„Es geht um die Wurst!“

Predigt beim Gottesdienst im Rahmen der Interkulturellen Woche 2026

Ibrahima wächst in Westafrika unter Gewalt und Elend auf. Die Stiefmutter gönnt ihm nicht einmal die Krümel vom Tisch und lässt ihn nicht zur Schule gehen. Ja, so ist das Leben vieler Menschen in diesem Teil der Welt, aber Ibrahima möchte sich damit nicht zufriedengeben.

Ibrahima ist noch ein Kind! Eines Tages bricht er auf, alleine, durch die Nacht, durch die Wüste, durch Dörfer und Städte und schließlich übers Meer. Er vertraut sein Leben zwielichtigen Schleppern an. 
Er landet schließlich in Deutschland. Ibrahima träumt von einer guten Schulbildung, von guten Freunden und von einer Zukunft. 
Den angestrebten Hauptschulabschluss musste er abbrechen und aus dem Jugendwohnheim musste er ausziehen, weil die deutschen Behörden dies so verlangten.
Ja, so verlangen es unsere Gesetze, aber Ibrahima lässt sich nicht unterkriegen. 
Ibrahima lernt auf eigene Faust weiter die deutsche Sprache und findet schließlich einen Ausbildungsplatz. Er möchte gerne Baumaschinenführer werden, doch ohne Schulabschluss muss er zunächst die Ausbildung zum Straßenbauer absolvieren, um sich dann später auf die Baumaschinen zu spezialisieren.
Es gibt in Deutschland für Geflüchtete die sogenannte Wohnsitzauflage. Diese legt fest, wo ein Mensch auf der Flucht in Deutschland zu leben hat. Obwohl Ibrahima eine Ausbildung in Heidelberg absolviert und einen Platz in einem Wohnheim in Heidelberg gefunden hat, darf er nicht umziehen. Nun muss er jeden Morgen um 04.30 aus dem Haus. 
Ja, die Wohnsitzauflage soll dazu dienen, dass Menschen auf der Flucht „gleichmäßig“ in unserem Land verteilt werden, aber Ibrahima gibt nicht auf. Er kämpft für eine Ausnahme dieser Regel.
 
Rafatous „Ja, aber“ Geschichte
Rafatou ist verheiratet und hat 3 Kinder. Sie hat eine gute Ausbildung genossen und eine gute Stelle in einer Bank. In ihrem Land herrscht Bürgerkrieg und auf der Korruptionsrangliste nimmt ihre Heimat Platz 142 von 182 Ländern an. Als Bankangestellte entdeckt sie Unregelmäßigkeiten. Als sie diese zur Sprache bringt, wird sie strafversetzt. Es kommt zu Bedrohungen und schließlich zu sexuellen Übergriffen.
Ja, es kann gefährlich sein, sich für Gerechtigkeit und Transparenz einzusetzen, aber Rafatou lässt sich nicht beirren. 
Doch der Preis ist hoch! Um zu überleben muss sie ihre Familie zurück lassen und flieht zunächst mit Hilfe von Angehörigen nach Frankreich. Doch der vermeintlich sichere Hafen entpuppt sich als Mogelpackung. Hier hält sie sich mit Putzjobs über Wasser. Ohne richtige Aufenthaltsdokumente in Frankreich landet sie jedoch nach kurzer Zeit auf der Straße. Das Milieu dort ist unbarmherzig und hart. Rafatou kann sich aus eigener Kraft in diesem fremden Land nicht behaupten und so wird sie Opfer eines Menschenhändlers, der sie nach Deutschland schleust und missbraucht.
In Deutschland stellt sie einen Antrag auf Asyl, doch die Gesetze sagen, dass sie zurück nach Frankreich muss. 
Ja, es gibt gemeinsame europäische Asylregeln, aber Rafatou hat große Angst vor dem Leben in Frankreich. 
Inzwischen wurde bei ihr ein Tumor festgestellt. Trotz erheblicher Gesundheitsgefährdung und anstehender Operation besteht das BAMF auf eine Abschiebung. Die Ärzte betonen, dass eine Operation dringend notwendig ist, da es ansonsten lebensbedrohlich werden könnte. Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. 
Ja, rechtlich gesehen sind alle Mittel ausgeschöpft, aber Rafatou hat beschlossen, ihr Leben Gott anzuvertrauen und weiter dafür zu kämpfen, gesund zu werden und sich in Deutschland eine neue Zukunft aufzubauen. 
 
Die Namen der real existierenden Personen geändert.
 
 
 
Zwei „Ja-Aber“ Geschichten haben wir ihnen gerade erzählt. Zwei Geschichten von Menschen, die sich nicht mit ihrer Lebenssituation abfinden. Sie wissen, dass es schwierig sein wird. Sie wissen, dass sie auf Hindernisse stoßen werden. Sie erfahren nach und nach, dass es Gesetze gibt, die es ihnen noch schwerer machen. Sie sind nicht gegen diese Gesetze. Aber sie sagen: Da muss es doch trotzdem eine Lösung geben, die auch für mich gut ist! Die mir ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt, Angst und Perspektivlosigkeit zu leben.
 
Wir hätten ihnen noch viele solcher Geschichten erzählen können. Menschen wie Ibrahima und Rafatou sind keine Einzelfälle. Sie begegnen uns immer wieder. Sie verlangen uns Anerkennung ab und Respekt. sagen „Ja, aber“ – und verändern damit ihren Lebenslauf.
 
