Gesegnet sein

Predigt in der Christuskirche am Sonntag Trinitatis (Dreieinigkeit), zu 4. Mose 6,22-27, 31.5.2026

An Gesichtern können wir vieles ablesen. Ob mein Gegenüber froh ist oder traurig. Angespannt oder gelassen. Ob jemand aufmerksam zuhört oder mit den Gedanken ganz woanders ist. Manchmal merken wir an einem Gesicht auch, ob ein Mensch freundlich auf uns schaut oder uns lieber aus dem Weg gehen möchte.

An Gesichtern können wir vieles ablesen. Ob mein Gegenüber froh ist oder traurig. Angespannt oder gelassen. Ob jemand aufmerksam zuhört oder mit den Gedanken ganz woanders ist. Manchmal merken wir an einem Gesicht auch, ob ein Mensch freundlich auf uns schaut oder uns lieber aus dem Weg gehen möchte. Und in Videokonferenzen schaut man sich an und hat trotzdem das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden. Es ist ein Unterschied, ob wir jemanden nur am Telefon sprechen oder ob wir ihm wirklich begegnen, von Angesicht zu Angesicht.
   
In unserem heutigen Predigttext geht es um eine solche Begegnung. Im 4. Buch Mose ist der Segen überliefert, mit dem das Volk Israel gesegnet werden soll. Segen bedeutet dort: Gott wendet sich den Menschen zu. Ich lese aus dem 6. Kapitel des 4. Mosebuchs:
*Der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:*
*Der Herr segne dich und behüte dich;*
*der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;*
*der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.*
*Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.* (4. Mose 6,22-27)
   
Diese Worte sind uns vertraut. Wir hören sie fast an jedem Sonntag am Ende des Gottesdienstes. Viele Menschen warten bewusst auf diese Worte. Der Segen gehört zu den ältesten und schönsten Stücken unserer Gottesdienste. Schon im Volk Israel hatte dieser Segen seinen festen Platz. Gott befiehlt Aaron und den Priestern: So sollt ihr das Volk segnen. Bevor Israel in die neue und ungewisse Zukunft aufbricht, wird Gottes Segen über ihm ausgesprochen.
Bis heute ist das ähnlich geblieben. Der Gottesdienst endet mit dem Segen, und dann gehen wir wieder hinaus in den Alltag, in eine neue Woche, in das, was vor uns liegt. Der Segen schlägt eine Brücke zwischen Gottesdienst und Leben. Darum ist er vielen Menschen so wichtig. Es ist ein intensiver Moment, der uns noch einmal anders anspricht als Texte oder Gebete oder Lieder. Eine Religionslehrerin hat das erlebt, als sie in der Förderschule einen Gottesdienst feierte. Offenbar waren im Verlauf des Gottesdienstes die Schülerinnen und Schüler etwas unruhig gewesen. Aber am Ende hörte sie, wie einer dem anderen zuflüsterte: »Halt's Maul, jetzt kommt der Segen«. So lautet der Titel des Buchs, das sie über ihre Arbeit geschrieben hat.
Gottes Segen begleitet uns auch an den Wendepunkten des Lebens. In der Taufe. Bei der Konfirmation. Bei der Trauung. Und am Ende des Lebens bei der Aussegnung. Viele Menschen wünschen sich, dass ihr Leben unter Gottes Segen steht, selbst dann, wenn ihnen sonst vieles im Glauben fremd geworden ist. Aber was ist das eigentlich: Segen?
Nicht nur in der Kirche, auch im Alltag sprechen wir vom Segen. Wir wünschen uns eine »gesegnete Mahlzeit«. Wir sagen: »Das ist wirklich ein Segen«, wenn wir für etwas sehr dankbar sind. Zum Geburtstag singen wir: »Viel Glück und viel Segen«. Das Wort gehört tief zu unserer Sprache und offenbar auch tief zu unseren Sehnsüchten. Vielleicht deshalb, weil wir spüren, dass das Leben nicht vollständig in unserer Hand liegt. Wir können vieles planen und organisieren, aber nicht alles machen.
   
