Kleider machen Leute

Predigt zum Gottesdienst vom 11.10.2026 zu Eph 4, 22-32

Wir alle kennen das: wenn wir einen Menschen zum ersten Mal treffen, machen wir uns ein Bild von ihm. Wir schätzen ein, was das wohl für einer ist. Dazu schauen wir ihm oder ihr ins Gesicht, welcher Ausdruck darauf liegt und wir schauen den ganzen Menschen an.

Und da macht für unsere Einschätzung doch sehr viel aus, was dieser Mensch für Kleider trägt. Passen diese zu ihm? Unterstreichen sie seine Persönlichkeit? Sind sie vorteilhaft? Oder macht der Mensch sich klein mit dem, was er angezogen hat? Versteckt er sich vielleicht sogar in seinen Kleidern?

Und genauso bei uns selbst: je nach Anlass und Gesellschaft, in der wir uns bewegen, wählen wir unser outfit aus. Und wehe das passt nicht: sind wir entweder zu leger oder zu elegant angezogen, fühlen uns nicht wohl in unserer Haut, in unserem Kleid. Weil wir uns als unpassend angezogen empfinden und vielleicht sogar schräg angeschaut werden.

Im heutigen Predigttext im Brief des Paulus an die Epheser im 4. Kapitel ist auch vom Ablegen und Anziehen die Rede. Hier geht aber nicht um das Kleid, sondern um den ganzen Menschen, der abgelegt und angezogen werden soll.

Hören wir den Text (Eph 4, 22-32):
„Legt von euch ab den alten Menschen mit deinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.
Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.
Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.
Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit,
Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“
 
Paulus fordert die Epheser auf, vollkommen neu zu werden. Sie sollen Geist und Sinn erneuern und den neuen Menschen anziehen, der nach Gott geschaffen ist. Für den Tag der Erlösung seien sie mit dem heiligen Geist Gottes versiegelt. Deshalb sollen sie diesen nicht betrüben. Wie Gott ihnen vergeben hat in Christus, sollen sie einander vergeben und untereinander freundlich und herzlich sein. Mit dem alten Menschen sollen sie alle Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei und Lästerung ablegen und damit auch alle Bosheit. 

Wie können wir als Christen nahezu 2000 Jahre später das verstehen? Das Thema des heutigen Sonntags ist „Heilung“. Was hat nun der alte und der neue Mensch bei Paulus mit dem Thema „Heilung“ zu tun? Wie sollen die Epheser Heilung erfahren, wenn sie der Weisung des Paulus folgend den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anlegen? Und von welcher Art ist diese Heilung?
 
Den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anlegen. Das ist ja nicht wirklich körperlich möglich. Es ist vielmehr ein Bild. Den alten Menschen ausziehen und den neuen Menschen anziehen wie ein Kleid, das ist das Bild. Wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie unsere Kleidung auf andere Menschen wirkt und wie wir selbst uns in Kleidung verstecken oder zeigen können; dann spüren wir, wie unser Kleid von außen nach innen wirkt. In einem schönen, neuen Kleid fühle ich mich schöner, stärker und vielleicht auch besser. Denn ich sehe schöner, stärker und vielleicht auch besser aus. Ich fühle mich wohl in diesem neuen Kleid, das meine zweite Haut ist.

Und so verstehe ich auch das Bild vom neuen Menschen, den ich anlegen kann wie ein neues Kleid. Ich soll ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn ich abends meinen Zorn ablege. Ich soll ausprobieren, was passiert, wenn ich nicht lüge, sondern die Wahrheit sage. Ich soll spüren, wie meine Rede auf andere wirkt, wenn ich Gutes rede, was erbaut und Gnade bringt dem, der es hört. Ich soll spüren, was passiert, wenn ich alle Bosheit ablege und mit meinen Mitmenschen freundlich und herzlich bin.

Diese Aufforderungen klingen teils sehr gewagt und die Folgen können unter Umständen auch fatal sein. Wenn ich die Wahrheit sage, statt zu lügen. Das kann für mein Gegenüber verletzend sein und unsere Beziehung  schwer belasten oder kaputt machen.Andererseits, wenn die Beziehung die Wahrheit nicht verträgt, war sie vielleicht schon vorher kaputt. 
 
Anderes überzeugt mich da eher: Wenn ich abends den Zorn ablege, dann kann ich besser schlafen. Ich beschäftige mich nicht weiter mit den Gemeinheiten, die mir tagsüber widerfahren sind, sondern lasse sie hinter mir zurück. Oder wenn ich meinen Mitmenschen gegenüber freundlich bin statt boshaft, dann werden sie auch mir gegenüber eher freundlich sein. Wie du in den Wald hinein rufst, so schallt es daraus zurück. Aber auch das ist nicht garantiert. 

Dennoch stellt sich die zentrale Frage: Wie kann mir das gelingen? Den ganzen Tag über erlebe ich doch selbst Bosheit, Verletzungen, Unfreundlichkeit. Und ich ärgere mich über andere, die unfreundlich sind, mich verletzen oder mir böse erscheinen. Das muss ich ja irgendwie wegstecken.

Es kann gelingen, wenn ich die Unfreundlichkeit an der Supermarktkasse nicht auf mich beziehe, sondern begreife, dass das ein herausfordernder Job ist und der oder diejenige es gerade nicht schafft, freundlich zu sein.
Es kann gelingen, wenn ich dem boshaften Kollegen oder der boshaften Kollegin aus dem Weg gehe und mich gegen die veranstalteten Intrigen schütze. Das geht, wenn ich nicht eskaliere, sondern mich immunisiere und vielleicht Verbündete finde, die mir helfen, dass mir kein Schaden zugefügt wird.
 
Wenn ich es schaffe, zu vergeben, kann ich über Verletzungen, die mir zugefügt wurden, hinwegkommen. Dann kann ich heil werden. Das ist die zentrale Botschaft im Text des Paulus; Vergebung untereinander. Die ist möglich, weil uns vergeben ist. Weil die Vergebung in Jesus Christus mich heil macht, gewinne ich die Freiheit und Kraft, meinerseits zu vergeben. 

Diese Wirkungen geschehen von außen nach innen. Ich probiere das Kleid des neuen Menschen äußerlich an und fühle mich darin auch innerlich nach und nach anders als zuvor. Denn in dem Maße, wie es mir gelingt, den neuen Menschen anzulegen, also dem Vorbild entsprechend zu handeln, in dem Maße komme ich dem zugrunde liegenden Glauben und der Beziehung von Mensch und Gott näher. Ich verwandle mich vom alten Menschen, den ich wie ein Kleid ablege, in den neuen Menschen.

Zuerst sieht es nur so aus, weil ich den neuen Menschen wie ein Kleid angezogen habe. Aber je länger ich im neuen Kleid wie ein neuer, ein anderer Mensch handle, werde ich tatsächlich neu und anders auch unter dem Kleid. Ich selbst verwandle mich zum neuen Menschen. Ich betrübe den heiligen Geist Gottes nicht mehr und kann ich die Nähe und Güte Gottes spüren.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen
 
Irmgard Behler
Prädikantin
 



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