Mut, vom Glauben zu sprechen

Predigt zum Reformationstag, 31.10.2026, Christuskirche

Martin Luther war zweifellos ein mutiger Mensch. 1517 veröffentlichte er 95 Thesen gegen den Ablass. Er schickte sie an die theologisch Gelehrten und die Verantwortlichen in der Kirche. Wahrscheinlich hat er sie am Vorabend des Allerheiligenfestes auch an die Kirchentür der Schlosskirche in Wittenberg geheftet. Die Veröffentlichung der Thesen war mutig, weil Luther sich damit gegen die geltende Lehre der Kirche stellte.

 
Aber er brauchte in den Jahren danach noch viel größeren Mut. Er wurde bedrängt und bedroht. Er sollte seine Lehre widerrufen. Der Papst und der Kaiser forderten, er solle die Macht der Kirche anerkennen und sich unterordnen.
Luther ist bei seiner Lehre geblieben: Niemand kann sich Gottes Vergebung für Geld erkaufen. So verstanden ja viele die Ablassbriefe, die damals verkauft wurden. Nicht das Geld entscheidet, sondern dass wir zum Glauben finden -- jeder und jede persönlich. Dass wir erkennen und annehmen: Durch Jesus erfahren wir die Liebe Gottes.
Wir können Martin Luther nicht nur mutig nennen, er war auch stur und hielt an seiner Einsicht fest. Ein Heiliger wurde er dadurch nicht. Mit ausgelöst durch Luthers Schriften gab es Bauernaufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Luther stellte sich auf die Seite der Herren. Es kam zur Spaltung der Kirche, was Luther sicher nicht gewollt, aber eben auch nicht verhindert hat. Aus heutiger Sicht hat er mit seiner antijüdischen Haltung in den späteren Lebensjahren großen Schaden verursacht. Nein, ein Heiliger war Luther nicht, aber mutig.
Warum war er so mutig? Das hat sicher mit seiner Persönlichkeit zu tun. Und natürlich auch damit, dass er nicht allein war, sondern viele Menschen fand, die ihn und seine Sache unterstützten. *Eine* Quelle für seinen Mut war aber sicher auch die Bibel. Im Matthäusevangelium lesen wir heute einen solchen Text, in dem Jesus seine Jüngerinnen und Jünger dazu aufruft, ihren Glauben ohne Furcht vor allen Menschen zu bekennen.

»*Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.*
*Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.*
*Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel*«. (Mt 10,26b-33)

Frei heraus, ohne Furcht den Glauben an Jesus Christus bekennen. In vielen Ländern der Welt werden auch heute noch Menschen für ihren christlichen Glauben verfolgt. Ein Teil der Flüchtlinge bei uns hat das erfahren. Bei uns müssen wir keine Angst um Leib und Leben haben, wenn wir von unserem Glauben sprechen. Aber so leicht tun wir uns mit dem »frei heraus bekennen« nicht.
Über unseren Glauben sprechen, anderen Menschen sagen, was Jesus uns bedeutet -- das kann ganz schön schwer sein. In der Kirche, im Gottesdienst, da ist der Raum dafür. Aber zu Hause, unter Nachbarn, bei der Arbeit...  Da scheuen wir uns, zu sagen, dass wir Christ oder Christin sind, dass wir an Gott glauben, dass wir beten. Wir wollen damit keinen Anstoß erregen. Wir wissen auch, dass die meisten Menschen um uns herum auf keinen Fall missioniert werden wollen.
Vom Glauben zu sprechen, braucht Mut, vielleicht heute viel mehr als zur Zeit von Martin Luther. Damals stritt man sich darüber, *wie* man richtig glauben soll. Heute ist für viele fraglich, ob man überhaupt glauben kann.
   
Dabei nimmt Jesus die Furcht ernst. Er sagt: Fürchtet euch nicht. Aber er sagt es nicht leichthin. Im selben Atemzug spricht er von denen, die den Leib töten, und von dem, der Leib und Seele verderben kann. Das ist keine Kleinigkeit. Halloween spielt mit der Angst. Kinder und Erwachsene verkleiden sich als Gespenster und Skelette und lachen darüber. Vielleicht, weil wir die Angst, um die es eigentlich geht, sonst nicht so gern anschauen: die Angst vor dem Tod. Jesus ist hier ehrlicher. Er tut nicht so, als gäbe es nichts zu fürchten. Auch Luther kannte diese Angst. Nicht in erster Linie der Kaiser hat ihn umgetrieben, sondern die Frage, ob er vor Gott bestehen kann. Und mit genau dieser Angst wurde damals Geschäft gemacht: Wer sich vor dem Fegefeuer fürchtete, konnte sich mit einem Ablassbrief Erleichterung kaufen, für sich und für seine Toten.
Woher nehmen wir den Mut, dieser Angst nicht nachzugeben? Jesus gibt in unserem Abschnitt eine Antwort, die man leicht überhört. Er spricht von den Sperlingen, also von Spatzen. Für ein kleines Geldstück konnte man zur Zeit Jesu zwei Tiere kaufen. In Geld gerechnet hat ihr Leben keinen großen Wert. Und doch haben sie dieses Leben von Gott -- und er erhält sie am Leben. Um wieviel kostbarer ist dann das Leben der Menschen bei Gott. Jesus drückt es so aus: Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Vor Gott sind wir wertvoll, mit allem, was uns ausmacht.
   
