Singen verbindet

Predigt vom 3.5.2026 über 2. Chr. 5,2.12-13

„Wenn Sie sich wirklich etwas Gutes tun wollen, dann singen Sie.“ Das sagte einmal der Hirnforscher Joachim Bauer in einem Vortrag. Er hatte untersucht, was Menschen glücklich macht. Er hat herausgefunden: Wenn wir singen oder Musik machen – und besonders, wenn wir das mit anderen gemeinsam tun – setzt unser Gehirn Botenstoffe frei, die auf das sogenannte Belohnungszentrum wirken.

Jugendchor in einer Kirche
Dann fühlen wir uns wohl.
Eigentlich hätten wir das auch ohne Wissenschaft wissen können. Aber nun können die Hirnforscher es auch beschreiben: Singen tut uns gut – mit Körper, Seele und Geist.
Nicht jede und jeder singt gleich gern oder gleich gut. Aber darauf kommt es meistens gar nicht an. Am einfachsten ist es in einer großen Gruppe, wenn alle laut und kräftig singen. Ein Rentner sagte mir einmal: „Nee, Herr Pfarrer, ich singe nicht. Nur an Weihnachten in der Kirche, da merkt es ja niemand.“
Im Gottesdienst gehört das Singen einfach dazu. Das Singen verbindet uns untereinander, aber auch mit Gott. Wir singen mit, so laut oder so gut wir können. Das war schon immer so. Schon bevor es eine Kirche überhaupt gab.
In der Frühzeit Israels, als der Tempel in Jerusalem unter König Salomo eingeweiht wurde, wurde gesungen und auf Instrumenten gespielt. Darüber heißt es im zweiten Buch der Chronik:
°König Salomo ließ die Ältesten Israels nach Jerusalem kommen, die Vertreter aller Stämme und Sippen. Sie sollten die Bundeslade des Herrn von der Davidsstadt auf dem Zionsberg in den Tempel hinaufbringen.°
°Die Tempelsänger waren vollzählig zugegen und standen mit ihren Becken, Harfen und Lauten an der Ostseite des Altars. Ihnen zur Seite standen hundertzwanzig Priester mit Trompeten. Diese setzten gleichzeitig mit den Sängern, den Becken und anderen Instrumenten ein. Es klang wie aus einem Mund, als sie alle miteinander den Herrn priesen: „Der Herr ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!“ In diesem Augenblick erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des Herrn.° (2. Chr. 5,2.12-13, Basisbibel)
Es klang wie aus einem Mund. Viele Stimmen, viele Instrumente – und doch ein gemeinsamer Klang. Menschen hören aufeinander, stimmen sich aufeinander ein, tragen gemeinsam eine Melodie. Und in diesem gemeinsamen Lob wird Gottes Gegenwart spürbar.
Singen gehört zu unserem Leben, zum Alltag und zu den besonderen Situationen. Es gehört zum Überschwang des Jubels. Oder Situationen, in denen wir traurig sind und Trost brauchen. In jeder Lebensphase oder Lebenslage gibt es Lieder: Eltern wiegen ihre kleinen Kinder und singen dazu. Zum Schlafengehen wird vielleicht ein Lied gesungen. Bei Geburtstagen Geburtstagslieder. Es gibt Liebeslieder, Frühlingslieder, Lieder von unerfüllter Sehnsucht.
Singen ist eine Weise, wie wir unsere Gefühle ausdrücken können. Manchmal führt uns eine gesungene Melodie überhaupt erst an unsere Gefühle heran. Singen verbindet uns mit uns selbst, aber auch mit dem Grund unseres Daseins, mit Gott. Auch über ihn können wir im Gesang viel mehr ausdrücken, als es in bloßen Worten möglich wäre. Darum gehören Lieder in unseren Gottesdiensten einfach dazu.
Früher war es selbstverständlicher, dass Menschen auch im Alltag gesungen haben. In Familien wurde mehr gesungen, bei der Arbeit ebenso. Besonders bei schwerer, körperlicher Arbeit half das gemeinsame Singen, den Rhythmus zu halten und die Anstrengung zu teilen. In den Volksliederbüchern stehen noch solche Lieder: Erntelieder oder Seemannslieder oder auch Wanderlieder. Aber bei der Arbeit singen wir heute nicht mehr.
Überhaupt singen wir heute weniger als es früher üblich war oder wir singen jedenfalls weniger gemeinsam. Musik kann auf viele verschiedene Weisen technisch wiedergegeben werden. Die Musikindustrie bedient sehr verschiedene Geschmäcker und Stilrichtungen mit aufwendig produzierten Songs. Viele Menschen trauen sich gar nicht, selbst zu singen, weil sie meinen – oder weil sie das gesagt bekommen haben – sie könnten nicht singen. Und natürlich haben wir nicht alle Stimmen wie die Stars. Aber es gibt wenig Menschen, die wirklich nicht singen können.
Im Gottesdienst können wir auf das gemeinsame Singen nicht verzichten. Wir sollten es auch sonst pflegen und fördern. In Chören finden sich Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen, die ohne das gemeinsame Singen nicht so möglich wäre. Das gilt übrigens nicht nur für Kirchenchöre.
Aber auch sonst verbindet uns das gemeinsame Singen untereinander. Dabei ist es nicht so wichtig, dass wir schön oder konzertreif singen, sondern dass wir uns auf eine gemeinsame Melodie und auf einen gemeinsamen Text einlassen. Dass wir aufeinander hören und Rücksicht nehmen. Und dass wir mit dem Herzen dabei sind.
Im gemeinsamen Singen ist vieles wichtig, was unser Miteinander stärkt. Singen heißt, dass wir uns hineingeben und mitschwingen im Klang und Rhythmus einer Melodie.
Damit unser Singen im Gottesdienst lebendig bleibt, ist es wichtig, dass wir immer wieder auch neue Lieder singen. Damit die Musik im Gottesdienst uns anspricht, muss neben dem Bekannten auch Neues erklingen. Der Musikgeschmack wandelt sich und unterliegt gewissen Moden. Das ist nicht schlimm. Kirchenmusik und Choräle sind immer auch geprägt vom Musikgeschmack ihrer Zeit. Wichtig ist, dass wir Lieder singen, die von vielen mitgesungen werden können.
Ich glaube, wir sollten da eine Tradition der Reformatoren wieder aufgreifen. Sie haben die Melodien bekannter Lieder genommen und sie mit neuen Texten versehen, so konnten die Menschen sie schnell mitsingen. Da würde ich mir heute manchmal mehr neue Lieder wünschen.
Und doch: Wenn wir singen, stimmen wir ein in ein Lob, das viel größer ist als wir selbst. Ein Lob, das schon lange vor uns erklungen ist.
Seit den Zeiten des Königs Salomo wird gesungen: „Der Herr ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!“
Amen.
 
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.



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