Der gesellschaftliche Zusammenhalt nimmt ab. Das lässt sich beobachten: in Umfragen, in Kommentarspalten, im eigenen Bekanntenkreis. Die Gesellschaft teilt sich zunehmend in einzelne Gruppen und Milieus, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben. Man lebt nebeneinander her, mit gegensätzlichen Interessen, unterschiedlichen Weltbildern, verschiedenen Werten.
Gegen die Ausgrenzung
Predigt in der Christuskirche am 6.9.2026

Wer gehört dazu? Wer nicht? Wer genießt Ansehen, und wer wird eher verachtet? Der Blick auf die jeweils anderen ist dabei oft von Vorurteilen bestimmt: abwertend, ausgrenzend.
Hören wir den Predigtext aus dem Lukasevangelium im 19. Kapitel
»*Und Jesus kam nach Jericho und zog durch die Stadt. Und da war ein Mann, der Zachäus hieß. Der war Oberzöllner und sehr reich. Und er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus sei, konnte es aber wegen des Gedränges nicht, denn er war klein von Gestalt. So lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn sehen zu können; denn dort sollte er vorbeikommen.*
*Als Jesus an die Stelle kam, schaute er nach oben und sagte zu ihm: Zachäus, los, komm herunter, denn heute muss ich in deinem Haus einkehren. Und der kam eilends herunter und nahm ihn voller Freude auf.*
*Und alle, die es sahen, murrten und sagten: Bei einem sündigen Mann ist er eingekehrt, um sich auszuruhen.*
*Zachäus aber trat vor den Herrn und sagte: Hier, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, Herr, und wenn ich von jemandem etwas erpresst habe, will ich es vierfach zurückgeben.*
*Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist*.« (Lk 19,1-10)
So bekannt diese Geschichte ist, so viele Bilder haben sich im Lauf der Zeit um sie gebildet – Bilder, die im Text selbst gar nicht stehen. Dabei übernehmen wir oft unbemerkt die Sicht der Gegner des Zachäus, die ihn von Anfang an einen Sünder nennen. Ich nenne drei solcher Vorurteile, die auch mir lange selbstverständlich erschienen.
Ein erstes Vorurteil: Zachäus als skrupelloser Betrüger, der sich als Oberzöllner durch überhöhte Steuern und Zuschläge bereichert habe. Doch wer die Hälfte seines Vermögens verschenkt und danach noch vierfach zurückzahlen kann, muss den größten Teil seines Besitzes rechtmäßig erworben haben. Weder Jesus noch Lukas zweifeln an seinem Wort. Wir müssen es also auch nicht.
Ein zweites Vorurteil: Zachäus habe sich hinter den Blättern des Baumes versteckt, aus Scham oder aus Angst, erkannt zu werden. Davon steht im Text nichts. Er wollte sehen, nicht verborgen bleiben. Wäre ihm die Begegnung peinlich gewesen, hätte er kaum so überrascht und froh reagiert, als Jesus ihn beim Namen ruft.
Ein drittes Vorurteil: Zachäus sei ein einsamer Mensch gewesen, gemieden von allen, allein in einem großen, leeren Haus. Wenn Jesus aber sagt: »Heute ist diesem Haus Heil widerfahren», dann meint »Haus« kein leeres Gebäude, sondern die Menschen, die darin leben: Familie, Angestellte, ihre Kinder. Ein Haus, das an diesem Abend Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger aufnehmen kann, kann kein einsames Haus gewesen sein.
Wechseln wir die Perspektive und stellen uns vor, wie Zachäus an diesem Morgen losgegangen sein mag. Vielleicht rechnete er mit den üblichen Blicken, mit Getuschel, oder dem Verstummen der Gespräche, wenn er vorüber ging. Dass dann der Rabbi aus Nazareth ausgerechnet bei ihm stehen blieb, zu ihm hinaufsehen und ihn beim Namen rufen würde, wird er am Morgen kaum erwartet haben.
Urteile und Vorurteile, gibt es, wo Menschen zusammen leben. Damals wie heute. Sie entstehen überall dort, wo wir über Menschen sprechen, die wir kaum kennen: über Kolleginnen und Kollegen, über Nachbarn, über ganze Gruppen von Menschen, denen wir bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Medien besonders Social Media scheinen solche KLischées häufig eher zu verstärken als sie abzubauben.
