Ein paar Millimeter Stoff
Es ist Nacht. Und ich liege in einem Zelt. Neben mir meine Kinder. Sie schlafen. Eigentlich ist es ganz friedlich. Man hört ein bisschen den Wind und hier und da knackt es. Doch plötzlich hört man in der Ferne ein Grollen.
Kein Geist der Furcht

Und ich denke nur: bitte nicht jetzt… aber dann mehren sich die Zeichen. Zuerst wird der Wind stärker… dann hört er plötzlich auf und die ersten Regentropfen prasseln aufs Zeltdach. Der Wind drückt gegen die Wände. Die Stangen knarzen.
Und aus dem Schlafsack neben mir kommt eine kleine Stimme: „Papa? Hält das Zelt?“
Ich wusste es nicht.
Und aus dem Schlafsack neben mir kommt eine kleine Stimme: „Papa? Hält das Zelt?“
Ich wusste es nicht.
Ein Zelt ist ja fast nichts. Ein paar Millimeter Stoff zwischen uns und dem Unwetter. Man hört alles. Man spürt die Kälte. Die Feuchtigkeit dringt durch jede Ritze. Kein Zelt der Welt macht ein Gewitter leiser.
Und trotzdem habe ich gesagt: „Es hält. Und keine Sorge: ich bin da.“
Dann ist sie wieder eingeschlafen.
Und trotzdem habe ich gesagt: „Es hält. Und keine Sorge: ich bin da.“
Dann ist sie wieder eingeschlafen.
Nicht, weil das Gewitter vorbei war. Sondern weil sie wusste: Papa ist da.
Ich glaube, wir fühlen uns manchmal so, als würden wir in einem Zelt liegen. Draußen tobt bereits der Sturm:
– Kriege, die näher rücken.
– Hass und Hetze, die in unserem Land zunehmen
– Nachrichten, die man abends lieber nicht mehr liest.
– Und dann kommen die ganzen privaten Gewitter: Job, Krankheit, Geld, Freundschaften, Familie.
Die Frage aus dem Schlafsack ist also auch unsere Frage: Hält das Zelt?
– Kriege, die näher rücken.
– Hass und Hetze, die in unserem Land zunehmen
– Nachrichten, die man abends lieber nicht mehr liest.
– Und dann kommen die ganzen privaten Gewitter: Job, Krankheit, Geld, Freundschaften, Familie.
Die Frage aus dem Schlafsack ist also auch unsere Frage: Hält das Zelt?
Der Zeltmacher
Der Mann, dessen Brief wir gleich zusammen hören, kannte sich mit Zelten aus.
Paulus. Paulus war Zeltmacher.
Das steht in der Apostelgeschichte, Kapitel 18. In Korinth wohnt er bei Aquila und Priszilla. Sie hatten alle dasselbe Handwerk. Griechisch heißt das skēnopoiós – Zeltmacher.
Paulus, der wichtigste Theologe der frühen Kirche hat sein Geld damit verdient, Leder und Stoff zusammenzunähen. Er wusste, wo ein Zelt reißt. Und was es aushält.
Und jetzt sitzt dieser Zeltmacher selbst ohne jeden Schutz da. Denn er sitzt im Gefängnis. Paulus weiß, dass sein Ende naht.
Geschrieben ist er an Timotheus. Ein junger Mann, der Gemeinden leiten soll und dem das über den Kopf wächst.
Der Mann, dessen Brief wir gleich zusammen hören, kannte sich mit Zelten aus.
Paulus. Paulus war Zeltmacher.
Das steht in der Apostelgeschichte, Kapitel 18. In Korinth wohnt er bei Aquila und Priszilla. Sie hatten alle dasselbe Handwerk. Griechisch heißt das skēnopoiós – Zeltmacher.
Paulus, der wichtigste Theologe der frühen Kirche hat sein Geld damit verdient, Leder und Stoff zusammenzunähen. Er wusste, wo ein Zelt reißt. Und was es aushält.
Und jetzt sitzt dieser Zeltmacher selbst ohne jeden Schutz da. Denn er sitzt im Gefängnis. Paulus weiß, dass sein Ende naht.
Geschrieben ist er an Timotheus. Ein junger Mann, der Gemeinden leiten soll und dem das über den Kopf wächst.
Und ihm schreibt Paulus:
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.
9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,
10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Zwei Wörter, die es nur hier gibt
Schauen wir genauer auf Vers 7. Da passiert etwas Seltenes.
Das Wort für „Furcht“ heißt auf Griechisch deilía. Das ist nicht die gesunde Angst, die uns vor der heißen Herdplatte schützt. Deilía ist die Verzagtheit. Die Angst, die einen klein macht. Die einen einknicken lässt.
