. Wir werden auch die Waffen im Nahen Osten nicht durch unseren guten Willen zum Schweigen bringen. Während wir heute hier um Frieden und Versöhnung beten, wird weiter mit Raketen und Drohnen gekämpft, sterben weiter Menschen. Das ist die Realität dieses Karfreitags im Jahr 2026.
Was also ändert sich durch die Botschaft »Gott versöhnt die Welt mit sich selbst«? Es ändert sich der Ausgangspunkt, von dem aus wir leben. Wenn Gott sich mit dieser Welt versöhnt hat – in Christus, am Kreuz –, dann ist diese Welt trotz allem nicht gottverlassen. Dann gehört sie nicht endgültig der Logik von Hass, Vergeltung und Gewalt. Dann ist selbst dort, wo Menschen sich unversöhnlich gegenüberstehen, Gottes Geschichte mit dieser Welt noch nicht zu Ende.
Das Kreuz zeigt: Gott begibt sich hinein in die Gewalt dieser Welt. Er bleibt nicht Zuschauer. Er trägt ihre Folgen. Und er durchbricht sie nicht mit Gegengewalt, sondern mit Liebe.
Das beendet noch nicht die großen Konflikte, die heute so viele Menschen bedrohen und bedrängen. Aber es verändert uns. Trotz allem leben wir nicht aus der Angst. Trotz allem glauben wir nicht den Worten aus Hass. Trotz allem müssen wir nicht so tun, als gäbe es nur die Logik der Stärke.
Was an Karfreitag am Kreuz geschah, kann unsere Hoffnung wecken, dass Gott auch dort ist, wo wir nicht mehr mit ihm rechnen. Am Karfreitag ist das noch verborgen, darum warten und hoffen wir auf Ostern.
 



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