In der Begegnung mit Zachäus setzt Jesus die Vorurteilen außer Kraft. Er spricht Zachäus mit seinem Namen an, schon bevor er ihn wirklich kennen gelernt hat. Er sieht in ihm den Menschen – und einen Sohn Abrahams. Zachäus gehört, wie Jesus selbst, zum Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat. Er gehört längst dazu, und das kann auch nicht verloren gehen. Jesus stellt heraus, was Zachäus mit den anderen verbindet. Er gehört dazu, gegen alle Bilder, die andere sich von ihm gemacht haben.
Heute, wo wir diese Geschichte von Zachäus hören, wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Nach den vorliegenden Prognosen könnte eine Partei stärkste Kraft werden, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird. Das macht vielen Menschen Sorgen – um die Demokratie in diesem Bundesland, um den Rechtsstaat, um den Zusammenhalt in unserem Land.
Die Geschichte von Zachäus hat an diesem Tag eine deutliche Botschaft: Niemand soll wegen äußerer Merkmale ausgegrenzt werden – nicht wegen seiner Herkunft, nicht wegen einer Behinderung, nicht wegen seiner sozialen Lage oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Jesus weitet den Kreis derer aus, die dazugehören: »Auch dieser ist ein Sohn Abrahams«. Seit der Entstehung des ersten christlichen Gemeinden hat sich diese Perspektive noch einmal geweitet. Im Geist Jesu, dem Heiligen Geist, hieß es für Christinnen und Christen von Anfang an: »Auch diese Frau, auch dieser Mensch ist ein Kind Gottes«, unabhängig von Herkunft, Aussehen, Vermögen oder irgend welchen anderen Merkmalen.
Wenn heute eine Partei offen dazu aufruft, Menschen auszugrenzen, etwa Menschen mit Migrationsgeschichte, behinderte oder sozial benachteiligte Menschen, Menschen die sich für Kunst und Kultur einsetzen, für das Miteinander und gegen die Ausgrenzung -- eine solche Partei steht gegen das, wofür Jesus eintritt.
Wenn ich das so feststelle, frage ich mich zugleich, ob ich nicht selbst ausgrenze. Ob wir also als Kirche oder Gemeinde nicht dasselbe tun. So schließen die Evangelische Kirche und die Diakonie zum Beispiel Mitgliedern rechtsextremer Parteien von hauptamtliche Stellen oder Ämter in Kirche aus. Eine Betroffene in Norddeutschland hat dagegen geklagt und erklärt, dass ihr großes Unrecht geschehe.
Ich zögere und wende mich wieder der Geschichte von Zachäus zu. Auch sie endet nicht mit einer heilen, versöhnten Gemeinschaft. Die Umstehenden »murren«, wie es bei Lukas heißt. Sie kritisieren, dass Jesus bei einem »Sünder« einkehrt. Die Kritiker lassen sich nicht darauf ein, was geschieht. Sie bleiben am Rand stehen und beharren, dass ein Zöllner in jedem Fall ausgegrenzt werden muss. Wer heute kritisiert, dass Menschen aus vielen Ländern zusammenleben, dass behinderte und benachteiligte Menschen dazugehören, dass arme Menschen unsere Solidarität brauchen, dass die Schöpfung bewahrt werden muss, stellt sich damit selbst an den Rand dieser Gemeinschaft, wie die, die bei Zachäus gemurrt haben.
Aber die Kritiker sind nicht die Hauptpersonen in dieser Geschichte. Lukas stellt Zachäus in den Mittelpunkt. Er hat an diesem Tag etwas erlebt, was er nicht erwartet hatte: Ihm ist in der Begegnung mit Jesus Gutes widerfahren, das er sich schon lang ersehnt hatte. Darauf antwortet er, indem er seinen Besitz mit den Armen teilt. Gutes erfahren und Gutes weitergeben, darin liegt Heil, nicht in Ausgrenzung und Abwertung. Seit Zachäus haben das Menschen immer wieder erfahren. Wir dürfen darauf vertrauen, dass auch unter uns, in unseren Häusern im Geist Jesu Gutes geschieht.
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