Dieses Wort kommt im ganzen Neuen Testament nur ein einziges Mal vor. Hier. Diese Angst ist groß!
Schauen wir genauer auf Vers 7. Da passiert etwas Seltenes.
Das Wort für „Furcht“ heißt auf Griechisch deilía. Das ist nicht die gesunde Angst, die uns vor der heißen Herdplatte schützt. Deilía ist die Verzagtheit. Die Angst, die einen klein macht. Die einen einknicken lässt.
Dieses Wort kommt im ganzen Neuen Testament nur ein einziges Mal vor. Hier. Diese Angst ist groß!
Und das letzte Wort des Verses gibt es auch nur hier: sōphronismós. Luther übersetzt „Besonnenheit“. Es ist mehr als „Ruhe bewahren“. Es heißt: zur Besinnung kommen. Einen klaren Kopf bekommen. Wieder bei Sinnen sein.
Zwei Wörter, die es nur ein einziges Mal gibt. Eins am Anfang des Verses, eins am Ende. Die lähmende Angst und der klare Kopf. Dazwischen: Kraft und Liebe.
Zwei Wörter, die es nur ein einziges Mal gibt. Eins am Anfang des Verses, eins am Ende. Die lähmende Angst und der klare Kopf. Dazwischen: Kraft und Liebe.
Jetzt schreibt Paulus aber nicht: Du brauchst keine Angst zu haben.
Das wäre gelogen. Er sitzt selbst im Gefängnis und erwartet sein Ende.
Aber Paulus schreibt: Gott hat uns etwas anderes gegeben. Von ihm kommt etwas anderes.
Kraft, Liebe und damit ein klarer Kopf. Das sind keine Charaktereigenschaften, die man sich antrainiert. Es sind Geschenke. Man hat sie nicht. Man bekommt sie.
In unserem Bild also: Das Gewitter bleibt. Und das dünne Zelt. Aber wir liegen nicht allein.
Das Zelt steht schon
Wie aber bekommt man diese Geschenke? Vers 9 gibt darauf eine erstaunliche Antwort.
Gott hat uns gerufen, „nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt“.
Vor der Zeit der Welt.
Bevor Pia, Josef und Noah irgendetwas leisten konnten. Bevor sie laufen, sprechen oder glauben konnten. Bevor es sie gab. Bevor es überhaupt irgendetwas gab.
Da war die Entscheidung schon lange gefallen! Gottes Ja steht fett über unserem Leben!
Genau das feiern wir, wenn wir Kinder taufen. Wir sagen nicht: Wenn du groß bist und alles richtig machst, darfst du rein. Wir sagen: Das Zelt steht schon. Du kommst in ein Zuhause, das längst für dich aufgebaut ist.
Zwei Verse vorher steht noch etwas. Paulus schreibt an Timotheus: Ich denke an deinen Glauben, „der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike“ (1,5).
Lois und Eunike. Zwei Frauen, die sonst nirgends in der Bibel vorkommen. Keine Apostelinnen, keine Heldinnen. Eine Oma und eine Mama. Ohne sie gäbe es diesen Timotheus nicht – und diesen Brief auch nicht.
Und da steht: Der Glaube hat in ihnen gewohnt. Wie in einem Zelt. Und alle mit Camping-Erfahrung wissen: ein Zelt baut man besser nicht allein auf. Eine hält die Stange. Einer spannt die Schnur. Die Kinder schlagen die Heringe ein – meistens schief.
Liebe Eltern, liebe Patinnen und Taufzeuginnen: Genau das seid ihr: Ihr seid Zelt-Mit-Bauer für die Lebenszelte eurer Kinder.
Und wir als Gemeinde auch. Wie oft haben Menschen Halt und Kraft in Gemeinden und Gemeinschaften gefunden. Gerade wenn es im Leben stürmisch wird.
Aber auch das gehört zur Wahrheit dazu: Manche Gemeinde oder auch Familie hat Menschen schwer geschädigt. Das Zelt fast abgerissen. Um so wichtiger, dass wir mit allen Mitteln gut am Zelt unserer Kinder mitbauen.
Und dazu passt übrigens auch das: auch unser Gott zeltet lieber!
Als König David ihm einen prächtigen Tempel bauen will, lässt Gott ihm ausrichten: Ich habe nie in einem Haus gewohnt. „Ich bin umhergezogen in einem Zelt“ (2. Sam 7,6).
Und als Johannes beschreibt, was an Weihnachten passiert ist, schreibt er: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Auf Griechisch steht da eskēnōsen. Wörtlich: Er hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen.
Gott wohnt nicht in einer Festung. Er zeltet. Mitten zwischen uns.
Da, wo es regnet.
Wie aber bekommt man diese Geschenke? Vers 9 gibt darauf eine erstaunliche Antwort.