Genau das war Luthers Entdeckung. Gott misst uns nicht an unseren Leistungen. Er nimmt uns an, so wie wir sind -- allein aus Gnade. Du musst dir Gottes Zuwendung nicht kaufen: Der, vor dem du dich fürchtest, hat dich längst angenommen. Diese Botschaft war in der Kirche seiner Zeit verschüttet. Da gilt, was Jesus sagt: »Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird.« Was verschüttet war, kam ans Licht, weil einer es sagte -- offen und öffentlich. Sicher war Luther auch stur. Aber der tiefere Grund seines Mutes war das Vertrauen: Ich bin gehalten, auch wenn andere mich verurteilen. Und wer vor diesem einen nichts mehr fürchten muss, den können Menschen nicht mehr in Schach halten.
Jesus spricht in unserem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium davon, dass die Seele keinen Schaden nehmen darf. Luther hat energisch verteidigt, dass das Gewissen vor Gott frei ist und nicht von Menschen gebunden werden darf. Es geht also darum, was wir ganz tief in unserem Inneren erkennen. Ich könnte auch sagen: Das, wofür mein Herz brennt. Nicht, was andere sagen, oder wovon ich denke, dass es anderen gefällt. Ich stehe mit meinem Glauben vor Gott, der mich hält, und nicht vor dem Urteil anderer. Darum brauche ich ihr Urteil auch nicht zu fürchten. Was ist der Glaube, der mich trägt? Was ist die Hoffnung, die mich aufrichtet? Was die Liebe, die mich erfüllt? Es kann anderen gut tun und ihnen helfen, wenn ich davon spreche.
   
Noch etwas fällt mir auf. Die Jüngerinnen und Jünger sollen sich nicht zuerst zu einer Lehre bekennen, sondern zu Jesus selbst. »Wer nun mich bekennt vor den Menschen«, sagt er. Nicht: Wer meine Lehre kennt und bekennt. Die Jüngerinnen und Jünger sollen weitererzählen, was sie mit Jesus erlebt haben: wie er Kranke heilte, wie er mit den Ausgeschlossenen zu Tisch saß, wie er Mut machte. Sie sollen von ihren Erfahrungen mit ihm sprechen. Wer so erzählt, belehrt nicht, sondern teilt. Und andere hören leichter zu, wenn jemand von dem spricht, was ihn selbst berührt hat.
So war es auch bei Luther. Seine Thesen und Schriften begegnen uns oft als Lehrsätze. Aber hinter der Lehre stand eine Beziehung. Luther hatte eine enge, ganz persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Für ihn war Christus keine Idee, sondern ein persönliches Gegenüber, das ihm zusagt: Du bist gerechtfertigt, du bist frei. Darum konnte er auch vor dem Kaiser bei seiner Einsicht bleiben. Seine Lehre ging aus dem hervor, was ihm in dieser Beziehung aufgegangen war.
Und bei uns? Kaum jemand von uns hat Jesus ganz allein entdeckt. Wir kennen ihn, weil uns jemand von ihm erzählt hat. Vielleicht war es ein Elternteil oder die Großmutter, die abends mit uns gebetet hat. Vielleicht eine Lehrerin, ein naher Mensch, die uns nicht nur etwas über Jesus gesagt haben, sondern uns haben spüren lassen, dass er in ihrem Leben wichtig ist: durch ihre Geduld, ihre Güte, ihre Zuwendung. Durch sie haben wir etwas von ihm gespürt. So kommt der Glaube zu uns, von Mensch zu Mensch. Ich kann sagen, dass ich dankbar bin, dass es in meinem Leben solche Menschen gegeben hat.
   
Der letzte Satz unseres Textes fordert uns am meisten heraus: »*Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel*.« Viele von uns haben das schon erlebt, dass wir uns nicht eindeutig zu unserem Glauben bekennen. Aus Scheu oder Bequemlichkeit, wenn wir schweigen, wo wir etwas sagen könnten. Denken wir daran, dass auch Petrus Jesus in der Nacht vor seinem Tod dreimal verleugnet hat -- und dennoch hat Jesus ihn nicht fallen lassen. 
Wenn Jesus gerade zuvor gesagt  hat, dass wir vor Gott so wertvoll sind, dass er unsere Haare einzeln gezählt hat, dann wird er uns auch nicht fallen lassen -- so wenig, wie er die Spatzen vom Himmel fallen lässt. 
   
Der Mut, von dem Jesus spricht, ist kein Heldentum. Was Luther tat, geschah nicht aus eigener Kraft, sondern weil er sich gehalten -- in der Sprache Luthers »gerechtfertigt« -- wusste. Jesus sagt uns dasselbe zu: Du bist kostbar, du wirst nicht übersehen. Mutig zu sein, wird dadurch nicht einfach leicht. Aber wer das weiß, muss sich nicht beweisen und niemanden überzeugen. Er oder sie kann sagen, was ihn oder sie trägt: Zu Hause, unter Nachbarn, bei der Arbeit, im Licht und im Verborgenen. Und vielleicht werden wir damit für jemanden der Mensch, durch den er oder sie etwas von Jesus erfährt oder spürt.

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