Du bist gut genug !
Predigt zu Römer 7,14-25
„Du bist gut genug!“ – Vier Worte sind dieses Jahr musikalisch durch die Decke gegangen. Nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit. Und das, obwohl man zum Beispiel in den USA die Worte natürlich gar nicht verstand. Stattdessen wurde gesungen, was die Leute lautsprachlich verstanden: doobie scoot canoe. Völlig sinnfrei. Und trotzdem mitreißend.

„Du bist gut genug“, gesungen von einem Menschen, der auf den ersten Blick ganz bestimmt nicht den herrschenden Schönheitsidealen entspricht. Zumindest, was die Figur betrifft. Selbstbewusst und mit viel Spaß. Auf YouTube kann man sich das anschauen, wenn man möchte.
Ich wünschte mir, Paulus könnte diesen Song hören und sich auch davon mitreißen lassen: „Du bist gut genug“. Diesem Paulus, der voller Verzweiflung ruft: Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Kann mich denn niemand davon befreien?
Als Paulus den Römerbrief schreibt, ist er etwa 45 Jahre alt. Das ist in seiner Zeit ein hohes Alter. Er hat viel erlebt, überlebt: Folter, Seenot und Gefängnis. Er ist krank: Der Gedanke, dass es jederzeit vorbei sein kann, lässt sich nicht mehr aus dem Kopf verbannen.
Paulus tut also das, was Leute bei uns auch tun, wenn sie ihr Ende nicht mehr aus dem Blick verlieren können: Er lässt sein Leben Revue passieren. Was war gut, was war falsch. Anders als manch anderer geht er mit diesen Überlegungen nicht so um, dass er nochmal so richtig auf den Putz haut, um allen zu beweisen, was er noch draufhat und wieviel Macht er noch besitzt. Er zieht sich keine rote Kappe an und schwört seine Anhänger mit erhobener Faust auf seinen Willen ein.
Nein, Paulus blickt zurück. In seinem Leben gibt es ein ganz entscheidendes Ereignis: seine Begegnung mit Jesus Christus. Die liegt nun auch wieder 20 Jahre zurück. Damals war Paulus noch jung. Aber schon ein gemachter Mann. Er hatte eine wichtige gesellschaftliche Position. Die diente ihm dazu, diejenigen zu verfolgen, die behaupteten, Jesus sei der Messias, ja, Sohn Gottes gewesen. Er war damals überzeugt, das Richtige zu tun, das Gute.
Anders als andere, die einen solchen Schatten auf ihrer Biografie haben, rettet er sich nicht auf die Aussage: „Ich konnte ja nicht anders, ich musste ja diesen Befehl ausüben“. Sondern geht mit sich ins Gericht.
Für einen frommen Juden ist der Begriff des „Gesetzes“ entscheidend. So auch für Paulus. Das meint er, wenn er im Predigttext vom Gesetz des Fleisches spricht. Mit diesem ist er aufgewachsen, es ist gut für ihn gewesen und für das Gesetz wollte er es gut machen. Inzwischen ist er längst überzeugter Nachfolger Jesu. Ja, er setzt Alles, sogar sein Leben für die Sache Jesu ein. Aber er ist, der er ist, geworden in seinem Umfeld, in seiner Denkweise, mit seiner Sprache.
Und darum hört er nicht auf, nach dem Gesetz zu fragen. Nach seinem Sinn. Nach seiner Erfüllung. Damit hört er nicht auf, denn es ist das Gesetz Gottes. Das ist doch nicht einfach überflüssig oder abgeschafft. Es ist das Gesetz, dass von dem Gott kommt, der von Jesus sagt: Du bist mein geliebter Sohn.
Auch Jesus sind die Gesetze von Kindheit an vertraut. Er liebt sie, bewegt sie in seinem Herzen. Und er fasst sie zusammen in dem einen:
Du sollst Deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft. Und: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst.“
Endlich. Ein Gebot, das man sich merken kann. Überschaubar, einfach, befreiend – mag man sich denken.
Wer sich aber einmal daran versucht hat, wird merken, wie schwer es ist, dieses Gebot wirklich zu erfüllen.
Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft. Und meinen Nächsten wie mich selbst.
Sich selbst lieben.
Du bist gut genug.
Auch wenn du nicht das Gute tust, das du eigentlich tun möchtest. Auch wenn du feststellst, dass auch dem Guten, das du beabsichtigt hast, das Gegenteil geworden ist.
Du bist gut genug.
Auch wenn du nicht von Allen so geliebt wirst, wie du es dir wünschst.
Auch wenn du beschädigt bist an deiner Seele, weil du nicht so geliebt wirst, wie du es brauchst.
Du bist gut genug.
Nein, Paulus kannte diesen Song nicht.
