Freiheit! Was für ein wunderschönes Wort für einen wunderbaren Zustand. Nicht müssen, sondern dürfen. Nicht gefangen sein, sondern selbstbestimmt. Nicht abhängig sein, sondern unabhängig.
Freiheit!
Auslegung vom 18.10.2026 zu Galater 5, 13-17

Aber - bin ich denn überhaupt unabhängig? Ohne andere Menschen hätte ich keine Wohnung und nix zu essen. Mit meinen Fähigkeiten zum Überleben als Einsiedler ist es nicht sehr weit her.
Und eine Kirche, in der wir heute Abend Gottesdienst feiern könnten, gäbe es dann auch nicht. Nicht nur das Gebäude würde fehlen, sondern auch die Gemeinde, die Gemeinschaft der Menschen, die sich dort treffen.
„Zur Freiheit seid ihr berufen“, schreibt Paulus, aber das Leben als Einsiedler meint er damit sicher nicht. Sonst hätte er nicht Gemeinden gegründet. Gemeinschaften, in denen viele verschiedene Menschen zusammen sind, die ganz verschiedene Vorstellungen von dieser Freiheit haben. So verschieden, dass es manchmal so richtig kracht. „Wenn ihr euch aber beißen und fressen wollt, seht wenigstens zu, dass ihr euch nicht ganz verschlingt.”
Schon die große Freiheitserzählung des Alten Testaments vom Auszug aus Ägypten weiß davon. Kaum haben die Israeliten es aus Ägypten heraus geschafft, fangen sie an zu murren und zu streiten. Ich halte es nicht für zufällig, dass dieser Moment der neu gewonnenen Freiheit auch der ist, in dem das Volk Israel die Zehn Gebote bekommt. Das Zusammenleben in Freiheit braucht Regeln, wenn wir uns nicht gegenseitig auffressen wollen.
Aber wenn die Regeln zu starr und einengend werden, ist es mit der Freiheit gleich wieder vorbei. “Lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen”, warnt Paulus. Regeln sollen das Leben in Freiheit möglich machen und es nicht abwürgen. Dieses Spannungsfeld zwischen Regeln und Freiheit prägt menschliche Gesellschaften bis heute, und viele Philosophen, Juristen und Politiker haben die Frage zu beantworten versucht, wie viele Regeln wir brauchen und wie viel Freiheit übrig bleiben soll. Die Debatte darüber ist noch lange nicht zu Ende.
Und offizielle Regeln und Gesetze sind ja nicht das Einzige. Wir setzen uns oft selbst Grenzen, die in keinem Gesetz stehen: durch Ängste, durch Gruppendruck, durch “das gehört sich so” oder “das war schon immer so”.
Paulus’ Beitrag zur Debatte heißt: Freiheit braucht Nächstenliebe. “Denn das ganze Gesetz hat seine Erfüllung in dem einen Wort gefunden: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.” Oder auch “Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du”. Das heißt: Wenn mein Nächster nicht die gleiche Freiheit hat wie ich, stimmt etwas nicht. Aus Nächstenliebe folgt Gleichberechtigung. Freiheit ist immer auch die Freiheit der anderen.
Das wissen wir alles, aber warum ist es dann manchmal so schwer, so zu leben?
Paulus meint, das liegt am „Begehren des Fleisches“, das mit dem Geist im Streit liegt. Mir fallen noch andere Wörter und Bilder dazu ein: Das kleine Engelchen und Teufelchen, die in Comics manchmal auf den Schultern eines Protagonisten sitzen und ihm ins Ohr flüstern. Der sprichwörtliche „innere Schweinehund“. Der Ausdruck „ich kämpfe mit mir“, wenn ich mich mit einer Entscheidung schwertue.
Wenn wir so viele Ausdrücke und Bilder dafür haben, ist das wohl etwas, was viele Menschen kennen und kannten - auch zu Paulus‘ Zeiten schon.
Wir wissen eigentlich, wie’s geht, und wir wollen es auch tun - aber vom Wollen zum Machen ist es manchmal ganz schön weit, und wir selber stehen uns dabei am meisten im Weg. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir die Freiheit erst lernen müssen.
Aber es lohnt sich. Denn ich möchte weder in einer unfreien Gesellschaft leben noch in einer, in der wir so frei sind, uns gegenseitig aufzufressen. Ich möchte in einer Welt leben, in der es Freiheit gibt und Gerechtigkeit und Gleichberechtigung und Menschenrechte und Menschenwürde. Für alle. Hab ich noch was vergessen?
Ich komme mir vor wie Gitte Haenning - kennt die noch wer? Ich will alles, ich will alles, und zwar sofort!
Naja, sofort ist vielleicht etwas unrealistisch. Gut Ding will Weile haben. Aber anfangen - anfangen könnten wir heute noch.
Ansprechperson
Martin Bienwald
Ehrenamtlicher
Martin Bienwald macht mit bei der "Haltestelle Christuskirche". Er singt im Gospelchor und tanzt beim Israelischen Tanz. Im Liturgieausschuss denkt und plant er mit.
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