Hören wir noch einmal genauer auf die Worte des Segens, den Aaron sprechen soll — Moses Bruder, der erste Priester Israels. Dieser Segen wird übrigens bis heute in jüdischen Gottesdiensten gesprochen. Wenn wir ihn hören, beten wir etwas, das uns mit dem Judentum verbindet — mit der Wurzel, aus der unser Glaube gewachsen ist.
*Der Herr segne dich und behüte dich.*
Das ist zuerst ein Wunsch nach Schutz und Bewahrung. Viele Eltern empfinden genau das für ihre Kinder, wenn sie sie taufen lassen: den Wunsch, dass ihnen nichts Schlimmes geschieht. Dass sie behütet durchs Leben kommen. Gerade in einer Welt, die vielen unsicher erscheint, wird diese Seite des Segens leicht verstanden. Aber der Segen meint mehr als Schutz.
*Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.*
Das hebräische Wort, das hier mit »gnädig« übersetzt ist, bedeutet auch barmherzig, mitfühlend, oder verzeihend. In meinem Leben ist also nicht einfach alles eitel Sonnenschein. Ich weiß um meine Fehler, um meine Schwächen, mit denen ich mir und anderen das Leben schwer mache.
Doch im Segen »Gott sei dir gnädig« liegt nicht nur die Bitte, sondern auch die Zusage: Gott *ist* dir gnädig. Wir tun uns oft schwer, Gnade walten zu lassen. Doch Gottes Gnade ist größer als unser eigener Kleinmut. Er ist bereit, zu verzeihen, einen neuen Anfang zu setzen. Er hält zu mir, wo ich selbst Schwierigkeiten habe, zu dem zu stehen, was ich getan oder gesagt habe.
*Der Herr hebe sein Angesicht auf dich.*
Wieder ist vom Angesicht Gottes die Rede. Jetzt nicht davon, wie es aussieht, sondern davon, dass Gott es mir zuwendet. »Der Herr hebe sein Angesicht auf dich« — das heißt: Gott schaue dich an. Gott begegne dir, er werde für dich erfahrbar als ein Gegenüber.
Das ist wohl der wichtigste Wunsch dieses Segens und zugleich der Kern dessen, was Segen überhaupt ist: Segen ist Begegnen. Im Segen begegnet mir Gott, wendet sich mir zu. Er kennt mich und ich darf ihn kennenlernen. Wo diese Beziehung besteht, da ist Segen. Ich stehe, ich lebe im Gegenüber zu Gott — ganz gleich, was in meinem Leben kommen mag, welche Höhen oder Tiefen ich durchschreite.
*Er gebe dir Frieden.*
Im Hebräischen heißt es *Schalom*. Das ist Frieden und Glück, es ist Heil und Zufriedenheit. Schalom heißt, dass es mir gut geht und dass ich zum Leben habe, was ich brauche. Schalom heißt aber auch, dass es gerecht zugeht, dass das Zusammenleben gelingt.
Schalom — das klingt schön. Aber wir wissen um die Kriege, die so viele Menschen betreffen. In der Ukraine, im Nahen Osten sterben Menschen, weil Machthaber ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen — zum Schaden der Menschen in ihren eigenen Ländern und weit darüber hinaus. Was heißt es da, wenn wir sagen »Gott schenkt Frieden«?
Der Segen sagt nicht: Lehnt euch zurück, Gott regelt das schon. Er sagt: Schalom — das ist, was sein soll. Was dem Willen Gottes entspricht. Wer das glaubt, kann sich mit dem Krieg nicht abfinden. Der Segen widerspricht der Logik der Gewalt und lässt uns Wege aus der Gewalt heraus suchen.
   
Nicht zufällig hören wir diese alten Segensworte aus dem 4. Buch Mose heute, am Dreieinigkeitssonntag.
In den Segensworten des Aaron dreht sich alles darum, dass wir im Angesicht Gottes leben. Gott zeigt sein Gesicht. Er wendet sich den Menschen zu. Als Christinnen und Christen glauben wir: In verschiedener Weise begegnet uns immer der eine Gott — der Gott, der behütet, der vergibt, der Frieden schenkt.
Die Christinnen und Christen haben früh versucht auszudrücken, wie Gott uns Menschen begegnet: als Schöpfer der Welt, in Jesus Christus und durch seinen Geist. Die alten Kirchenlehrer haben dafür Begriffe gesucht und gefunden — griechische und lateinische Worte, die das Gemeinte nur annähernd treffen konnten. Einer dieser Begriffe, *Prosopon*, bedeutete im Griechischen ursprünglich auch »Gesicht«. Wenn wir von Vater, Sohn und Geist sprechen, dann sind das – etwas vereinfacht gesagt –  drei Weisen, wie Gott uns sein Gesicht zuwendet.
   
Und noch etwas gehört zum Segen: Wer gesegnet wird, soll den Segen weitergeben. Schon zu Abraham wurde gesagt: »Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.« Menschen können füreinander zum Segen werden: durch ein gutes Wort, durch Zuhören, durch Trost, durch Geduld oder einfach dadurch, dass sie freundlich miteinander umgehen. Manchmal geschieht das ganz unscheinbar. Eine Hand auf der Schulter. Ein Besuch. Ein gutes Gespräch. Oder ein Mensch, der gerade dann bei mir bleibt, wenn andere sich zurückziehen.
An Gesichtern können wir vieles ablesen. Und manchmal auch etwas vom Segen Gottes. In Gesichtern von Menschen, die uns freundlich ansehen. Die uns vergeben. Die Frieden stiften. Die uns die Gewissheit geben, nicht allein zu sein.
Diese Worte stellen uns in eine Wirklichkeit hinein, die viel größer ist als das, was wir erleben. Wir können nicht selbst machen, was im Segen gesagt ist. Aber es gilt, was in den Worten gesprochen wird. Wir gehen in die neue Woche als Menschen, über die Gottes Segen ausgesprochen ist. Das ist mehr, als wir sehen können. Aber manchmal ist es genau das, was uns trägt.
*»Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.«*
Ansprechperson

Hans-Christoph Meier

Pfarrer

Hans-Christoph Meier macht vor allem "klassische" Gemeindearbeit. Dazu gehören neben Gottesdiensten, Kasualien und Konfirmandenarbeit besonders auch die Geschäftsführung.



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