Aber er hat es trotzdem verstanden. Ja, mehr. Er hat es erlebt und erfahren an seinem ganzen, von Krankheit gebeuteltem Leib und Seele:
Ich bin gut genug. Weil Jesus mich liebt. Weil er mich annimmt, so wie ich bin. Und weil ich in seinen Augen schon mehr bin, als ich selber in mir sehe. Weil er alles für mich gegeben hat. Sein eigenes Leben.
„Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“
Mit diesem erlösten Ausruf der Erkenntnis und der Befreiung endet unser Textabschnitt.
Ob er auch uns erreicht?
Ob es uns gelingt, dem zuzustimmen? Ich bin gut genug.
Mit meinem Unvermögen, immer das Richtige zu tun.
Mit meiner Traurigkeit darüber, dass ich trotz allem guten Willen immer wieder Missverständnisse verursache. Andere Menschen verletze.
Mit meinem Erschrecken davor, dass auch ich mit meinem Leben dazu beitrage, dass andere Menschen ausgebeutet werden. Die Umwelt zerstört wird. Menschenrechte verletzt werden.
Du bist gut genug. Sagt mir Jesus.
Darum kann ich eingestehen, wo ich falsche Entscheidungen getroffen habe.
Darum kann ich um Verzeihung bitten.
Darum muss ich nicht darauf beharren, dass meine Meinung die einzig richtige ist.
Darum kann ich versuchen zu versöhnen, wo sich tiefe Gräben aufgetan haben.
Oder zumindest nicht aufhören darauf zu hoffen, dass es eines Tages möglich sein wird.
Du bist gut genug. Das kann ich aber auch anderen Menschen sagen. Du musst nicht werden, wie ich dich haben möchte. Du bist gut genug. Weil du in den Augen Gottes gut genug bist. Und weil ich versuchen möchte, dich mit diesen Augen zu betrachten.
Du bist gut genug.
Das ist keine Erkenntnis, die ein für alle Mal in unseren Herzen und Seelen Wurzeln schlägt. Daran hat uns der Reformationstag gestern erinnert. Denn auch Martin Luther litt ja genau darunter unendlich. Unter dem Gefühl, nicht zu genügen. Nicht wert zu sein, von Gott geliebt zu werden.
Diese Erkenntnis, diese tiefe Erkenntnis, dass ich Gottes geliebtes Kind bin. Und dass das genau so gilt für die Menschen um mich herum. Diese Erkenntnis braucht immer wieder neu das Hören auf die Zusage Gottes. Immer wieder neu.
Du bist gut genug. Danke sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!
Amen.
Ich wünschte mir, Paulus könnte diesen Song hören und sich auch davon mitreißen lassen: „Du bist gut genug“. Diesem Paulus, der voller Verzweiflung ruft: Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Kann mich denn niemand davon befreien?
Als Paulus den Römerbrief schreibt, ist er etwa 45 Jahre alt. Das ist in seiner Zeit ein hohes Alter. Er hat viel erlebt, überlebt: Folter, Seenot und Gefängnis. Er ist krank: Der Gedanke, dass es jederzeit vorbei sein kann, lässt sich nicht mehr aus dem Kopf verbannen.
Paulus tut also das, was Leute bei uns auch tun, wenn sie ihr Ende nicht mehr aus dem Blick verlieren können: Er lässt sein Leben Revue passieren. Was war gut, was war falsch. Anders als manch anderer geht er mit diesen Überlegungen nicht so um, dass er nochmal so richtig auf den Putz haut, um allen zu beweisen, was er noch draufhat und wieviel Macht er noch besitzt. Er zieht sich keine rote Kappe an und schwört seine Anhänger mit erhobener Faust auf seinen Willen ein.
Nein, Paulus blickt zurück. In seinem Leben gibt es ein ganz entscheidendes Ereignis: seine Begegnung mit Jesus Christus. Die liegt nun auch wieder 20 Jahre zurück. Damals war Paulus noch jung. Aber schon ein gemachter Mann. Er hatte eine wichtige gesellschaftliche Position. Die diente ihm dazu, diejenigen zu verfolgen, die behaupteten, Jesus sei der Messias, ja, Sohn Gottes gewesen. Er war damals überzeugt, das Richtige zu tun, das Gute.
Anders als andere, die einen solchen Schatten auf ihrer Biografie haben, rettet er sich nicht auf die Aussage: „Ich konnte ja nicht anders, ich musste ja diesen Befehl ausüben“. Sondern geht mit sich ins Gericht.
