Eben haben wir gesehen, wie eine schlaffe Gestalt Zug um Zug aufgepumpt wurde – bis sie voller Leben und Energie war. Genau dieses Bild steht am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, die wir in der Lesung gehört haben.
Gott gab uns Atem
Predigt zum Ökumenischen Familiengottesdienst zum Weststadtfest

Gott formt den Menschen aus Erde – nicht mehr als eine Figur aus Tonerde. Das hebräische Wort für Mensch, »Adam«, hängt mit dem Wort für Erdboden, *Adamah*, zusammen. Der Mensch ist zunächst geformte Erde, eine Figur wie die im Anspiel, bevor die Pumpe angesetzt wird. Erst im nächsten Satz passiert das Entscheidende: Gott bläst dieser Figur den Atem des Lebens in die Nase ein. Erst dadurch wird aus dem Erdenkloß ein lebendiges Wesen.
Erst im Zusammenspiel von beidem – Lehm und Atem – ist der Mensch, was er ist. Nicht der Lehm allein macht ihn aus, und nicht der Atem für sich genommen. Nehmen wir eines von beidem weg, und der Mensch ist nicht mehr da: ohne Atem bleibt nur reglose Materie, ohne den geformten Leib gäbe es niemanden, der atmet. Es ist eine einzige, untrennbare Wirklichkeit: ein lebendiger Mensch. So können auch wir nicht sagen können, wo unser Körper aufhört und unser Atmen anfängt – beides gehört zusammen, solange wir leben.
Das hebräische Wort für Atem, *Ruach*, das in der Bibel verwendet wird, kann sehr Unterschiedliches meinen: Es heißt »Atem«, es steht für »Wind«, und es kann »Geist« bedeuten. Atem, Wind und Geist haben etwas gemeinsam. Man sieht sie nicht, man kann sie nicht festhalten, nicht vorzeigen. Und doch sind sie da, doch wirken sie, doch verändern sie etwas.
Wir sitzen heute unter freiem Himmel. Vielleicht spüren manche von Ihnen gerade einen Luftzug, etwas Wind im Gesicht, ein Rascheln in den Blättern über uns. Man sieht den Wind nicht – man sieht nur, was er tut. Genau das werden gleich unsere Kinder mit den CDs erleben: Man pustet, man setzt Luft in Bewegung – und etwas, das gerade noch stillstand, dreht sich, gleitet, bewegt sich. Die Luft war die ganze Zeit da. Aber erst wenn sie auf etwas trifft, zeigt sich ihre Kraft. Genauso, sagt die Schöpfungsgeschichte, ist es mit Gottes Geist: nicht vorzeigbar, aber sichtbar in dem, was er bewegt.
Und noch etwas ist wichtig: Der Atem in der Schöpfungsgeschichte ist kein einmaliges Ereignis. Gott pumpt den Menschen nicht einmal auf wie einen Ball, der dann von selbst weiterrollt. Atmen wiederholt sich ständig – einatmen, ausatmen, wieder einatmen, ohne Pause, unser ganzes Leben lang, auch jetzt, während ich spreche und Sie zuhören, während wir singen oder der Posaunenchor spielt. Gottes Lebenszuwendung war also nicht nur am Anfang der Welt. Sie geschieht in jedem Atemzug, den wir heute tun, immer wieder neu.
Diesen Gedanken möchte ich mit Ihnen auf zwei Dinge beziehen, die uns heute wichtig sind.
Das eine ist die Ökumene hier bei uns vor Ort. Wir feiern heute gemeinsam Gottesdienst, katholisch und evangelisch, unter einem Himmel. Auch wenn wir das regelmäßig tun, ist es keine Selbstverständlichkeit. Wie beim Atmen kommt es darauf an, immer wieder neu ein- und auszuatmen: aufeinander zuzugehen, miteinander zu feiern, einander etwas zuzutrauen, auch einmal Probleme zu lösen, die sich auftun – das Miteinander leben, immer wieder neu, immer wieder auch mit Veränderungen.
In diesen Rahmen gehört auch ein Wechsel: Das katholische Gemeindeteam, das lange mitgetragen hat, wird heute verabschiedet. Ein neues wird Team eingeführt. Verabschiedung selbst übernimmt gleich mein Kollege Carsten Groß, darum nur so viel von meiner Seite: Auch ein Wechsel im Team lebt davon, dass Menschen sich anstecken lassen von dem Geist, der eine Gemeinde trägt.
Das andere ist der Alltag, der jetzt vor uns liegt. Die Ferien gehen zu Ende, der Urlaub ist vorbei, die Schule beginnt wieder, der Terminkalender füllt sich. Für viele war der Sommer eine Verschnaufpause – ein Moment zum Durchatmen. Jetzt beginnt wieder Schule, Arbeit, Routine. Noch mehr als bisher stellt sich überall die Aufgabe, das wir uns einsetzten für Demokratie und Menschenrechte, für ein gutes Miteinander, die in Deutschland leben.
Für alle Aufgaben, die jetzt vor uns liegen wünsche ich uns zweierlei
Erstens frischen Wind. So wie die CDs vorhin erst durch den Luftzug in Bewegung kamen, so braucht auch unser Alltag diesen belebenden Anstoß von außen – Energie, die uns anschiebt und trägt, statt dass wir alles allein aus eigener Kraft stemmen müssen.
Zweitens einen langen Atem. Anders als ein einmaliges Anschieben braucht der Alltag Ausdauer. Genau das haben wir über das Atmen gelernt: kein einmaliges Ereignis, sondern ein ständiges Geben und Empfangen, ein Leben lang neuer Atem.
So wünsche ich uns für die Wochen, die vor uns liegen: dass wir nicht nur aus eigener Kraft laufen, sondern uns von Gottes Geist frischen Wind und langen Atem schenken lassen – so wie am Anfang der Schöpfung und seitdem an jedem Tag.






