Einander verstehen
Predigt in der Christuskirche zu Apostelgeschichte 2,1-18 am Pfingstsonntag, 24.05.2026
Menschen verstehen sich über Grenzen hinweg. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung der Pfingstgeschichte. Das Wunder besteht nicht zuerst darin, dass Menschen fremde Sprachen sprechen können. Sondern darin, dass Menschen einander verstehen.

als Predigttext am Pfingstsonntag hören wir heute auf den Abschnitt aus der Apostelgeschichte des Lukas, wo die Ereignisse geschildert werden, die dazu führen, dass wir bis heute Pfingsten feiern. Aus dem zweiten Kapitel hören wir die Verse 1-18:
»*Als die Zeit des Wochenfestes gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.*
*In Jerusalem aber wohnten Juden, gottesfürchtige Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Menschen, die sich zum Judentum bekehrt haben, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.*
*Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen; sondern jetzt geschieht, was durch den Propheten Joël gesagt worden ist: In den letzten Tagen wird es geschehen, / so spricht Gott: / Ich werde von meinem Geist ausgießen / über alle sterblichen Geschöpfe. / Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, / eure Jungen werden Visionen haben, / und eure Alten werden Träume haben.*
*Auch über meine Diener und Dienerinnen / werde ich von meinem Geist ausgießen / in jenen Tagen und sie werden Propheten sein.*« (Apg 2,1-18, modifiz. Einheitsübers.)
Liebe Gemeinde, der Beginn dieses Abschnitts erklärt, wie das Pfingstfest zu seinem Namen kommt. Im deutschen Wort Pfingsten ist das nicht mehr so gut herauszuhören. Im englischen heißt es pentecost. Beides geht auf das Griechische pentecoste zurück, das heißt »50«. Damit sind 50 Tage gemeint oder sieben Wochen und ein Tag. So viel Zeit liegen nach dem jüdischen Festkalender zwischen dem Passafest und dem Wochenfest, auf hebräisch shavuot. Der Name und der Termin unseres Pfingstfestes führt uns also zu den Wurzeln unseres christlichen Glaubens im Judentum zurück.
Ostern, die Geschichte von Tod und Auferstehung Jesu sind mit dem Passafest verbunden, zu dem Juden sich an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnern. Das Wochenfest shavuot wurde zunächst als Erntefest gefeiert. Später erinnerte man sich dabei daran, dass Gott seinem Volk am Sinai die 10 Gebote gab.
Mose stieg im Donnern und Blitzen, in Feuer und Rauch auf den Berg, um dort die Gebote zu empfangen. Wenn Lukas berichtet, dass das Haus der versammelten Jüngerinnen und Jünger von Brausen wie von einem Sturmwind erfüllt wurde, dann konnten die Menschen damals den Zusammenhang zur Mosegeschichte leicht erkennen. Auch die Feuerflammen führen dorthin zurück. Am brennenden Dornbusch hatte Gott Mose berufen und ihm seine Gegenwart gezeigt.
Was die Männer und Frauen damals in Jerusalem erlebten, hatte also mit dem jüdischen Fest zu tun, das sie gemeinsam feierten. So wie Gott zu Mose gesprochen hatte, so sollten nun auch sie sprechen. Die, die Jesus gefolgt waren, sollten nun verkünden, dass Gott unter uns ist und für uns da ist. So wie Mose, die Propheten und Jesus selbst es getan hatten.
Ein weiterer wichtiger Zug der Pfingstgeschichte ist das internationale Umfeld. »In Jerusalem aber wohnten Juden, gottesfürchtige Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel ... Parther, Meder und Elamiter ...« Schon zur Zeit Jesu war Jerusalem eine Weltstadt. Durch Handel, Reisen und die wechselvolle Geschichte Israels lebten Juden in vielen Teilen der damals bekannten Welt. Manche waren wieder nach Jerusalem zurückgekehrt. Dazu kamen Menschen aus anderen Völkern, die sich für den Glauben Israels interessierten, und viele Nichtjuden, die in den Städten des römischen Reiches lebten.
Pfingsten ereignet sich also in einer Welt voller unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Religionen. Und das eigentliche Wunder ist: Menschen verstehen sich. Jeder hört in seiner eigenen Muttersprache, wie die Jünger Gott preisen.
Ich habe schon oft gedacht, ich wäre gern dabei gewesen. Denn Lukas beschreibt nicht genau, wie es eigentlich war. Haben die Jünger plötzlich fremde Sprachen gesprochen? Oder hörte jeder die Worte einfach in seiner eigenen Sprache? Vielleicht redeten und beteten alle durcheinander, und doch verstanden die Menschen, worum es ging. Die Einzelheiten bleiben offen. Aber das Entscheidende bleibt: Menschen verstehen sich über Grenzen hinweg. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung der Pfingstgeschichte. Das Wunder besteht nicht zuerst darin, dass Menschen fremde Sprachen sprechen können. Sondern darin, dass Menschen einander verstehen.
Die Jünger sprechen frei von ihrem Glauben und von der Hoffnung, die sie durch Jesus gefunden haben. Und Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern hören nicht nur Worte. Sie hören etwas, das sie anspricht und das sie verstehen können. Das war damals nicht selbstverständlich. Und es ist es heute auch nicht. Wir erleben oft das Gegenteil. Menschen reden aneinander vorbei. Unterschiedliche Meinungen führen schnell dazu, dass man sich zurückzieht. In Familien, in der Gesellschaft und zwischen Nationen. Und erst recht dort, wo Krieg und Gewalt herrschen.
Die Pfingstgeschichte erzählt von einer anderen Möglichkeit. Gottes Geist trennt Menschen nicht voneinander. Er führt sie zusammen. Nicht so, dass plötzlich alle gleich denken würden. Die Unterschiede bleiben bestehen. Aber können Menschen einander verstehen. Vielleicht ist das bis heute eine wichtige Aufgabe der Kirche: Räume offen zu halten, in denen Menschen miteinander sprechen und einander zuhören können. Nicht jedes Gespräch führt sofort zu Einigkeit. Aber viel ist gewonnen, wenn Menschen überhaupt im Gespräch bleiben.
Pfingsten erinnert uns daran: Verständigung ist nicht selbstverständlich. Sie ist ein Geschenk. Und zugleich eine Aufgabe. Diesen Geist können wir nicht selbst herstellen. Aber wir können Gott darum bitten, dass er uns füreinander öffnet. Dass er uns Worte schenkt, die nicht verletzen, sondern verbinden. Den Mut, selbst zu reden, wo wir nicht schweigen sollen. Und dass er uns die Ohren öffnet für die Worte von anderen.
Pfingsten heißt: Gottes Geist wirkt unter uns. Er macht lebendig und verbindet uns untereinander. Dann kann geschehen, womit wir vielleicht schon gar nicht rechnen: Dass wir einander wirklich verstehen.
Ansprechperson
Hans-Christoph Meier

Pfarrer
Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.
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