Für einen frommen Juden ist der Begriff des „Gesetzes“ entscheidend. So auch für Paulus. Das meint er, wenn er im Predigttext vom Gesetz des Fleisches spricht. Mit diesem ist er aufgewachsen, es ist gut für ihn gewesen und für das Gesetz wollte er es gut machen. Inzwischen ist er längst überzeugter Nachfolger Jesu. Ja, er setzt Alles, sogar sein Leben für die Sache Jesu ein. Aber er ist, der er ist, geworden in seinem Umfeld, in seiner Denkweise, mit seiner Sprache.
Und darum hört er nicht auf, nach dem Gesetz zu fragen. Nach seinem Sinn. Nach seiner Erfüllung. Damit hört er nicht auf, denn es ist das Gesetz Gottes. Das ist doch nicht einfach überflüssig oder abgeschafft. Es ist das Gesetz, dass von dem Gott kommt, der von Jesus sagt: Du bist mein geliebter Sohn.
Auch Jesus sind die Gesetze von Kindheit an vertraut. Er liebt sie, bewegt sie in seinem Herzen. Und er fasst sie zusammen in dem einen:
Du sollst Deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft. Und: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst.“
Endlich. Ein Gebot, das man sich merken kann. Überschaubar, einfach, befreiend – mag man sich denken.
Wer sich aber einmal daran versucht hat, wird merken, wie schwer es ist, dieses Gebot wirklich zu erfüllen.
Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft. Und meinen Nächsten wie mich selbst.
Sich selbst lieben.
Du bist gut genug.
Auch wenn du nicht das Gute tust, das du eigentlich tun möchtest. Auch wenn du feststellst, dass auch dem Guten, das du beabsichtigt hast, das Gegenteil geworden ist.
Du bist gut genug.
Auch wenn du nicht von Allen so geliebt wirst, wie du es dir wünschst.
Auch wenn du beschädigt bist an deiner Seele, weil du nicht so geliebt wirst, wie du es brauchst.
Du bist gut genug.
Nein, Paulus kannte diesen Song nicht.
Aber er hat es trotzdem verstanden. Ja, mehr. Er hat es erlebt und erfahren an seinem ganzen, von Krankheit gebeuteltem Leib und Seele:
Ich bin gut genug. Weil Jesus mich liebt. Weil er mich annimmt, so wie ich bin. Und weil ich in seinen Augen schon mehr bin, als ich selber in mir sehe. Weil er alles für mich gegeben hat. Sein eigenes Leben.
„Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“
Mit diesem erlösten Ausruf der Erkenntnis und der Befreiung endet unser Textabschnitt.
Ob er auch uns erreicht?
Ob es uns gelingt, dem zuzustimmen? Ich bin gut genug.
Mit meinem Unvermögen, immer das Richtige zu tun.
Mit meiner Traurigkeit darüber, dass ich trotz allem guten Willen immer wieder Missverständnisse verursache. Andere Menschen verletze.
Mit meinem Erschrecken davor, dass auch ich mit meinem Leben dazu beitrage, dass andere Menschen ausgebeutet werden. Die Umwelt zerstört wird. Menschenrechte verletzt werden.
Du bist gut genug. Sagt mir Jesus.
Darum kann ich eingestehen, wo ich falsche Entscheidungen getroffen habe.
Darum kann ich um Verzeihung bitten.
Darum muss ich nicht darauf beharren, dass meine Meinung die einzig richtige ist.
Darum kann ich versuchen zu versöhnen, wo sich tiefe Gräben aufgetan haben.
Oder zumindest nicht aufhören darauf zu hoffen, dass es eines Tages möglich sein wird.
Du bist gut genug. Das kann ich aber auch anderen Menschen sagen. Du musst nicht werden, wie ich dich haben möchte. Du bist gut genug. Weil du in den Augen Gottes gut genug bist. Und weil ich versuchen möchte, dich mit diesen Augen zu betrachten.
Du bist gut genug.
Das ist keine Erkenntnis, die ein für alle Mal in unseren Herzen und Seelen Wurzeln schlägt. Daran hat uns der Reformationstag gestern erinnert. Denn auch Martin Luther litt ja genau darunter unendlich. Unter dem Gefühl, nicht zu genügen. Nicht wert zu sein, von Gott geliebt zu werden.
Diese Erkenntnis, diese tiefe Erkenntnis, dass ich Gottes geliebtes Kind bin. Und dass das genau so gilt für die Menschen um mich herum. Diese Erkenntnis braucht immer wieder neu das Hören auf die Zusage Gottes. Immer wieder neu.
Du bist gut genug. Danke sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!
Amen.
Ansprechperson
Sigrid Zweygart-Pérez

Pfarrerin
Sigrid Zweygart-Pérez ist Pfarrerin für die Seelsorge in die Gesellschaft hinein. Ihr Schwerpunkt sind Gottesdienste, Diakonie und die Arbeit mit Geflüchteten.