Gott hat uns gerufen, „nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt“.
Vor der Zeit der Welt.
Bevor Pia, Josef und Noah irgendetwas leisten konnten. Bevor sie laufen, sprechen oder glauben konnten. Bevor es sie gab. Bevor es überhaupt irgendetwas gab.
Da war die Entscheidung schon lange gefallen! Gottes Ja steht fett über unserem Leben!
Genau das feiern wir, wenn wir Kinder taufen. Wir sagen nicht: Wenn du groß bist und alles richtig machst, darfst du rein. Wir sagen: Das Zelt steht schon. Du kommst in ein Zuhause, das längst für dich aufgebaut ist.
Zwei Verse vorher steht noch etwas. Paulus schreibt an Timotheus: Ich denke an deinen Glauben, „der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike“ (1,5).
Lois und Eunike. Zwei Frauen, die sonst nirgends in der Bibel vorkommen. Keine Apostelinnen, keine Heldinnen. Eine Oma und eine Mama. Ohne sie gäbe es diesen Timotheus nicht – und diesen Brief auch nicht.
Und da steht: Der Glaube hat in ihnen gewohnt. Wie in einem Zelt. Und alle mit Camping-Erfahrung wissen: ein Zelt baut man besser nicht allein auf. Eine hält die Stange. Einer spannt die Schnur. Die Kinder schlagen die Heringe ein – meistens schief.
Liebe Eltern, liebe Patinnen und Taufzeuginnen: Genau das seid ihr: Ihr seid Zelt-Mit-Bauer für die Lebenszelte eurer Kinder.
Und wir als Gemeinde auch. Wie oft haben Menschen Halt und Kraft in Gemeinden und Gemeinschaften gefunden. Gerade wenn es im Leben stürmisch wird.
Aber auch das gehört zur Wahrheit dazu: Manche Gemeinde oder auch Familie hat Menschen schwer geschädigt. Das Zelt fast abgerissen. Um so wichtiger, dass wir mit allen Mitteln gut am Zelt unserer Kinder mitbauen.
Und dazu passt übrigens auch das: auch unser Gott zeltet lieber!
Als König David ihm einen prächtigen Tempel bauen will, lässt Gott ihm ausrichten: Ich habe nie in einem Haus gewohnt. „Ich bin umhergezogen in einem Zelt“ (2. Sam 7,6).
Und als Johannes beschreibt, was an Weihnachten passiert ist, schreibt er: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Auf Griechisch steht da eskēnōsen. Wörtlich: Er hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen.
Gott wohnt nicht in einer Festung. Er zeltet. Mitten zwischen uns.
Da, wo es regnet.
Wenn das Zelt abgebaut wird
Und damit sind wir bei der schwersten Stelle. Unser Lebenszelt ist nicht für immer.
Paulus, der Zeltmacher, wusste das. An die Gemeinde in Korinth schreibt er über unser Leben: „Wenn unser irdisches Haus, dieses Zelt (gr. skēnḗ), abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel“ (2. Kor 5,1).
Unser Leben ist ein Zelt. Dünn. Verletzlich. Irgendwann wird es abgebaut.
Und genau hier ist der Höhepunkt unseres Textes:
„Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.“
Dem Tod die Macht genommen. Da steht nicht: den Tod abgeschafft. Er ist noch da, wie das Gewitter. Aber er hat nichts mehr zu sagen.
Ganz am Ende der Bibel sieht Johannes einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und er hört eine Stimme: „Siehe da, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen … und der Tod wird nicht mehr sein“ (Offb 21,3–4).
Am Ende der Bibel steht kein Palast. Am Ende steht immer noch ein Zelt. Aber eins, das nicht mehr abgebaut wird. Das Zelt Gottes – weil Gott mitten bei uns wohnt.
Hält das Zelt?
Pia, Josef und Noah haben heute keine Garantie bekommen, dass es in ihrem Leben nicht stürmt. Die kann ihnen niemand geben. Uns auch nicht.
Es gibt auch keine Garantie das unser Lebenszelt hält. Ganz im Gegenteil: irgendwann wird es abgebaut. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Aber sie haben etwas anderes bekommen. Die Zusage für einen Platz in Gottes Zelt. Und die Zusage, dass da einer neben ihnen liegt, wenn es donnert, stürmt und gewittert.
Und deshalb: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht: sondern der Kraft, Liebe und Besonnenheit.
Amen.
Ansprechperson
Mathis Goseberg

Pfarrer
Mathis Goseberg entwickelt neue Formen von Kirche. Dabei arbeitet er eng mit dem CVJM zusammen und macht neue Gottesdienste wie den Community-Gottesdienst und Kirche Kunterbunt.