Von so einer „Ja-Aber“ Geschichte erzählt uns der Evangelist Matthäus. Im 15. Kapitel hören wir folgende Begebenheit: 
Jesus verließ Gennesaret und zog sich in das Gebiet von Tyros und Sidon zurück.
Da kam eine kanaanäische Frau aus dieser Gegend zu ihm. Sie schrie: »Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem bösen Dämon beherrscht!«
Aber Jesus gab ihr keine Antwort. Da kamen seine Jünger zu ihm und baten: »Schick sie weg! Denn sie schreit hinter uns her.«
Aber Jesus antwortete: »Ich bin nur zu Israel gesandt, dieser Herde von verlorenen Schafen.«
Aber die Frau fiel vor ihm auf die Knie und sagte: »Herr, hilf mir doch!«
Aber Jesus antwortete: »Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.«
Die Frau entgegnete: »Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.«
Darauf antwortete Jesus: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll dir geschehen!«
In demselben Augenblick wurde ihre Tochter gesund.
 
Eine Frau findet sich nicht ab. Nicht damit, dass sie als Frau eigentlich sowieso nicht sichtbar, nicht hörbar und schon gar nicht wichtig ist. Sie ruft, sie schreit, wirft sich vor Jesus auf den Weg. Sie will gesehen und gehört werden. Sie will, dass ihre Wünsche wahr- und ernstgenommen werden.
Sie findet sich nicht damit ab, dass sie als Kanaanäerin keine Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk pflegt. Man lebte nebeneinander her, nicht miteinander. Als Randgruppe waren die Kanaanäer*innen zwar an vielen Orten in Juda präsent, besonders in den Städten. Aber es gab keine gemeinsame Sprache, keinen gemeinsamen Glauben.
Ausgerechnet diese Frau ruft nun Jesus mit einem Hoheitstitel an: „Du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir“! 
So, wie wir Jesus kennen, müsste er sich jetzt freundlich zu ihr hinwenden und sie fragen: „Was willst du, dass ich für dich tue?“ So, wie er es bei so vielen anderen Begegnungen mit Menschen getan hat. Blinden, Lahmen, Menschen, denen es schlecht geht.
Aber nichts davon passiert. Im Gegenteil. Jesus beachtet sie einfach nicht. Er reagiert nicht auf ihr Schreien und Flehen. Lässt sie eiskalt abblitzen.
Auch die Jünger, die dabei sind, setzen sich nicht wirklich für sie ein. Sie sind genervt von ihrem Schreien und möchten einfach, dass es aufhört: „Erfüll doch ihre Bitte! Sie schreit sonst dauernd hinter uns her.“ Wie lästig.
Und jetzt schließlich lässt sich Jesus dazu herab, etwas zu sagen. Aber was er sagt, schockiert: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Es ist nicht richtig, wenn man den Kindern das Brot wegnimmt und es den Hunden vorwirft.“ 
Was wir da hören, aus dem Munde Jesu hören, kommt uns merkwürdig bekannt vor: „Unser Land zu erst.“ Das ist die Losung, wie wir sie jetzt überall hören. Und ausgerechnet Jesus bläst in dieses Horn. Haben sie also doch Recht, die nationalen Christ*innen in den Vereinigten Staaten? Die mit ihrem Vizepräsidenten meinen, Nächstenliebe ist etwas für Familie, Freunde und vor Allem Menschen aus dem eigenen Volk? Jedenfalls nicht für Andersgläubige, Dazugekommene, Fremde?
Die Reaktion Jesu verstört. Sie passt so gar nicht in das Bild, das wir von Jesus in uns tragen.
Ist unser Bild falsch? Müssen wir das ändern? Oder was nehmen wir mit aus dieser Begegnung zwischen Jesus und der Kanaanäerin?
Jetzt ist es die Frau, die so von Jesus abgewiesen und mit einem Hund verglichen wird, die ihr „Ja, aber“ spricht. Ja, so ist es, wie du sagst. Du bist von Gott zu deinen Leuten geschickt worden. Das bezweifle ich gar nicht. Ich als Kanaanäerin bin nicht in deinem Blick. Aber ich sehe, dass du viel mehr bist, als, was du selber von dir denkst. Was mit dir, Jesus, dem Sohn Davids in die Welt gekommen ist, ist mehr, als was du dir bisher vorgestellt hast. Was du mitgebracht hast, reicht sogar für mich.“ 
Bei den Worten dieser Frau, die sich nicht dagegen wehrt, als Hund betitelt zu werden, erkennt Jesus etwas über sich selber. Sein Selbstverständnis wird aufgebrochen. Befreit aus den engen Grenzen, in denen es sich verfangen hatte. Durch das „Ja, aber“ dieser fremden Frau wird etwas Neues möglich, womit Jesus nicht gerechnet hatte. Nämlich, dass seine Botschaft nicht für eine kleine Nische dieser Welt bestimmt ist. Nicht für ein bestimmtes Volk. Sondern für alle Menschen.
Wir alle wären nicht hier in dieser Kirche, um Gottesdienst zu feiern, wenn es dieses „Ja,aber“ der kanaanitischen Frau nicht gegeben hätte. Von der wir nicht einmal den Namen wissen. In der Begegnung mit ihr wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Jesusbewegung keine jüdische Sekte geblieben ist, von der es viele gab. Sondern eine befreiende Botschaft, die die Welt verändert hat und verändert. Bis heute.
 
Jochen Winter 
Flüchtlingsseelsorger (Heidelberg & Mannheim)
 
 
 
Ansprechperson

Sigrid Zweygart-Pérez

Pfarrerin

Sigrid Zweygart-Pérez ist Pfarrerin für die Seelsorge in die Gesellschaft hinein. Ihr Schwerpunkt sind Gottesdienste, Diakonie und die Arbeit mit Geflüchteten.